11.07.2002

SonntagsBlick-Chef Nolte nimmt den Hut

Am Donnerstagmorgen ist SonntagsBlick-Chefredaktor Mathias Nolte (Bild) per sofort zurückgetreten. Begründet wurde dieser Schritt mit dem belasteten Vertrauensverhältnis zwischen ihm und der Ringier-Konzernleitung. Kurz zuvor war publik geworden, dass die SoBli-Mitarbeiterin Alexandra Würzbach die Nacktbilder der angeblichen Geliebten des ehemaligen Botschafters Thomas Borer widerrechtlich im Archiv der deutschen Super-Illu abfotografiert hatte. Die interimistische Führung der Redaktion übernimmt Bernhard Weissberg, Leiter Konzernbereich Zeitungen und Ex-SoBli-Chefredaktor. "persoenlich.com" hat Ringier-Konzernsprecher Fridolin Luchsinger zu den Hintergründen befragt.
SonntagsBlick-Chef Nolte nimmt den Hut

Herr Luchsinger, laut Weltwoche sagte Michael Ringier an der Kaderinformation zum abgelaufenen Geschäftsjahr, er werde die beiden Chefredaktoren Mathias Nolte und Jürg Lehmann (Blick) "bis zum letzten verteidigen, weil wir gute Argumente haben". Warum nun der Gesinnungswechsel?

Erstens ist Mathias Nolte nicht entlassen worden, sondern selber zurückgetreten. Das ist ein grosser Unterschied. Und zweitens sind seit besagter Kaderinformation, die im Übrigen im April stattfand, Entwicklungen eingetreten, die damals nicht absehbar waren. Wenn Michael Ringier Nolte entlassen hätte, wäre Ihre Frage berechtigt. Mathias Nolte ist aber selber zurückgetreten. Dies, nachdem er extern und intern zunehmend unter Druck geraten war -- so auch auf der eigenen Redaktion. Und schliesslich ist jetzt mit der absolut unkorrekten Beschaffung der Nacktbilder von Frau Rowe bei der Super-Illu ein journalistischer Missgriff bekanntgeworden. Ein Missgriff, von dem auch wir erst gestern Abend Kenntnis erhalten haben.

War dies der berühmte Tropfen, der das Fass überlaufen liess?

Mathias Nolte reichte seine Kündigung ein, bevor das Ganze bekannt wurde. Er hatte aber spätestens seit der Reklamation durch die Super-Illu von der unkorrekten Bildbeschaffung Kenntnis.

Neben Nolte ist auch Jürg Lehmann unter Beschuss geraten, der die Absetzung von Borer im Blick explizit gefordert hatte. Rechnen Sie hier mit einem weiteren Rücktritt?

Nein, Jürg Lehmann ist in einer anderen Situation. Zum einen hatte nicht er den Lead, zum anderen geniesst er Rückhalt in der Redaktion. Den hatte Nolte zumindest teilweise verloren. Lehmanns Forderung nach Borers Absetzung erfolgte als Meinung in Form eines Kommentars und war handwerklich -- im Gegensatz etwa zur Sache mit den Nacktbildern -- nicht bedenklich.

Der stellvertretende SoBli-Chefredaktor Ralph Grosse-Bley ist mit Alexandra Würzbach verheiratet, welche die Geschichte ins Rollen brachte. -- Mit ein Grund, warum Bernhard Weissberg statt Grosse-Bley das Ruder übernimmt?

Der Stellvertreter des Chefredaktors ist effektiv Rolf Cavalli. Nachdem sich die Situation in den letzten paar Tagen sehr schnell entwickelt hatte, ging es uns jetzt erst einmal darum, eine sichere Lösung zu suchen. Sie sollte es der SonntagsBlick-Redaktion ermöglichen aufzuatmen. Bernhard Weissberg hat die Redaktion vier Jahre geführt. Sie weiss also, was auf sie zukommt.

Wie schätzen Sie das Imageproblem ein, das Ringier derzeit hat?

Nun, wir haben ganz klar ein Imageproblem. Der Rücktritt von Mathias Nolte ist zumindest ein Schritt in die richtige Richtung. Aber ausgestanden ist damit natürlich noch gar nichts.

Wo sehen Sie weitere Möglichkeiten?

Das kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Wir werden aber einiges unternehmen müssen und das Ganze intern auch aufarbeiten. Soviel ist klar.

Bernhard Weissberg hatte als SoBli-Chef den Schwerpunkt verstärkt auf Nachrichten und Politik gelegt, Mathias Nolte mehr auf den klassischen Boulevard. Wie sieht das Profil des künftigen Chefredaktors aus?

Ich sehe den Unterschied zwischen den beiden nicht so gross. Aber vielleicht entstand Ihr Eindruck ja durch den Fall Borer. Natürlich hat es Nuancen gegeben: Weissberg war sicherlich der politischere Chefredakor mit intimen Kenntnissen der Schweizer Politik. Dass Nolte bei den politischen Fragen nicht so versiert war, hatte sicherlich einen Effekt aufs Blatt. Ich persönlich ziehe daraus den Schluss, dass der Chefredaktor der grössten Schweizer Zeitung ein Schweizer sein muss.

Borer hat mit einer Klage gegen Ringier in den USA gedroht. Wie schätzen Sie diese Drohung ein?

Uns wäre es selbstverständlich lieber, wenn wir uns gütlich einigen könnten. Wenn uns Herr Borer jedoch einklagen will, soll er das ruhig tun. Ich sehe dem mit einer gewissen Gelassenheit entgegen. Die Idee, in Amerika zu klagen, hat ihm wohl seine Frau eingeredet. Denn es gibt keinen Grund, statt in der Schweiz oder auch Deutschland in den USA zu klagen. Ausser, er will sehr, sehr viel Geld...

Wird sich das Haus Ringier bei Thomas Borer entschuldigen?

Falls es mit Herrn Borer zu Gesprächen kommen sollte, ist alles möglich. Handkehrum hat aber auch Thomas Borer Sachen -- u.a. auch gegen das Verlegerehepaar Ellen und Michael Ringier -- geäussert, die unhaltbar sind.



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