05.02.2020

Kulturchef verlässt SRF

«Starke Dok-Serien sind wichtig, um vorne mitzuspielen»

Ende April verlässt Stefan Charles, Leiter der Abteilung Kultur, das Schweizer Radio und Fernsehen. Es sei seine Entscheidung gewesen, sagt er im Interview. In den letzten zwölf Monaten habe er sich für ein grosses, nationales Projekt sehr engagiert.
Kulturchef verlässt SRF: «Starke Dok-Serien sind wichtig, um vorne mitzuspielen»
Nach rund drei Jahren beim Schweizer Radio und Fernsehen will er sich «ausserhalb von SRF neu orientieren»: Stefan Charles. (Bild: SRF/Matthias Willi)
von Edith Hollenstein

Herr Charles, haben Sie bei SRF eine andere Kultur vorgefunden, als Sie sie sich vor dem Amtsantritt vorgestellt hatten?
SRF ist im Grunde ein kleines Universum. Selbst in meiner Abteilung sind wir sehr breit aufgestellt, von der Religion über die Wissenschaft bis hin zu Fiktion und Hörspiel. Diese Vielfalt ist einerseits eine Herausforderung und andererseits eine grosse Chance. Durch die Zusammenführung der Redaktionen zu einem Kulturstandort im Meret Oppenheim Hochhaus in Basel ist es gelungen, die Teams näher zusammenzubringen und gegenseitig von den «best Practises» zu profitieren.

Im Meret Oppenheim Hochhaus (MOH) haben Sie einen topmodernen Arbeitsplatz und ein inspirierendes, intellektuelles Umfeld – wie man es selten bei einer Arbeitsstelle findet: Warum verlassen Sie SRF nach drei Jahren bereits wieder?
In meinen drei Jahren als Abteilungsleiter der Kultur stand neben dem Programm der Umzug ins MOH als grosses Projekt im Zentrum. Im letzten Frühjahr ging er erfolgreich über die Bühne und ein halbes Jahr später lässt sich sagen: Der neue Betrieb läuft bestens. Für mich ist das ein idealer Zeitpunkt, mich neuen Vorhaben zuzuwenden.

Was für neue berufliche Pläne haben Sie?
Da bin ich offen, solange die Lernkurve dabei steil bleibt. Mein beruflicher Weg war bisher unglaublich, denn ich hatte die Möglichkeit, jeweils mit hervorragenden Teams zu arbeiten, sei es an der ZHdK, am Kunstmuseum Basel oder bei SRF. Ich interessiere mich sehr für die Resonanz zwischen der Kultur und Themen der Digitalität oder der Nachhaltigkeit. Daher könnte ich mir auch vorstellen, mich zuerst einmal an der Universität weiterzubilden.

«Wir haben Dok zum erfolgreichsten YouTube-Kanal von SRF gemacht»

Haben Sie von sich aus gekündigt oder mussten Sie nach so kurzer Zeit bereits wieder gehen?
Das war meine Entscheidung. 

Welches war der grösste Erfolg von SRF Kultur in Ihrer Amtszeit?
Ich freue mich darüber, dass es der Abteilung Kultur gelungen ist, ihr digitales Angebot markant zu stärken. Auch bin ich stolz darauf, dass so erfolgreiche Projekte wie «Wilder» oder «Frieden» entstanden sind. Oder dass wir Dok zum erfolgreichsten YouTube-Kanal von SRF gemacht haben. Dieser Erfolg wäre natürlich ohne ein so grossartiges Team, wie ich es habe, nicht möglich gewesen. Dafür bin ich sehr dankbar.

Wo stiessen Sie an Grenzen?
Wir haben mit den Serien viel erreicht. Vorher gab es den «Bestatter» und heute ist die Stärkung der fiktionalen Serien Bestandteil der SRG-Strategie. Die zukünftig geplanten vier SRF-Serien pro Jahr sind ein wichtiger Baustein für die neue Streaming-Plattform der SRG, die im Herbst 2020 startet. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass starke Dok-Serien mindestens so wichtig sind und wir damit auch im internationalen Wettbewerb ganz vorne mitspielen könnten. Ich habe mich in den letzten zwölf Monaten für ein erstes grosses, nationales Projekt in dieser Richtung sehr engagiert, bin aber noch nicht am Ziel. Manche Dinge benötigen einfach sehr viel Zeit.

Inwiefern mussten Sie auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entlassen?
Personelle Veränderungen sind in jeder Organisation normal. Mit dem Bezug des MOH haben wir uns flächenmässig deutlich verkleinert, wodurch wir in der Abteilung Kultur nachhaltig ein Drittel an Betriebskosten einsparen können. Das sind 10 Millionen Franken pro Jahr. Entlassungen konnten wir damit weitestgehend vermeiden, es kam zu einzelnen Frühpensionierungen. Personalgewinne konnten wir umlagern ins Digitale, vor allem in den Onlinebereich.

Wie viele Mitarbeitende führten Sie zu Ihrem Amtsantritt bei SRF Kultur?
Am 1. Januar 2017 waren es 221 Vollzeitstellen und heute sind es 214.

«Natürlich hätten wir gerne noch mehr Neues gemacht, mussten aber aufgrund fehlender Ressourcen darauf verzichten»

Wo hätten Sie gerne mehr Möglichkeiten und Spielraum gehabt?
Neben dem Strukturprogramm gab es viele aufregende Ideen, teils aus dem Team, teils auch von ausserhalb. Ideen wie die «Sternstunde der Nacht» oder «Steiner/Tingler» haben wir immer umgehend umgesetzt. Natürlich hätten wir gerne noch mehr Neues gemacht, mussten aber aufgrund fehlender Ressourcen darauf verzichten.

In einem Interview vom Sommer klangen Sie etwas desillusioniert, was die Möglichkeiten anbelangt, ein jüngeres Publikum, U50 notabene, zu erreichen. Woher rührt diese Ernüchterung?
Es ist so, dass wir mit unserem linearen Programm im Radio und im TV ein grosses Publikum ansprechen, im Fernsehen sind wir übrigens auch bei den 15- bis 29-Jährigen Marktführer. Aber wir müssen uns mit unseren Inhalten dorthin bewegen, wo die Jungen unterwegs sind. Es ist eine Tatsache, dass sie mehrheitlich ein digitales Angebot nutzen, gerade auch auf Drittplattformen. Dafür müssen wir Themen anders denken, Inhalte anders herstellen. Die Kulturabteilung hat mit dem Bezug des MOH die Chance genutzt, sich auf diese veränderte Produktionsweise einzustellen. Ein Beispiel dafür ist die «Einstein WG».

Auf die Frage, nach Ihrer Strategie sagten Sie in besagtem Interview: «Wir wollen ein tolles, vielfältiges Programm machen. Dafür wollen wir das Online-Angebot erweitern, also auch junge Publika erschliessen». Ist das nicht etwas zu wenig visionär für einen Kulturchef von SRF?
Aber ja, natürlich darf ein Kulturchef von SRF etwas visionär sein. Hinzu kommt, dass die Fakten eine deutliche Sprache sprechen: In den letzten drei Jahren hat die tägliche digitale Nutzung von Audio- und Videoinhalten in der Deutschschweiz um 47 Prozent zugenommen. Das ist eine riesige Chance, auch für Inhalte aus Kultur und Wissenschaft.

«Radio SRF-2-Kultur wird es noch mindestens 100 Jahre geben»

Es gab ja in Ihrer Amtszeit einen grossen Umzug von Zürich nach Basel. Warum denken Sie, hatte dieser Umzug viel weniger Diskussionen und Wirbel verursacht als derjenige des Radiostudios Bern?
Die Mitarbeitenden aus der Abteilung Kultur wussten seit acht Jahren, dass der Umzug nach Basel anstehen würde. Einige wenige konnten sich mit dem Gedanken des Pendelns nicht anfreunden und haben sich entschlossen, nicht mitzugehen. Das war ein Prozess, bei dem am Ende aber alle zufrieden sind.

Wie lange, denken Sie, wird es den Radiosender SRF 2 Kultur noch geben?
Das Kulturradio wie auch das Klassikradio werden nicht aussterben. Es ist Teil unserer Kultur und unserer Gesellschaft. Die Form der Verbreitung wird sich vermutlich immer wieder ändern, aber die Bestandteile des Programms sind unverzichtbar. Also mindestens 100 Jahre.

 


Das Interview wurde schriftlich geführt.

 



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