16.11.2014

Medienpreis für Freischaffende

Stephan Hille und Claas Relotius gewinnen

Unterschiedlicher könnten sie kaum sein: Lazard Pre­to­rius pflegt in einem kalifornischen Gefängnis andere Mör­der, die an Alz­hei­mer erkrankt sind. Der Zürcher Kartoffelbauer Ueli Maurer tüftelt seit Jahren am perfekten Pommes-Frites-Automaten. Mit ihren Geschichten über diese beiden aussergewöhnlichen Menschen haben Stephan Hille und Claas Relotius (Bild rechts) am Samstag den "Medienpreis für Freischaffende" gewonnen. persoenlich.com wollte von den Gewinnern wissen, was eine solche Auszeichnung bringt und warum sie den freien Journalismus einer Festanstellung vorziehen.
Medienpreis für Freischaffende: Stephan Hille und Claas Relotius gewinnen

Stephan Hille und Claas Relotius sind am Samstag in Zürich mit dem diesjährigen "Medienpreis für Freischaffende" ausgezeichnet worden. Sie erhalten je 2'500 Franken. Relotius gewann mit der Arbeit "Der Möder als Pfle­ger"die in "Reportagen" erschien, Hille mit dem Film "Ueli Mau­rers Pommes-Frites-Automat"Es wurde zudem ein Stil­preis an Redak­to­rIn­nen für die gute Zusam­men­ar­beit ver­lie­hen. Gewonnen haben: Angela Schader (NZZ, Feuilleton), Manfred Papst (NZZaS), Bruni Gebauer (WDR) und Marcel Reuss ("Tages-Anzeiger").

persoenlich.com hat nach der Preisverleihung mit Stephan Hille über seine Arbeit als freier Journalist und über seinen Film "Ueli Maurers Pommes-Frites-Automat" gesprochen, den er in enger Zusammenarbeit mit Co-Produzent Reto Caduff und dem Cutter Felix Balke realisiert hat. Claas Relotius stand von Hamburg aus Rede und Antwort.

Herr Hille, Herr Relotius, herzliche Gratulation zum "Medienpreis für Freischaffende" und zu Ihren tollen Arbeiten. Hilft Ihnen beiden eine solche Anerkennung, um an mehr oder an lukrativere Aufträge zu kommen?
Stephan HilleIch hoffe es! Der Preis ist jedenfalls eine Genugtuung. Immerhin habe ich 2011 für den Film meinen Job bei Cash TV an den Nagel gehängt. Ueli Maurer hat mich einfach nicht mehr losgelassen. Ich habe zwei Jahre lang intensiv an dem Projekt gearbeitet und nebenbei nur einige wenige Aufträge als freier Journalist angenommen. Leben kann man davon natürlich nicht. Das war Herzblut. Und ich bin überzeugt: Das Gefühl, dass man etwas wirklich machen muss – koste es was es wolle –, hat man vielleicht nur einmal im Leben. Es hat mich und meinen Cutter Felix Balke wahnsinnig viel Kraft gekostet, ich bin aber extrem glücklich. Jetzt, wo der Film im Kasten ist, hoffe ich wieder auf mehr Aufträge als freier Journalist. 
Claas Relotius: Der Preis ist eine tolle Auszeichnung. An Aufträgen fehlt es nicht, aber natürlich ist es schön, wenn die eigene Arbeit prämiert wird. Im deutschsprachigen Raum gibt es ja jede Menge Wettbewerbe, die Journalisten auszeichnen, allerdings so gut wie keinen, der sich explizit an Freischaffende richtet, die keine starke Lobby im Sinne eines grossen Verlags hinter sich haben. Da Preise aber immer auch irgendwelche Türen öffnen, ist dieser hier für Freie eine besonders gute Gelegenheit, um auf sich aufmerksam zu machen. 

Wieso ziehen Sie den freien Journalismus einer Festanstellung mit regelmässigem Einkommen vor?
CRFür mich ist die Unabhängigkeit ein klarer Vorteil. Ich suche mir meine Geschichten selbst und schreibe deshalb ausschliesslich über Stoffe, die mich auch wirklich interessieren. Hinzukommend bin ich keinem Verlag verpflichtet. Wäre ich festangestellt und würde eine fantastische Geschichte entdecken, die meine Redaktion aus bestimmten Gründen ablehnt, dann könnte ich sie nicht machen. Arbeite ich dagegen frei, biete ich die Geschichte einfach einem anderem Magazin an und sie wird gedruckt. Hinzu kommt für mich persönlich auch der Arbeitsrhythmus, die freie Zeiteinteilung. Aber das ist Geschmacksache und geht bestimmt nicht jedem so. 
SHIch habe von 2000 bis 2007 als freier Korrespondent in Moskau unter anderem für die NZZ und die "Weltwoche“ gearbeitet. Schon damals habe ich es geschätzt, dass ich nicht ein Diener von einem Herrn bin, sondern für mehrere Herren arbeiten kann. Ich brauche diese Flexibilität. Sie hat mir zunehmend gefehlt während meiner Zeit bei Cash TV. Ich war in einer festen Struktur eingebunden und konnte nicht ausbrechen. Es geht vermutlich vielen Freien wie mir: Sind sie einmal etabliert, möchten sie nie wieder eine Festanstellung und sind für die Arbeit auf einer Redaktion auch nicht mehr resozialisierbar. 

Dann hatten auch Sie immer genügend Aufträge, um ohne Geldsorgen leben zu können, Herr Hille?
SH: Einfach ist es natürlich nicht. Man muss sich alles hart erarbeiten: akquirieren, auf sich aufmerksam machen, sagen "Hallo hier bin ich! Und ich bin ein guter Journalist!“. Von nichts kommt nichts.

Wie haben sich denn die Arbeitsbedingungen für freie Journalisten in den vergangenen Jahren verändert?
CR: Mit immer weniger Festanstellungen nimmt natürlich die Konkurrenz unter freien Journalisten zu. Die Herausforderungen liegen dann auf der Hand: Man muss schlichtweg besser sein als andere und man muss sich auch irgendwie abheben, sei es durch das Schreiben oder vielleicht durch ausgefallene Ideen für gute Stoffe. Ich würde aber sagen, dass es dann für freie Reporter im Magazin-Bereich zurzeit sogar mehr Chancen als Hindernisse gibt. Vor zehn Jahren noch haben sich viele Redaktionen den Luxus geleistet, ständige Auslandsorrespondenten in Rio, Neu-Delhi oder Tokio zu unterhalten. Jetzt, da gespart wird, ziehen es viele Verlage vor, freie Reporter nur noch auftragsgebunden ins Ausland zu schicken, was für Leute wie mich natürlich gut ist. Ich weiss zwar, dass die Dinge bei Tageszeitungen und im Lokaljournalismus deutlich schwieriger sind, gerade was die Honorare betrifft. Aber auch dort gibt es genügend freie Kollegen, die ihren Weg gehen und sehr gut davon leben können. 
SH: Ich persönlich könnte nicht sagen, dass es weniger Aufträge gibt oder diese immer schlechter bezahlt werden. Ich merke allerdings, dass Budgets knapper werden, die Ansprüche aber sehr hoch bleiben.

Dann machen Sie auch Corporate-Filme?
SH: Klar. Es gibt fast nichts, was ich nicht machen würde. Wo ein Hille, da ein Weg! Und ja: Natürlich wird Corporate besser bezahlt.

Was muss man für ein Typ Mensch sein, um mit der Unsicherheit umgehen zu können, welche der freie Journalismus mit sich bringt?
CR: Unsicherheit habe ich eigentlich nie gespürt, weil ich meist genug Ideen für die nächste und übernächste Geschichte habe. Die Schwierigkeit für freie Journalisten ist, dass man allein aus sich selbst heraus auf diese Ideen kommen muss, weil man eben nicht den täglichen Austausch innerhalb einer Redaktion hat. Eine andere Herausforderung besteht darin, dass man auch aus sich selbst heraus an sich und dem, was man liefert, arbeiten muss. Ich habe in der allermeisten Fällen die Erfahrung gemacht, dass Texte, die ich abgegeben habe, später fast identisch gedruckt worden sind. Das ist einerseits schön, weil es einen bestätigt. Andererseits ist mir auch klar, dass man aus jeder einzelnen Geschichte noch viel mehr hätte herausholen können. Vielen Textredaktoren fehlt aber die Zeit, um an Texten zu feilen und ausführlich mit freien Autoren über ihre Arbeit zu sprechen. Daher ist man als freier Autor wahrscheinlich viel mehr als Autodidakt gefordert und muss sehen, dass man von selbst dazulernt. 
SH: Man muss immer überzeugt sein von dem, was man macht und muss es machen wollen. Zudem ist Zuverlässigkeit ganz wichtig. Freier Journalismus ist ein Beruf und eine Berufung.

Haben Sie zum Abschluss noch einen Tipp für jemanden, der ganz am Anfang steht?
SH: Er oder sie sollten sich heutzutage gut überlegen, ob sie Journalist werden möchten. Wenn aber jemand wirklich Journalist werden will, dann wird er es auch sein. Genau das hat mich an Ueli Maurer fasziniert – und in diesem Punkt sind wir uns sehr ähnlich: Wenn man wirklich an etwas glaubt und für eine Sache lebt, dann wird sie auch möglich sein! 
CR: Ich bin selbst erst seit drei bis vier Jahren dabei, von daher weiss ich nicht, ob ich der Richtige bin, in dieser Hinsicht Ratschläge zu geben. Meine persönliche Erfahrung ist: Wenn man ganz am Anfang steht und noch kein echtes Netzwerk aufgebaut hat, dann braucht man manchmal auch einfach etwas Mut. Ich bin am Anfang das Risiko eingegangen, auch im Ausland Reportagen zu recherchieren, für die ich gar keinen Auftrag hatte. Ich wusste dann nicht, was dabei herauskommt, geschweige denn, ob die Texte jemals gedruckt werden. Aber am Ende hat sich das Risiko so gut wie immer ausgezahlt. Auf die erste Geschichte folgt dann die zweite. Und wenn die Auftraggeber sehen, dass es gut funktioniert, dann kann man sich auch relativ schnell etwas aufbauen. 

Interview: Seraina Etter, Fotos Veranstaltung: Gonzalo Garcia, gonzalo-garcia.ch



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