03.11.2020

Besitzerwechsel in der Romandie

Stiftung Aventinus übernimmt Le Temps

Eine Stiftung als Finanzierungsmodell: Mit Le Temps wird erstmals in der Schweiz eine Tageszeitung von einer Stiftung finanziert. Die Gewerkschaften und Journalistenverbände jubeln. Die Redaktion zieht von Lausanne nach Genf.
Besitzerwechsel in der Romandie: Stiftung Aventinus übernimmt Le Temps
Eric Hoesli, Leiter der Arbeitsgruppe der Fondation Aventinus, und Francois Longchamp, Präsident der Fondation Aventinus, posieren mit der Printausgabe von Le Temps. (Bild: Keystone/Schlüsselstein/Salvatore Di Nolfi)

Die Westschweizer Zeitung Le Temps geht per Anfang 2021 in die Hände privater Mäzene über. Die Stiftung Aventinus mit Sitz in Carouge hat dem Zürcher Medienhaus Ringier Axel Springer Schweiz die Zeitung abgekauft. Sie übernimmt die gesamte Redaktion, die von Lausanne nach Genf umzieht.

Ringier Axel Springer Schweiz AG fokussiere künftig auf seine publizistischen Kernprodukte, gab Ringier-Chef Marc Walder am Dienstag an einer online geführten Medienkonferenz bekannt. Ausschlaggebend für den Entscheid des Verlags seien mangelnde Synergien mit dessen publizistischem Portfolio gewesen, welches zum grössten Teil aus Zeitschriften besteht. Langfristig sichere der Verkauf von Le Temps an Aventinus die Zukunft des Titels mitsamt seiner über hundert Arbeitsplätze, unterstrich Walder.

Qualitätsjournalismus in der Romandie

Die Zeitung wechselt den Besitzer per 1. Januar 2021. Zum Kaufpreis wollte François Longchamp, Präsident der Stiftung Aventinus und früherer Genfer FDP-Staatsrat, keine Angaben machen.

Die Redaktion werde von Lausanne nach Genf umziehen, an einen Ort, der noch nicht näher bestimmt ist. Der Umzug der Redaktion soll während des ersten Halbjahrs 2021 erfolgen. Gedruckt werde die Zeitung weiterhin bei der bisherigen Druckerei, derjenigen der Tamedia-Gruppe in Bussigny VD, wie Longchamp präzisierte.

Die Stiftung beabsichtige, Le Temps als unabhängige Qualitätszeitung weiterzuführen und die gesamte Redaktion zu übernehmen. Der bisherige Chefredaktor Stéphane Benoit-Godet wechselt per 1. Dezember in der gleichen Funktion zum Ringier-Magazin L' Illustré (persoenlich.com berichtete).

Stiftungsmodell gepriesen

Das Medienhaus Ringier kam laut Walder zum Schluss, dass die Weiterführung durch das Engagement einer renommierten Stiftung langfristig erfolgversprechender ist. Wenn eine Gruppe von Stiftungen und private Mäzene die Übernahme einer Tageszeitung ankündigen, sei dies eine «sehr gute Nachricht», so Walder. Der CEO von Ringier sagte weiter, dass die Anzeigen-Regie von Le Temps noch während zwei Jahren bei derjenigen von Ringier – bei Ringier Advertising – bleiben werde.


Das Stiftungsmodell sei für die Schweizer Medienlandschaft neu, hielt Stiftungspräsident Longchamp fest. Einen ähnlichen Weg seien bereits Qualitätszeitungen in Frankreich oder Grossbritannien gegangen. Mit Aventinus sei der langfristige Fortbestand des Qualitätsjournalismus, für den Le Temps stehe, in der Romandie gewährleistet, unterstrich Longchamp.

Langfristige und unabhängige Zukunft

Die Mission der Stiftung sei es, qualitativ hochstehende, autonome und vielfältige Medien in der Westschweiz zu unterstützen und zu fördern. Gerade in einer Zeit, in der die Medienwelt eine turbulente Phase durchlaufe, könne die Stiftung das Redaktionsteam von Le Temps dabei unterstützen, dem Titel wirtschaftlich eine langfristige Zukunft zu sichern.

Die Stiftung Aventinus wurde im Oktober 2019 mit der Unterstützung mehrerer Stiftungen gegründet, darunter die Leenaards Stiftung, die FoStiftung Jan Michalski und die Hans Wilsdorf Stiftung. Bis zum Abschluss der Transaktion soll die Stiftung Aventinus den neuen Verwaltungsrat von Le Temps zusammenstellen, der unter dem Vorsitz von Eric Hoesli, dem ersten Chefredaktor von Le Temps, aus fünf bis sechs unabhängigen Mitgliedern bestehen wird. Die neue Chefredaktion ist noch nicht bestimmt.

Die Stiftung Aventinus gab am Dienstag weiter bekannt, dass sie mittelfristig die Mehrheit an dem im Mai 2019 gegründeten Westschweizer Newsportals Heidi.news übernehmen will (persoenlich.com berichtete). So sollen zusätzliche Synergien für Le Temps entstehen, um die Stellung des Titels weiter zu stärken. Aventinus besitzt seit Dezember 2019 bereits 5,81 Prozent des Aktienkapitals der Heidi Media SA.

Syndicom und Impressum erfreut

Die Mediengewerkschaft Syndicom und der Verband der Schweizer Journalistinnen und Journalisten Impressum begrüssten das Engagement der Stiftung Aventinus bei Le Temps und bei Heidi.news. Die getroffene Westschweizer Lösung ermögliche eine Stärkung der Medienvielfalt in der Romandie, sagte Dominique Diserens, Gewerkschaftssekreträrin von Impressum Romandie.

Die überregionale Tageszeitung Le Temps war 1998 als Fusionsprodukt des Le Nouveau Quotidien und des Le Journal de Genève gegründet worden. Ringier übernahm die Tageszeitung Le Temps im April 2014 vollständig. Zuvor hatte die Zeitung den Medienhäusern Tamedia und Ringier zu je 46,2 Prozent gehört. (sda/eh)



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