16.07.2019

Tamedia

Tagi verlegt das Zürich-Ressort in die Kirche

Mit dem Laptop zwischen den Bänken: Zum ersten Mal arbeitet die gesamte Zürich-Redaktion des «Tages-Anzeigers» nicht im Büro, sondern extern in der Kirche St. Peter. Der sakrale Arbeitsplatz hat auch Nachteile, wie ein Augenschein vor Ort zeigt.
Tamedia: Tagi verlegt das Zürich-Ressort in die Kirche
Interviews führen, transkribieren, schreiben, redigieren: Rund 20 Tagi-Redaktoren arbeiten von Montag bis Mittwoch in der Kirche St. Peter in Zürich. (Bild: persoenlich.com/Edith Hollenstein)
von Edith Hollenstein

Zum Arbeiten brauchen sie nicht viel: ein Laptop, vielleicht Notizpapier und vor allem eine schnelle Internetverbindung. Was normalerweise Arbeitgeberin Tamedia im Hauptgebäude an der Werdstrasse in Zürich zur Verfügung stellt, kommt für einmal von einer höheren Macht. Der Verein St. Peter öffnet in einem Experiment seine Kirche für Firmen, die ihren Mitarbeiten einen Tapetenwechsel ermöglichen wollen.

Für die rund zwanzig Tagi-Redaktoren, die am Montag im Dienstplan eingeteilt sind, wurden in der Mitte des barocken Kirchenschiffs Stühle, Tische mit Stromschienen eingerichtet. Auch W-LAN-Passwörter sind da, Kaffee ebenfalls. Wer seine Tasse füllen will, verschwindet hinter einem braunen Vorhang in der Sakristei. Die Besucher, vor allem Touristen, sind teilweise verunsichert, weil sie nicht sicher sind, ob sie die Kirche betreten dürfen, obwohl hier gearbeitet wird. Dennoch kommen viele näher, stellen Fragen – im Flüsterton, bevor sie realisieren, dass sie durchaus laut sprechen können.

«Zum Glück keine längeren Telefonate»

Das Experiment mit dem Office in der Kirche scheint bei den meisten gut anzukommen, obwohl es Nachteile gibt. «Es ist hier im Vergleich zur Redaktion schwieriger, sich zu konzentrieren, denn es kommen immer wieder Leute, die mich unterbrechen», sagt Redaktorin Helen Arnet. Das sei aber nicht störend, denn sie erkläre gerne. Es sei spannend mit den Leserinnen und Lesern in Kontakt zu treten – auch wenn hier vor allem ältere vorbeikommen, die die gedruckte Zeitungsausgabe lesen. «Ich sehe diese Aktion auch als eine Art PR für den Journalismus», sagt Arnet zu persoenlich.com.

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Ihr Arbeitskollege Patrice Siegrist hat während seinem Einsatz im Gotteshaus vermehrt die Kopfhörer montiert, um sich weniger ablenken zu lassen. «Hier ist es lauter als in den Kleinraumbüros, die wir gerade unlängst neu bezogen haben», sagt er. Siegrist ist froh, dass er keine längeren Telefonate führen muss, denn das sei aufgrund der Akustik schwierig.

Hannes Weber, ebenfalls Redaktor im Zürich-Ressort, der gerade eben ein Interview mit einem Vertreter des Quartiervereins geführt hatte, empfindet es als ungewohnt, bei der Arbeit beobachtet zu werden. «Das ist jedoch nicht negativ, sondern einfach anders als im Alltag», sagt Weber gegenüber persoenlich.com.



Einfluss des sakralen Raums

Mit der Aktion will der Verein St. Peter «den Alltag in die Kirche holen», sagt Annina Hess-Cacalzar Initiantin des Projekts. In drei Tagen, am Mittwoch, wenn der Tagi die Laptops zusammenklappen wird, will sie ein Fazit ziehen. Es interessiere sie, welchen Einfluss ein sakraler Raum auf die Redaktoren und ihre Arbeit habe. Hess-Cacalzar würde darüber hinaus gerne auch andere Firmen – Banken, Psychologen oder eine Beratungsfirma etwa – in der Kirche arbeiten sehen, um zu beobachten, inwiefern der Raum andere Arbeitsergebnisse zu Tage fördert als die gewohnte Umgebung.

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Welche weiteren Unternehmen temporär einziehen werden, sei noch nicht bestimmt, sagt Hess-Cacalzar. Sie ist trotzdem überzeugt, die auf einem Flyer angekündigten «sieben Folgen» durchführen zu können. Dabei könnte ihr der Tagi helfen, denn die Zeitung arbeitet nicht nur in der Kirche, sondern nimmt St. Peter auch in der Berichterstattung auf: am Montag als Vorschau mit Hintergründen zum Projekt, dann mittels Live-Ticker und in den nächsten Tagen soll ein Artikel über die Kirche St. Peter ins Blatt, eine hintergründige Recherche über Kirchennutzungen in der Schweiz generell sowie ein Porträt des Quartiervereins.

Erstmals vollständig von ausser Haus

«Diese Kirche steht mitten in Zürich, im Zentrum der grössten Schweizer Stadt und ist zudem ein Touristen-Magnet. Daher ist es spannend, hier journalistisch zu arbeiten», entgegnet Susanne Anderegg auf die Frage, ob ihre Redaktion nicht einfach eine findige PR-Aktion vom Verein St. Peter unterstütze. Für Anderegg, Initiantin und Koordinatorin auf Seiten der Tagi-Zürich-Redaktion, ist das Projekt eine gute Gelegenheit, in spontanen Kontakt mit der Öffentlichkeit zu kommen. Es sei das erste Mal, dass die Redaktion vollständig ausser Haus arbeite. Dieses Experiment habe sie wagen wollen, um Neues auszuprobieren, so Anderegg. Natürlich habe es unter den Redaktoren auch kritische Stimmen gegeben, solche, die die Verknüpfung zur Kirche nicht sahen, oder solche, die das Projekt nicht für besonders innovativ befanden.

Auch die Tagi-Redaktion will nach Abschluss Bilanz ziehen. Etwas Positives hat Anderegg bereits am Montag beobachtet: Dass die Kolleginnen und Kollegen sich noch häufiger austauschen als auf der Redaktion und alle miteinander reden, weil sie nun an einem einzigen langen Tisch sitzen. Ob das Zürich-Ressort deswegen öfters ähnliche Ausflüge machen wird und künftig von Cafés, Schulen, Co-Workingspaces oder von der Badi aus recherchiert, ist offen.



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Kommentare

  • Tobias Frey, 16.07.2019 11:34 Uhr
    "Die Kirche hat einen guten Magen" (Mephisto in Goethes "Faust")

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