23.04.2002

Tamedia-Gruppe schliesst mit Verlust ab

Die Tamedia stellte am Dienstagvormittag ihr Jahresergebnis vor. 12 Millionen Franken beträgt der Verlust, der von der gesamtwirtschaftlichen Schwäche und von den Misserfolgen bei den Neuen Medien hervorgerufen wurde. Jetzt will man sich als Multimedia-Konzern vor allem auf das Millionen-Zürich konzentrieren. Das Zürcher Verlagshaus bezeichnet sich dennoch weiterhin als "sehr fit" und erwartet für 2002 bereits wieder einen Gewinn in zweistelliger Millionenhöhe.
Tamedia-Gruppe schliesst mit Verlust ab

"Die Zahlen des Jahres 2001 sind unbefriedigend." Das sagte der abtretende CEO Michel Favre zwar nicht. Doch der Satz findet sich im Manuskript des Referats, das Favre an der Pressekonferenz ansonsten fast Wort für Wort vortrug. Verwaltungsratspräsident Hans Heinrich Coninx aber sprach es aus: "Tamedia hat die Wachstums- und Ertragsziele im vergangenen Jahr verfehlt." 11.8 Millionen Franken beträgt der Verlust, den der Konzern in der Rechnung 2001 in seiner erstmals nach IAS-Richtlinien geführten Bilanz ausweist. Auch der Umsatz ist gemäss dem Vorsitzenden der Konzernleitung mit 756 Millionen Franken "insgesamt enttäuschend", liegt er doch um 62 Millionen (8 Prozent) unter den Vorjahreszahlen. Als Dividende werden 1.50 Franken pro Aktie ausbezahlt, die EBITDA-Marge liegt bei 19.3 Prozent.

Drei Faktoren haben dieses Ergebnis laut Verwaltungsratspräsident Coninx negativ beeinflusst. Erstens der Konjunktureinbruch im "annus horribilis" mit den negativen Konsequenzen für das Anzeigengeschäft. Zweitens würden die Kosten des "gescheiterten Projekts" TV3 voll dem Ergebnis des abgelaufenen Jahres belastet. Und drittens habe das Online-Geschäft "auch bei der Tamedia" zu hohe Kosten bei zu geringen Erträgen gebracht. Als Konzernergebnis für die "weitergeführten Bereiche" (ohne TV3) werden 43.4 Millionen Franken angegeben.

Die Multimediastrategie der Tamedia sei durch die kostspieligen Erfahrungen aber nicht in Frage gestellt, betonte Coninx. Er wiederholte seine an der Dreikönigstagung vom vergangenen Januar gemachte Feststellung, wonach sowohl Print als auch Multimedia Zukunft hätten. Nun wolle die Tamedia nach erfolgter Neudefinition der Multimediastrategie - Favre sprach in diesem Zusammenhang vom "Tamedia-typischen Sense of Urgency" - ihre Position im Kerngebiet "Millionen-Zürich" stärken. Wichtig sei, die Kernkompetenz der Titel auszubauen, indem "noch mehr als bisher in die Qualität der Zeitungen und Zeitschriften und in die Aus- und Weiterbildung" der JournalistInnen investiert werde. Der Bonus für die Mitarbeiter beträgt heuer übrigens rund zweieinhalbtausend Franken pro Vollzeitstelle.

Zu den einzelnen Produkten lieferte CEO Favre einen Überblick. Insgesamt hätten alle Printtitel mit Ausnahme der Annabelle unter negativen Werbeeinnahmen gelitten. Bei der Auflage des Tages-Anzeigers erwartet er eine Stabilisierung. Im Bezug auf die Sonntagszeitung betonte Favre, dass eine "Marketingoffensive" mit Kombiabos und einer Abogewinnungskampagne - die den Zweijahresvertrag mit beträchtlichem Rabatt anbietet - erfolgreich angelaufen sei. Diese Aktion werde aus dem Marketingbudget bestritten. Der Druck der neu gestarteten NZZ am Sonntag sei am Kiosk in den ersten vier Wochen zu spüren gewesen, und es werde mit einem Auflagenrückgang bei der SoZ gerechnet.

Zur Entwicklung der Produkte im vergangenen Quartal wollte man keine Stellung beziehen, nächste Zahlen würden im August publiziert. Mit einer konjunkturellen Aufhellung rechnet die Tamedia erst 2003. Entsprechend budgetiert sie einen Rückgang bei den Stellenanzeigen von weiteren 40 Prozent. Bei zusätzlich verschlechterter Konjunktur könnten weitere Sparmassnahmen nicht ausgeschlossen werden, meinte Favre, nicht ohne seine prophetischen Fähigkeiten ironisch zu relativieren: "Ich bin kein Mohammed." Der Einstellungs- und Investitionsstopp würden jedenfalls nicht aufgehoben. Nach den Restrukturierungen und dem Sparprogramm Focus - aus dem "weniger als fünf Kündigungen" hervorgehen sollten - erwartet die Tamedia "im laufenden Geschäftsjahr eine deutliche Verbesserung des Geschäftsergebnisses im zweistelligen Millionenbereich". Mittelfristiges Ziel bleibe eine EBITDA-Marge von 22 bis 25 Prozent, erklärte CFO Patrick Eberle nach der Präsentation der Zahlen.

Seinen CEO Michel Favre mochte Coninx noch nicht verabschieden, soll Martin Kall, der von Coninx "als Gast" begrüsst wurde, Favres Nachfolge doch erst anlässlich der Konzernleitungssitzung vom 8. Mai antreten. Überdies stehe Favre dem Konzern weiterhin für besondere Aufgaben zur Verfügung. Dennoch scherzte Favre: "Ich bin 2001 schon abgeschrieben" - wobei er sich auf Pensionszahlungen bezog. Für solche Aufwändungen im Zusammenhang mit Austritten und vorzeitiger Pensionierung von Mitgliedern der Konzernleitung - Jürg Wildberger, Kurt W. Zimmermann, Michel Favre - werden in der Erfolgsrechung gut zwei Millionen Franken ausgewiesen. Eine Abgangsentschädigung für Michel Favre gebe es im Übrigen nicht, betonte Hans Heinrich Coninx.


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