07.01.2014

Dreikönigstagung

Über "männlichen Anstand" und die Lust am Wort

Chefredaktoren, Verleger, Werbetreibende und -Vermarkter unter sich: Die traditionsreiche Dreikönigstagung gehört zu den wichtigsten Branchenanlässen des Jahres. Was hatten etwa die Chefredaktoren der Sonntagszeitungen (vgl. Bild), Verlegerpräsident Hanspeter Lebrument, NZZ-CEO Veit Dengler oder "Blick"-Chefredaktor René Lüchinger zu sagen? persoenlich.com war bei der Ausgabe 2014 vom Dienstag im Zürcher World Trade Center dabei und fasst das Gesagte zusammen.
Dreikönigstagung: Über "männlichen Anstand" und die Lust am Wort

"Frau Maier, warum sind Sie eigentlich hier?" Mit dieser sonderbaren Einstiegsfrage an die Adresse von "Sonntagsblick"-Chefredaktorin Christine Maier eröffnete Norbert Neininger die Podiumsdiskussion zum Thema "Sonntagszeitungen". Irritiert fragte Maier zurück: "Warum stellen Sie mir diese Frage?" Worauf Neiniger erklärte: "Weil die 'Sonntagszeitung' schrieb, Sie seien schon bald wieder weg!"

Mit diesem ungewöhnlichen Gesprächsstart hatte Neiniger die Aufmerksamkeit des Publikums gewonnen und auch die Teilnehmer des Podiums schienen bester Laune zu sein. Christine Maier gab keinen Hinweis darauf, ob der Bericht der SoZ stimmt oder nicht. Sie erklärte aber, dass sie keine Ahnung habe, warum die Zeitung auf diese Behauptung komme. Deshalb wandte sich Neininger an Arthur Rutishauser. Doch der SoZ-Chefredaktor wich aus und beurteilte diese Frage als "bilateral bereits abgehakt". "Vielleicht kommen wir nochmals auf diese Frage zurück, wenn es dann um Qualität geht", setzte Maier treffsicher entgegen. Das Publikum lachte.

Im Folgenden versuchten sich die Chefredaktoren vor allem im spontanen Einbringen treffender Sprüche. Dass daneben nicht mehr viel Raum für inhaltlich Erhellendes zum Thema "Kampf um Aufmerksamkeit am Sonntag" blieb, verziehen die Zuhörer dankbar.

Hanspeter Lebrument hofft auf "ein Zeichen männlichen Anstandes"
Die diesjährige Dreikönigstagung fand wiederum im Zürcher World Trade Center statt. Verlegerpräsident Hanspeter Lebrument ging in seinem Referat nochmals auf die Verlegertagung 2013 ein, insbesondere auf die Buhrufe beim Vortrag des damaligen Bundespräsidenten Ueli Maurer. Zu diesem "Aufreger des Jahres" sei es gekommen, weil die Zuhörerschaft so klein gewesen sei und nicht aus publizistischem Personal der Verlage bestanden habe, sondern vor allem aus Verlagsmitarbeitenden. Der Verlegerpräsident entschuldigte sich nachträglich gegenüber Maurer, der jedoch nicht anwesend war, für das Verhalten der Branche.

Unmissverständlich rief Lebrument das Publikum dazu auf, dem nächsten Verlegerkongress mehr Beachtung zu schenken. Er forderte die Anwesenden auf, im September beim erstmals von der designierten Geschäftsführerin Verena Vonarburg verantworteten Anlass zu erscheinen. "Dies wäre ein Zeichen männlichen Anstandes", so Lebruments Appell an die rund 80 Prozent Männer im Saal.

NZZ-CEO kritisiert bisherige Online-Strategie
Veit Dengler, seit Oktober Chef der NZZ-Mediengruppe, und René Lüchinger, seit Anfang Jahr "Blick"-Chefredaktor, versuchten Optimismus zu verbreiten. Sie wollen auf eine noch striktere Orientierung am Leser- und Werbemarkt setzen. Dengler machte deutlich, dass die NZZ weiterhin in Digital investiert und dieses Geschäft intensiv entwickeln will. Mit Blick auf die bisherige Strategie übte er Kritik an seinen Vorgängern: "Wir haben unseren Online-Auftritt nicht entschlossen genug aufgebaut. 10 Prozent Digital-Erlöse sind zu wenig - auch im Vergleich mit unseren Mitbewerbern, und wenn man bedenkt, dass wir in diesem Bereich eine Vorreiterstellung innehatten." Die Aufbereitung der Information auf die unterschiedlichen Kanäle Print, Digital und Mobile sei ein wichtiges Entwicklungsfeld, wobei man sich besonders bezüglich Digital und Mobile auf noch kürzere Produktions- und Publikationsrhythmen einstellen müsse.

Zudem stellte Dengler in Aussicht, dass sich die NZZ über die Landesgrenzen hinaus orientieren will. "Der deutschsprachige Raum bietet insgesamt einen potenziellen Markt von rund 100 Millionen Lesern. Diesen werden wir nicht kampflos den nördlichen Mitbewerbern überlassen", so Dengler.

René Lüchinger setzt auf gute Storys
"Wer zum Teufel zahlt noch für Boulevard?", zu diesem Thema sollte René Lüchinger eigentlich referieren. Doch der "Blick"-Chefredaktor machte bereits am Anfang klar, dass er diese Frage nicht beantworten werde. Er sprach vor allem über die "Lust am Wort, am Bild, an der Schlagzeile, an Kreativität und Komposition", die wieder ins Zentrum rücken sollte. Statt in Depression zu verfallen, sollten die Journalisten sich auf ihr Metier besinnen.

"Ich bin überzeugt, dass die Leserschaft bereit ist, für spannende, gut aufgemachte Geschichten zu bezahlen. Vorausgesetzt, dass die Geschichten auch wirklich gut sind", so  Lüchingers Antwort auf die Paywall-Frage. Es spiele keine Rolle, ob diese Geschichten im Internet, auf dem iPad, dem iPhone oder auf Papier veröffentlicht würden. Das Publikum wolle genau solche Storys lesen. Das gelte auch für Themen aus Politik und Wirtschaft, die der "Blick" boulevardgerecht aufgreife. "Ich glaube nicht, dass alle Welt künftig nur noch elektronisch informiert und unterhalten werden will. Print hat Zukunft."

Alain Bandle über die neue Buchungsplattform 
Zuversicht herrscht also bei Verlegern und Chefredaktoren - aber auch die Werbevermarkter sind optimistisch. Publicitas-CEO Alain Bandle stellte in seinem Vortrag das Konzept der voll automatisierten Buchungsplattform vor, an der das Unternehmen seit sechs Monaten arbeitet. Werbetreibende, Media- und Werbeagenturen sowie Inventaranbieter sollen Zugang zu dieser Plattform haben und darüber die unterschiedlichsten Werbeformen – von Print, Online, TV und Radio bis Out-Of-Home – kaufen und verkaufen können. "Wir wollen die beste Schweizer Werbevermittlerin werden", so Bandle. 


Am Nachmittag standen zudem die Referate von Stephan Sigrist (Gründer W.I.R.E.), Matthias von Bechtolsheim (Inhaber Werbeagentur Heimat) und Alexander Mazzara (CEO joiz) auf dem Programm. 

Text: Edith Hollenstein

 



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