Bigna Silberschmidt, Sie moderierten am Mittwochabend zum letzten Mal «10 vor 10». Wie haben Sie sich gefühlt – und was passierte nach dem Schlusssignet?
Sowohl tagsüber als auch während der Sendung: Es war ein Auf und Ab der Emotionen. So viele letzte Male. Aber ich konnte es nochmal richtig geniessen. Nach der Sendung dann viele Umarmungen von lieben Menschen, das war schön.
Was ging Ihnen in den vergangenen Tagen durch den Kopf?
Ich dachte oft an die tollen Begegnungen mit Menschen, die ich im Rahmen von Reportagen und Interviews hatte, und die Zusammenarbeit mit geschätzten Arbeitskolleg:innen über alle Abteilungen hinweg. Vom Radio über «Schweiz aktuell» bis hin zu «Einstein», Dokfilmen, unzähligen Beiträgen und natürlich «10 vor 10»: Ich durfte als Journalistin und Moderatorin bei SRF viel erleben und umsetzen und immer wieder aufs Neue dazulernen. Dafür bin ich dankbar.
Hatten Sie für die Dernière etwas Besonderes geplant?
Eigentlich einfach zusammen mit dem Team fürs Publikum eine gute Sendung zu machen. Meine Abschlussworte waren etwas anders als sonst.
«10 vor 10»-Moderator Arthur Honegger verabschiedete sich von Kollegin Bigna Silberschmidt – und sie sich vom Publikum.
Im Dezember wurde bekannt, dass Sie SRF verlassen. Sie seien «offen für Neues» (persoenlich.com berichtete). Wie haben Sie gemerkt, dass der Zeitpunkt gekommen war, um zu gehen?
Den genauen Zeitpunkt wusste ich ziemlich plötzlich. Nämlich, als das Gefühl im Bauch ankam und ich auf ihn hören konnte. Es war aber alles andere als ein einfacher Entscheid und brauchte viel Mut – denn ich liebe, was ich tue.
Sie haben in den letzten Jahren viele wichtige Momente der Schweizer Geschichte moderiert. Welche Sendung oder welches Interview wird Ihnen besonders in Erinnerung bleiben?
Ich kriege immer noch Hühnerhaut, wenn ich daran denke, dass ich am 24. Februar 2022 im Studio stand und verkünden musste, dass in Europa wieder Krieg herrscht. Diese Woche jährte sich der Tag zum dritten Mal und es gibt leider immer noch keinen Frieden. Neben solch grossen Ereignissen bleiben mir jedoch vor allem die zahlreichen Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen in Erinnerung. Etwa der lehrreiche Talk mit Hirnforscherin Barbara Studer und das offene Gespräch mit der ehemaligen Para-Sportlerin Bigna Schmidt. Ich denke aber auch an unsere «Schweiz aktuell»-Spezialwoche zum Thema Biodiversität, als wir einen Garten umbauten, oder an die für mich viel verändernde Reportage mit der blinden Seelsorgerin Ursula Graf. Und dass wir bei «Einstein» eine Sendung zum Thema Fast Fashion umsetzten und ich es schaffte, aus eigener Kraft einen Zugwaggon anzustossen. Wie lange darf ich aufzählen?
In Ihrer Zeit bei SRF haben Sie neben der Moderation auch neue Formate entwickelt, etwa «Changemakers» oder die Reportage-Serie «Bigna inklusiv». Was hat Sie bei diesen Projekten angetrieben?
Was diese Projekte gemeinsam haben: Sie sind bewusst im Bereich konstruktiver Journalismus angesiedelt. Bei «Changemakers» besuchten wir Menschen, die die Gesellschaft mit ihrem Tun sozial, ökologisch oder ökonomisch voranbringen wollen sowie mit ihrem Handeln inspirieren und Mut machen. «Bigna inklusiv» sollte Hör- und Sichtbarkeit schaffen für Themen, die im Alltag von Menschen mit Behinderung eine wichtige Rolle spielen und in der Medienberichterstattung wenig Platz erhalten. Durch Zuhören und offenen Dialog wollten wir Barrieren aufzeigen und sensibilisieren – aber auch konkrete Möglichkeiten thematisieren, wie Dinge verändert werden können. Antrieb war also bei beiden Projekten, Bewusstsein zu schaffen und Möglichkeiten aufzuzeigen.
«Wir sollten uns als Medienschaffende unserer Verantwortung bewusst sein»
Inwiefern hat diese Auseinandersetzung gerade mit der Inklusion Ihren Blick auf den Journalismus verändert?
Gute Frage. Ich denke, wir sollten uns als Medienschaffende unserer Verantwortung bewusst sein: Worüber wir berichten, und wie wir berichten. Geben wir wirklich allen eine Stimme? Welche Sprache verwenden wir in Beiträgen und welche Bildsprache? Wir dürfen nicht vergessen: Wir sollten die Realitäten unserer vielfältigen Gesellschaft ja abbilden – aber wir prägen die gesellschaftliche Wahrnehmung durch die Art unserer Berichterstattung eben auch mit. Über das Wie und das Wieso sollten wir in den Redaktionen immer wieder diskutieren, dafür muss genügend Raum geschaffen werden.
Sie erwähnten den konstruktiven Journalismus. Was bedeutet diese Herangehensweise für Sie persönlich?
Gerade der Newsjournalismus ist häufig geprägt von herausfordernden, schwer verdaulichen Nachrichten. Die Newsdeprivation in der Gesellschaft nimmt zu. In einer Demokratie halte ich es für sehr wichtig, dass wir uns nicht nur gut, sondern auch gerne informieren. Ein Ansatz: mehr konstruktiv erzählte Geschichten, das sagt auch die Wissenschaft. Also Geschichten, die nicht vor allem auf die Probleme fokussieren, sondern auch nach den Gründen fragen und Lösungen aufzeigen. Das kann Menschen – gerade in Zeiten mit herausfordernder Weltlage – das Ohnmachtsgefühl nehmen, und aufzeigen, dass man selber etwas ändern kann.
Sie verlassen SRF in einer Zeit des Umbruchs – sowohl für den Sender als auch für die Medienbranche generell. Wie blicken Sie auf die Zukunft des Service public?
Was in der Medienbranche passiert, beobachte ich mit Sorge. Die vierte Gewalt und damit auch vielfältige Medien sind für unsere Demokratie enorm wichtig. Was den Service public betrifft: Unabhängige Berichterstattung ist ein wertvolles Gut – ich wünsche mir, dass wir ihr als Gesellschaft Sorge tragen. Und dass Stimmen aus der Politik und der Wirtschaft, aber auch der Wissenschaft und der Kultur weiterhin ausgewogen Platz finden.
Sie haben auf LinkedIn angekündigt, dass Sie sich selbstständig machen. Können Sie etwas mehr verraten?
Gerne. Ich werde weiterhin Veranstaltungen in den Bereichen Wissenschaft, Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt moderieren. Und der Journalismus und konstruktive Geschichten werden auch künftig wichtiger Teil meiner Projekte sein. Dann ist da noch Platz für Neues, und das ist auch gut so. Ich freue mich darauf.
Mitarbeit: Sandra Porchet
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