Herr Thalmann, Sie haben am Montagmorgen während einer Stunde vor dem Tamedia-Hauptsitz in Zürich Flyer für Ihre Kampagne "Jetzt schlägt’s 13" verteilt und die Mitarbeitenden darüber informiert, dass Sie Tamedia anzeigen werden (persoenlich.com berichtete). Wie waren die Reaktionen?
Die mündlichen Reaktionen der betroffenen Journalisten waren fast ausnahmslos positiv. Es gab Aussagen wie "Super! Da bin ich voll dabei" und weitere Bemerkungen dieser Art. Natürlich waren die meisten Journalisten – wie üblich – im Stress, weshalb es nur vereinzelt zu längeren Gesprächen kam. Eine Person sagte uns, dass man als Mitarbeiter Hemmungen habe, eine solche Aktion zu lancieren. Sie sei deshalb froh, dass endlich etwas passiere. Natürlich gab es auch Personen, die den Flyer aus Prinzip nicht entgegennehmen wollten. Es waren vermutlich Mitglieder der Geschäftsleitung, die schon über unsere Aktion informiert waren.
Sie haben aber kaum jemanden im Voraus informiert, nicht einmal die Tagi-Redaktoren. Deshalb waren weder die Medien noch besonders viele Journalisten vor Ort. Warum haben Sie die Informationen erst am Montagmorgen verschickt?
Wir wollten einerseits den Überraschungseffekt nutzen. Zudem wollten wir nicht, dass sich Tamedia auf die Aktion vorbereiten kann oder versucht, die Verteilung der Flyer zu verhindern.

Peter Maier, der Leiter des Arbeitsinspektorates (vgl. Bild unten, links), sagte nach der Übergabe der Anzeige, er werde bei einem Betriebsbesuch abklären, ob die Vorgaben des Arbeitsgesetzes bezüglich Arbeitszeitaufzeichnung eingehalten werden. Welches Vorgehen erwarten Sie nun?
Er wird Unterlagen verlangen und mit den Verantwortlichen sprechen. Es gibt auch die Möglichkeit, dass die Personalkommission befragt wird. Wann das genau passieren wird, konnte er uns nicht sagen. Wir gehen aber davon aus, dass etwas passieren wird. Und wenn Tamedia die geforderten Unterlagen, die ebenfalls eine Erfassung der Arbeitszeit beinhalten, nicht aushändigen kann, wird es wahrscheinlich eine Busse geben.

Tamedia schreibt in ihrer Stellungnahme, dass man auf flexible Arbeitszeiten angewiesen sei, da sich die Arbeit eines Journalisten an der Nachrichtenaktualität orientiere. Was sagen Sie zu diesem Argument?
Wir stellen das nicht grundsätzlich in Abrede. Journalisten wollen ja auch flexibel arbeiten. Flexible Arbeitszeitgestaltung muss möglich sein. Das bedeutet aber nicht, dass eine Überbelastung stattfinden muss - und schon gar nicht in gesundheitsgefährdendem Ausmass. Stempeluhren sind vielen Kolleginnen und Kollegen ein Gräuel. Diese braucht es auch nicht, denn es gibt andere, branchentauglichere Wege, die geleistete Arbeit aufzuzeichnen, sogar wenn diese flexibel gestaltet wird. Auf jeden Fall liegt es in der Verantwortung des Arbeitgebers, Rechenschaft darüber abzulegen, wer wie viel arbeitet, um bei drohender Überarbeitung und damit Gefährdung der Gesundheit die nötigen Massnahmen treffen zu können.
Wohl auf keiner einzigen Zeitungsredaktion in der Deutschschweiz werden die Stunden genau erfasst. Warum haben Sie ausgerechnet Tamedia angezeigt? Das Unternehmen gilt in der Branche eher als attraktiver, umsichtiger Arbeitgeber.
Wir mussten uns entscheiden und irgendwo anfangen. Beim "Tages-Anzeiger“ ist die Situation insofern ideal, weil hier die Journalisten aufgrund der Konvergenz besonders unter Druck stehen. Es hat sich zudem angeboten, da die besonders angespannte Arbeitssituation in der Redaktion bereits öffentlich diskutiert wurde (persoenlich.com berichtete). Verschiedene Personen haben uns versichert, dass ihre Arbeitszeiten nicht erfasst werden. Hinzu kommt, dass wir mit unserem Kollektivvertrag im Sommer 2013 gescheitert sind, den wir mit dem Verband Schweizer Medien abschliessen wollten. Dieser wischte ihn ohne Diskussion und Begründung vom Tisch. Wir sind überzeugt: Wenn Tamedia, das grösste Mitglied von Schweizer Medien, mit uns zusammenarbeiten und einen GAV machen möchte, dann müsste der Verband Schweizer Medien nachziehen und mit uns einen Gesamtschweizerischen GAV ausarbeiten. Tamedia ist mit Abstand der grösste Verlag und somit auch entscheidend mitverantwortlich für den Zustand der ganzen Branche. Darum haben wir mit unserer ersten Anzeige hier begonnen.
Ihr Ziel ist also vor allem ein GAV für die Deutschschweiz und das Tessin. Es wird also noch weitere Anzeigen geben?
Der Slogan unserer Kampagne "Jetzt schlägt’s 13" kann auch an anderen 13. verwendet werden. Ob und was wir im Februar konkret planen, wissen wir noch nicht. Es soll immer eine Überraschung sein. Natürlich hängt das auch von den Wirkungen unserer ersten Aktion ab. Es muss nicht immer eine Anzeige sein. Wir hoffen aber, dass die Branche durch unsere Anzeige aufgeweckt wird.
Ist es nicht übertrieben, jeden Monat eine Anzeige zu machen oder eine Protestaktion durchzuführen?
Nein, das finde ich nicht. Wie gesagt, die möglichen Aktionen sind vielfältig. Vielleicht gibt es in einem Monat nur einen Hinweis auf einen Zustand, mit dem wir nicht einverstanden sind.


Hand aufs Herz: Wie sehen Sie die Chancen, dass sich wirklich etwas in Ihrem Sinn ändert?
Das werden wir jetzt sehen. Die Verleger haben sich in den letzten Jahren bezüglich unserer Forderungen eher resistent gezeigt. Zudem haben sie sich daran gewöhnt, dass sie als schlechte Arbeitgeber angeprangert werden. Ich bin aber persönlich davon überzeugt, dass etwas passieren wird. Der "Tages-Anzeiger" wird künftig die Arbeitszeiten in irgendeiner Form erfassen müssen. Aus diesem Grund denke ich, dass wir mit Tamedia ins Gespräch kommen werden. Ob es deswegen zu konkreten Verhandlungen mit dem Verband Schweizer Medien oder mit Tamedia direkt kommt, weiss ich nicht. Das ist aber ganz klar unser Ziel. Wir haben sowohl dem Verband als auch Tamedia erneut einen Brief geschrieben und gesagt, dass wir nach wie vor bereit sind, eine Sozialpartnerschaft einzugehen. Eine solche würde es erlauben, auf partnerschaftlichem Weg branchentaugliche Lösungen zu finden, um die gesetzlichen Schutzbestimmungen praxisgerecht umzusetzen. Und der sozialpartnerschaftliche Dialog würde es erlauben, zu reagieren, bevor gewisse Auswüchse ein Ausmass erreichen, das wie heute harte Massnahmen erfordert. Da man auf unsere Einladungen zu partnerschaftlichen Lösungen nicht eingegangen ist, blieb uns nur noch der Weg über das Gesetz. Wir werden am Donnerstag mit der Gewerkschaft Syndicom besprechen, wie wir gemeinsam unsere GAV-Kampagne sinnvoll weiterführen können.
Rainer Stadler von der NZZ schreibt in einem Blogeintrag, dass die Aktion auch der Eigenwerbung diene, da in der Medienbranche die Bereitschaft sinke, sich Arbeitnehmerorganisationen anzuschliessen und der Nutzen des Verbandes nicht mehr sichtbar sei. War die Anzeige eher eine PR-Aktion?
Unsere Aufgabe ist es, mit allen möglichen Mitteln die Arbeitssituation unserer Mitglieder zu verbessern. Dass wir das tun, so auch mit der Aktion vom Montag, ist sicher ein Grund unter vielen, Mitglied zu werden und zu bleiben. Es stimmt natürlich, dass wir - wie die meisten anderen Berufsverbände und Arbeitnehmerorganisationen - die sinkende Bereitschaft mitzuwirken spüren. Wenn die Arbeitgeber aber den Druck auf die Medienschaffenden erhöhen, wie es gerade beim "Tages-Anzeiger" geschieht, erhöht sich von selbst auch die Einsicht, dass man einen Berufsverband braucht. Die Arbeitgeber werden zudem unzuverlässiger: Man kann heute nicht mehr mit der Lebensstelle rechnen. Das bringt automatisch Mitglieder zu uns, denn viele beobachten bei den betroffenen Kollegen, dass es sehr nützlich ist, sich zum Beispiel bei einer Entlassungswelle auf einen spezialisierten Berufsrechtschutz verlassen zu können.
Interview: Seraina Etter, Fotos: Eva Linder, set
Die Anzeige im Wortlaut:
140113_anzeige_tamedia_ag.pdf

