04.03.2004

"Urs Renner, wer verliert beim neuen RTVG?"

In der endlich stattfindenden RTVG-Debatte hat der Nationalrat Beschlüsse gefasst, die für die Schweizer Werbewirtschaft von Bedeutung sind: Private Sender sollen für leichte Alkoholika, Politik und Religion werben dürfen, die SRG und die Schweizer Werbefenster ausländischer Sender hingegen nicht. Wer profitiert von diesen Neuerungen, wer verliert? "persoenlich.com" hat mit Urs Renner (Bild) gesprochen, Leiter der Mediaedge:cia-Unit MSO Media Service Organisation. Das Interview:
"Urs Renner, wer verliert beim neuen RTVG?"

Der Nationalrat hat sich am Mittwoch für Bier- und Wein- sowie Polit-Werbung auf Privatsendern ausgesprochen. Wie beurteilen Sie die Stossrichtung?

Grundsätzlich positiv, wenn auch mit einer Einschränkung: Wirklich positiv wäre eine totale Öffnung gewesen, die auch die SRG umfasst hätte. Es ist nicht nachvollziehbar, warum uns das deutsche Fernsehen mit Bier-Werbung bombardieren darf, die Schweizer aber nicht.

Am Donnerstag hat der Nationalrat nun beschlossen, die Werbefenster ausländischer Sender bezüglich Verboten der SRG gleichzustellen. Wie sind Sie mit diesem Entscheid zufrieden?

Als Vertreter einer Media-Agentur wünsche ich mir in erster Linie ein möglichst breites Angebot. Warum man zwischen den drei Kategorien Private, SRG und Werbefenster Ausnahmen macht, sehe ich nicht ein.

Das Werbevolumen für leichte Alkoholika wurde von Bundesrat Moritz Leuenberger auf 3 Mio. Franken geschätzt. Erwarten Sie durch die Liberalisierung einen Budgetwachstum?

Sollte sich diese Zahl nur auf die privaten Sender beziehen, scheint sie mir viel zu hoch. Eine Ausdehnung des Budgetvolumens ist aber sowieso nicht zu erwarten, vielmehr wird es zu einer Verschiebung zwischen den Medien kommen. Diese wird angesichts der nur schwachen Öffnung allerdings marginal bleiben.

Sehen Sie Tendenzen bei dieser Umverteilung des Werbekuchens? Welche Medien verlieren bei der aktuellen RTVG-Version?

Die Stossrichtung ist klar: weg von klassischen Medien wie Zeitschriften und Plakat hin zu den elektronischen. Ein weiterer Hauptleidtragender könnte zudem das Kino. Die Verschiebung wird sich insgesamt aber, wie gesagt, auf sehr tiefem Frankenniveau bewegen. Denn das Fernsehen der privaten Schweizer Veranstalter kann in einer Kampagne nur ergänzenden Charakter haben und nie das Basismedium sein.

Als grosse Verliererin steht wohl die Presse da, bereits hoffen die Lokalradios auf 10 bis 15 Mio. aus der Polit-Werbung. Welche Konsequenzen erwarten Sie, wenn nun weitere Anzeigen wegfallen?

Schwierig zu sagen... Es ist aber klar, dass unter der liberalisierten Politwerbung in erster Linie die Tagespresse und das Plakat leiden werden.

Haben die Print-Verlage Ihrer Meinung nach schlecht lobbyiert?

Ich sehe das anders. Gerade die grossen Verlage machen nicht mehr nur Print, sondern haben auch elektronische Medien. Dadurch ist das Interesse an einer Beibehaltung der bestehenden Verhältnisse kaum mehr so vital wie vor zwanzig Jahren. Verlierer sind damit die Verlage ohne elektronisch Medien.

(Interview: Alain Egli).

Korrigendum:


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