Die SRG hat am Mittwoch erstmals eine systematische Analyse ihrer Kulturleistungen vorgelegt. Die Studie «Zwischen Jodeln, Jazz und Jugendliteratur» hat 4890 redaktionelle Beiträge aus einer künstlich konstruierten Woche des Jahres 2025 untersucht – die einzelnen Wochentage stammen aus verschiedenen Monaten. Untersucht wurden Beiträge aus Fernsehen, Audio und Podcasts, Online-Beiträgen und Social Media aller Regionaleinheiten. Das Resultat: Über alle Plattformen hinweg weisen 28,1 Prozent der redaktionellen Beiträge einen Kulturbezug auf. «Insgesamt bestätigen die Ergebnisse, dass die SRG ihren gesetzlichen Auftrag erfüllt», hiess es in einer Mitteilung vom Mittwoch.
SRG produziert selbst kulturelle Inhalte
Bemerkenswert an den Ergebnissen der Analyse ist, dass die SRG mit ihren Kanälen kulturelle Aktivitäten nicht nur dokumentiert, sondern massgeblich selbst erzeugt und gestaltet. Denn der grösste Anteil der Kulturberichterstattung (40,8 Prozent) dreht sich um Ereignisse, die zum Zweck der Medienberichterstattung überhaupt erst kreiert wurden, etwa Gesprächsrunden im Studio oder Wettbewerbsformate wie Jassen.
Weiter berichtet die SRG über externe Kulturereignisse wie Konzerte, Festivals oder Ausstellungseröffnungen (36,6 Prozent) sowie über Bücher, Filme und Kulturschaffende in Porträts (22,6 Prozent). «Damit tritt die SRG nicht nur als Vermittlerin, sondern auch als Produzentin kultureller Inhalte auf», schrieben die Verantwortlichen.
Kulturberichterstattung männlich geprägt
Die Berichterstattung ist dabei stark personenbezogen – und mehrheitlich männlich geprägt: Nur rund ein Drittel der dargestellten Personen sind Frauen. Die SRG verweist selbst auf diesen Nachholbedarf.
Den grössten Beitrag zur Kulturberichterstattung gemessen am Sendevolumen leistet der Audio-Bereich: Radio und Podcasts widmen 51,5 Prozent ihrer gesamten Sendezeit kulturellen Inhalten. Das deckt sich mit der Wahrnehmung der Bevölkerung: Im «Public Value Dialog zur Kultur 2024» bescheinigten 69 Prozent der Befragten dem Radio die beste Erfüllung des Kulturauftrags – vor dem Fernsehen (65 Prozent) und Online (53 Prozent).
Das Fernsehen widmet 15,9 Prozent seiner Sendezeit kulturellen Themen. 51,7 Prozent dieser Kulturbeiträge laufen jedoch erst im Nachtprogramm. Beim textbasierten Online-Angebot liegt der Kulturanteil ähnlich tief: 13,4 Prozent der gesamten Zeichenzahl stammen von Beiträgen mit Kulturbezug.
Eigene Sprachregion steht im Vordergrund
Bei der Befragung 2024 kam auch heraus, dass das Publikum und die Branche von der Kulturberichterstattung der SRG mehr Austausch zwischen den Sprachregionen erwarten. Die Wirklichkeit sieht anders aus, wie die aktuelle Studie zeigt: 57,1 Prozent der SRF-Kulturberichterstattung entfallen auf die Deutschschweiz. Deutschland kommt auf 9,3 Prozent, die Romandie auf lediglich 0,6 Prozent. Ähnlich sieht es beim italienischsprachigen RSI aus: 12,2 Prozent der Kulturbeiträge betreffen Italien – ein deutlich grösserer Anteil, als auf die anderen Schweizer Sprachregionen entfällt.
In der Summe bietet die SRG ein thematisch vielfältiges Kulturprogramm. Der nun veröffentlichte Bericht zeigt, dass auch weniger prominente Kulturformen systematisch berücksichtigt werden. Dennoch dominieren vier Bereiche zusammen knapp die Hälfte der Kulturberichterstattung: Brauchtum (14,2 Prozent), populäre Musik (11,8 Prozent), Film (10,9 Prozent) und klassische Musik (10,2 Prozent). Literatur kommt auf 5,2 Prozent, Theater auf 4 Prozent, Tanz auf 0,2 Prozent. Nischensparten haben es vor allem auf den grossen Plattformen schwerer.
Für den Dachverband «ein erster Schritt»
Suisseculture, der Dachverband des professionellen Kulturschaffens, begrüsst die Studie, mahnt aber zur Weiterarbeit. Die Analyse des Mileva-Instituts sei «ein erster Schritt zu einem kontinuierlichen Monitoring», das bisher gefehlt habe. Suisseculture zeigt Verständnis für den Quotendruck zur Primetime. Den Verband besorgt jedoch die fortschreitende Marginalisierung anspruchsvollerer Gefässe und die Abnahme fundierter Auseinandersetzungen mit kulturellen Inhalten. Die Studie spiegele auch die Auswirkungen der laufenden Spar- und Abbaumassnahmen wider, namentlich in der Literatur-, Musik- und Filmvermittlung.
Methodisch sieht Suisseculture noch Luft nach oben: Eine schärfere Abgrenzung zwischen Kultur und Unterhaltung sei nötig, ebenso eine Unterscheidung zwischen Schweizer und ausländischem Kulturschaffen sowie zwischen lebenden und verstorbenen Kulturschaffenden. Auch eine Qualitätsanalyse fehle bisher. Der Verband fordert, die Kulturleistungen der SRG künftig in der Unternehmensstrategie transparent zu verankern und anhand von Zielwerten messbar zu machen. (nil/sda)

