Paul Ackermann, mit der Frankreich-Ausgabe der Zeitung Le Temps möchten Sie «einen Schweizer Blick auf das aktuelle Geschehen» bieten. Reicht ein französischer Blick für die Franzosen nicht aus?
Der Schweizer Blick steht für flache Hierarchien, für das Streben nach Konsens und für einen besonderen Bezug zu den individuellen Freiheiten. Das ist in Frankreich sehr selten und wird dort willkommen geheissen. Er ermöglicht es, Fragen zu stellen, die französische Medien vergessen zu stellen, und damit neue Lösungswege zu öffnen.
Die Franzosen machen bereits die Hälfte des Online-Traffics von Le Temps aus. Wie erklären Sie dieses Interesse?
Viele dieser Leserinnen und Leser stossen eher zufällig über Google oder Google Discover auf uns. Wenn unsere Artikel sie zum Klicken bewegen, entsprechen sie offenbar ihren Erwartungen. Wir müssen sie aber auch richtig empfangen: mit einer für sie passenden Themen und einem kommerziellen Angebot, das ihren Möglichkeiten entspricht.
Bei diesem bereits beträchtlichen Interesse gibt es wirklich noch Potenzial, Ihr Publikum in Frankreich zu erweitern?
Das ist die andere Zahl, die uns interessiert: Weniger als ein Prozent unserer Abonnentinnen und Abonnenten wohnen in Frankreich. Diese Lücke wollen wir ein Stück weit schliessen.
«Die Nachbarländer bieten ein klares Entwicklungspotenzial»
Abonnements werden für zwei Euro pro Monat angeboten. Wie viele neue Abonnenten erhoffen Sie sich?
Zwei Euro ist ein Einführungsangebot, das im Laufe der Monate auf einen höheren Preis ansteigt. Wir haben kein konkretes Ziel, vorerst sondieren wir die Lage, um zu sehen, was passiert, wenn wir all diese Leserinnen und Leser richtig empfangen.
Die NZZ hat eine Auslandsausgabe für Deutschland. Ist es für Schweizer Leitmedien eine Frage des Überlebens, Leserschaft in den grossen Nachbarländern zu gewinnen?
Eine Frage des Überlebens nicht – aber ein klares Entwicklungspotenzial.
Setzen Sie auch auf die Gewinnung französischer Werbekunden?
Ja, das klären wir auch ab.
Woraus besteht die Frankreich-Ausgabe?
Aus Artikeln mit starkem Frankreich-Bezug, aber auch aus unserer gesamten internationalen Berichterstattung zu Cyberthemen, Wirtschaft, Gesellschaft, Sport, Kultur. Der Schweizer Blick zieht sich durch unsere gesamte Produktion. Wir schätzen, dass rund 80 Prozent unserer Artikel französische Leserinnen und Leser stark interessieren können.
«Wir werden unsere Frankreich-Berichterstattung zwei- bis dreifach ausbauen»
Welche Artikel kamen bisher gut an?
Zum Beispiel unser Artikel über die aufgeheizte Debatte um den Benzinpreis in Frankreich oder die digitale Souveränität des Landes. Auf grosses Interesse stiess auch unser Artikel über den Gesundheitsrigorismus der WHO, die selbst ein gelegentliches Glas Wein als gefährlich betrachtet.
Produzieren Sie spezifische Inhalte für die Frankreich-Ausgabe?
Alle unsere Inhalte stehen allen Leserinnen und Lesern zur Verfügung. Für den Präsidentschaftswahlkampf werden wir unsere Frankreich-Berichterstattung durch Neueinstellungen und mehrere sehr erfahrene freie Journalisten aber zwei- bis dreifach ausbauen.
Werden die Artikel aus der Schweizer Ausgabe für die französische Leserschaft angepasst?
Nein.
Das Projekt wird ein Jahr vor der Präsidentschaftswahl lanciert. Ist es zeitlich begrenzt oder könnte es darüber hinaus fortgeführt werden?
Die Idee ist, es darüber hinaus fortzuführen.

