08.09.2015

Verband Schweizer Medien

"Was man verliert, merkt man oft erst, wenn man gegangen ist"

Am Donnerstag und Freitag findet in Interlaken der Schweizer Medienkongress statt. VSM-Geschäftsführerin Verena Vonarburg spricht im Vorfeld über die turbulenten Tage beim Verband nach dem Ausstieg von Ringier und mögliche Alternativen zur kritisierten Allianz von SRG, Swisscom und Ringier. Zudem verrät sie, mit welchem Gefühl sie am Freitagabend auf die Veranstaltung zurückblicken will.
Verband Schweizer Medien: "Was man verliert, merkt man oft erst, wenn man gegangen ist"

Frau Vonarburg, es sind turbulente Tage für den Verband Schweizer Medien. Wie hat der VSM den Ausstieg von Ringier verdaut?
Wie Sie wissen, hat es auch schon Austritte und Wiedereintritte grosser Mitglieder gegeben. Wir bedauern natürlich, dass ein grosses Medienhaus diesen Schritt jetzt gemacht hat, aber im Moment war er sicher folgerichtig. Der VSM ist eine starke Stimme in der Interessenvertretung der privaten Medienhäuser und wird das auch bleiben. Gerade in der heutigen digitalen Umbruchphase sind gute Rahmenbedingungen für die Medien überlebenswichtig. Dafür kämpfen wir und zwar im Namen der grossen wie der kleinen Medienhäuser.

Welche Diskussionen fanden verbandsintern diesbezüglich seither statt?
Als Medienleute sind wir es gewohnt, viel zu reden und mit Argumenten zu kämpfen. Verbandsinternes soll aber verbandsintern bleiben.

In einem NZZ-Gastkommentar schliessen Sie eine Kooperation zwischen öffentlichen und privaten Anbietern in der Branche nicht grundlegend aus - solange die Rahmenbedingungen stimmten. An welche Vorlagen denken Sie dabei?
Zunächst einmal: Es geht überhaupt nicht an, dass eine Werbeallianz, und um dieses Projekt der Swisscom, der SRG und von Ringier dreht sich ja die aktuelle Diskussion, dass also eine solche Allianz mit so starken Playern mit zwei staatsnahen Unternehmen die anderen Privaten letztlich an die Wand drückt. Das heisst: Die Allianz darf den Wettbewerb in keiner Art und Weise verzerren. Eine Branchenlösung zwischen den Privaten und der SRG wäre eine mögliche Variante. Von Bedeutung sind ja besonders die wichtigen Nutzerdaten der Swisscom, die wegen ihrer Marktmacht soviel über die Schweizer weiss, wie sonst niemand hierzulande. Mit diesen Daten lässt sich sehr gut und für teures Geld Werbung verkaufen, und diese Daten müssen allen Marktteilnehmern diskriminierungsfrei zur Verfügung stehen.

Ringier, SRG und die Swisscom bekräftigten immer wieder, sie seien kein "geschlossener Club".
Das ist gut zu hören. Entscheidend sind die Taten nach den Worten. Und zentral sind nun erst einmal die Entscheide der Weko und des Departements Leuthard zur Werbeallianz, die für fairen Wettbewerb zu sorgen haben.

Hanspeter Lebrument hat die Sitzung, in der es zu den Differenzen kam, als die unangenehmste in seiner Zeit als Verbandspräsident bezeichnet. Als Direktorin waren auch Sie dabei. Was ist vorgefallen?
Sagen wir es so: Lustig war es nicht. Aber man soll Differenzen klar benennen und darüber streiten. Wir sind ja schliesslich nicht in einem Politbüro.

Mit Ringier steigt ein starker Player aus. Was bedeutet das für den Verband?
Wir verlieren das zweitgrösste Mitglied. Und ein Mitglied verliert viele wertvolle Kontakte sowie den Austausch auf wichtigen Plattformen des Verbandes, sind wir doch in zahlreichen Themen die Stimme der Branche. Es ist wie in einer Beziehung: Was man verliert, merkt man oft erst, wenn man gegangen ist.

Und welche finanziellen Folgen hat der Austritt?
Der Verband geht deswegen nicht pleite, unangenehm ist es alleweil.

Welche Anstrengungen unternehmen Sie, um Ringier wieder als Mitglied zu gewinnen?
Es gibt sehr viele, sehr gute Gründe, um Mitglied beim Verband Schweizer Medien zu sein.

Der Medienkongress findet am Donnerstag und Freitag zum letzten Mal in Interlaken statt. Ist für die Dernière im Berner Oberland etwas Spezielles geplant? 
Wir freuen uns auf einen spannenden Kongress, und wir freuen uns auf unsere Gäste. Unser Team hat hervorragende Arbeit geleistet. Lassen Sie sich überraschen. Nach drei Jahren Interlaken tut ein Wechsel aber sicher gut. Denn früher hat der Kongress ja jedes Jahr an einem anderen Ort stattgefunden. Wir freuen uns deshalb auch auf Luzern im nächsten Jahr zusammen mit dem SwissMediaForum.

Am Freitag ist der Zeitplan eng – elf Podien stehen auf dem Programm. Welche Kriterien wurden bei der Zusammenstellung des Programms beachtet?
Wir wollen, dass alle am Schluss heimgehen und sagen: Das war interessant und schön in Interlaken.

Auch Blendle-Chef Marten Blankesteijn tritt auf – was überrascht, denn die Verleger zeigten sich bisher nicht sonderlich interessiert an seinem Dienst.
Dann ist es an Marten Blankesteijn, noch mehr Interesse zu wecken.

Blendle startet am kommenden Montag in Deutschland. Wie beurteilt der VSM das sogenannte "iTunes für den Journalismus"?
Es ist an den Medienhäusern zu entscheiden, ob ein Mitmachen attraktiv ist oder nicht. Ich finde es grundsätzlich schön und spannend zu beobachten wie in der Medienbranche innovative Ideen umgesetzt werden.

Und zum Schluss: Sie sind seit eineinhalb Jahren Direktorin des VSM. Wie lange machen Sie den Job noch?
Das Schlimmste in einem Job ist für mich Langeweile. Davon sind wir hier weit entfernt (lacht). Wir haben auf der Geschäftsstelle ein neues, ebenso engagiertes wie professionelles Team, das mir grosse Freude macht und dessen Einsatz ich bewundere. Ich finde es auch nach wie vor sehr spannend, zu Gunsten der Medienbranche an einem zentralen Ort die Grossen und Kleinen zu unterstützen.

Fragen: Michèle Widmer, Bild: Keystone


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