08.04.2020

Mediapulse

Weniger Radiohörer, die aber länger hinhören

Während das Fernsehen nach dem Lockdown mehr Personen erreicht, ist das Bild bei den Radiosendern ein anderes: weniger Tagesreichweite, aber längere Nutzungsdauer. Dies zeigt eine Auswertung von Mediapulse. «Rendez-vous» und «Echo der Zeit» auf Radio SRF legen zu.
Mediapulse: Weniger Radiohörer, die aber länger hinhören
Rückgang bei der Tagesreichweite, aber Zunahme bei der Nutzungsdauer: Das ist die Zwischenbilanz von Mediapulse für die Gattung Radio. (Bild: SRF/Danielle Liniger)

Die Nutzung von Radio- und Fernsehangeboten hat in der Schweiz seit der Ausrufung der «ausserordentlichen Lage» aufgrund der Corona-Pandemie zugenommen. Dies belegen die im Auftrag der Stiftung Mediapulse erhobenen Nutzungsdaten für die beiden Wochen vor und nach dem 16. März 2020. Zum ersten Mal liegen somit Zahlen für die Radionutzung vor.

Während TV-Sender eigentliche Quotenrekorde eingefahren haben, verzeichnete das Medium Radio nach dem 16. März einen moderaten Rückgang der Tagesreichweite von 81 auf 77 Prozent. Das tägliche Publikum von rund 5,4 Millionen Personen ab 15 Jahren nutzt jedoch das Angebot der Radiostationen pro Tag acht Minuten länger (127 statt 119 Minuten). Umgerechnet auf die Gesamtbevölkerung führt dies zu einer Zunahme der täglichen Hördauer von 96 auf 97 Minuten, schreibt Mediapulse in einer Mitteilung vom Mittwoch.

MediapulseGrafik


Wie das Fernsehen legt auch das Radio seit dem Lockdown in jener Phase des Tages zu, in der es auch in normalen Zeiten seine Stärken hat: als Tagesbegleiter von morgens bis nachmittags. Die Routine des Radiohörens wird in diesem Tagesabschnitt durch die derzeitigen Einschränkungen des sozialen Lebens nicht gebrochen, so Mediapulse. Nutzungspeaks jeweils zur vollen Stunde und vor allem in der Mittagspause würden zudem die Nachfrage nach den Nachrichtenangeboten der Radiosender und damit nach deren Informations- und Orientierungsfunktion in unsicheren Zeiten belegen.

Weniger Hörer schalten das Radio dagegen am Abend ein, also genau dann, wenn das Fernsehen auf Grund der veränderten Lebensumstände derzeit mehr Publikum binden kann. Die leicht rückläufigen Nutzerzahlen des Radios in den Randstunden des Arbeitstages scheinen auf den verminderten Berufsverkehr zurückzuführen zu sein, wo das Radio als Pendlermedium aktuell weniger zum Einsatz kommt.

Höhere Marktanteile für «Rendez-vous» und «Echo der Zeit»

Die Radio-Quartalszahlen der SRF-Sender bestätigen die Beobachtungen von Mediapulse. «SRF stellt nicht nur im TV und Online, sondern auch im Radio ein erhöhtes Informationsbedürfnis beim Publikum fest», so SRF-Sprecher Stefan Wyss auf Anfrage von persoenlich.com. Im Quartalsvergleich zum Vorjahr hätten sowohl die Sendungen «Rendez-vous» über Mittag um 12.30 Uhr als auch «Echo der Zeit» am Abend um 18 Uhr höhere Marktanteile.

Bei «Rendez-vous» ist die Nettoreichweite über alle Ausstrahlungssender – Radio SRF 1, Radio SRF 2 Kultur, Radio SRF News und Musikwelle – um 25'000 Hörer auf 610'000 gestiegen im Vergleich zur Vorjahresperiode. Das entspricht einem Marktanteil von 50,1 Prozent. «Echo der Zeit» um 18 Uhr erreicht auf Radio SRF 1 und Radio SRF 4 News zusammen eine Nettoreichweite von 369'000 Hörerinnen und Hörer. Dies sind gleich viele wie im Vorjahresquartal. «Zusammen mit der Steigerung des Marktanteils zur Sendezeit um 2,8 Prozentpunkte auf 34,1 Prozent zeigt dies, dass die erreichten Personen länger zuhören», so Wyss.

Auch Privatsender spüren veränderte Radionutzung

Auch die Radiosender von CH Media haben auf Anfrage von persoenlich.com die Auswirkungen der Coronakrise auf die Nutzungszahlen analysiert. «Radio 24, Radio 32, Radio Argovia, Radio FM1 und Radio Pilatus spüren die veränderte Radionutzung ebenfalls», so Nicola Bomio, Leiter Programm Radio. Die Hördauer über alle Regionalsender gesehen sei durchschnittlich 7 Prozent höher (16. bis 29. März verglichen mit 2. bis 15. März 2020, Deutschschweiz, 15+).

Zudem würden vor allem die Nachrichten zur vollen Stunde bei den CH-Media-Sendern mehr Hörer erreichen. «Dieser Trend startete bereits Ende Februar, als die ersten Grossanlässe abgesagt wurden und der Bundesrat ein Verbot für Veranstaltungen mit mehr als 1000 Personen erliess», so Bomio. Im März habe sich dieser Trend fortgesetzt. Dies würden sowohl die von Mediapulse offiziell erhobenen Hörerzahlen belegen als auch die Auswertungen der Online-Streamings, die für die Nachrichtenbulletins laut eigenen Angaben an gewissen Tagen bis zu 70 Prozent höher liegen.

TV mit deutlichem Zuwachs

Die Angebote der in- und ausländischen TV-Sender erreichten in den ersten beiden Märzwochen 2020 pro Tag 69 Prozent der Bevölkerung ab 15 Jahren und damit ebenso viele wie im März 2019, schreibt Mediapulse weiter. Am 16. März, dem Tag, an dem der Bundesrat den Notstand ausrief, hat es viele Schweizerinnen und Schweizer vor die Bildschirme gezogen (persoenlich.com berichtete). In den beiden Wochen nach dem 16. März sei dieser Reichweitenwert auf 75 Prozent gestiegen, was in absoluten Zahlen einer Zunahme des täglichen TV-Publikums um 363'000 Personen entspreche. Im gleichen Zeitraum erhöht sich die Zeit, die ein TV-Zuschauer pro Tag mit der Nutzung von TV-Angeboten verbringt, von 214 auf 240 Minuten oder vier Stunden, so Mediapulse.

Legt man diesen Wert auf die Gesamtbevölkerung um, so sah eine erwachsene Person in der Schweiz in der zweiten Märzhälfte im Schnitt 179 Minuten pro Tag fern, eine Zunahme der täglichen Sehdauer pro Person um 31 Minuten im Vergleich zum Monatsanfang. Wie ausserordentlich dieser Wert selbst für das nutzungsstarke Medium Fernsehen ist, lässt sich daran bemessen, dass er in den vergangenen sechs Jahren nur zweimal überboten wurde – und zwar in der Neujahrswoche und in der Weihnachtswoche 2015, bilanziert Mediapulse.

MediapulseTabelle


In der Gegenüberstellung der Reichweiten im Tagesverlauf zeigt sich, dass die TV-Nutzung in der zweiten Märzhälfte über den ganzen Tag hinweg ansteigt, der grösste Zuwachs aber in der klassischen TV-Primetime zwischen 19 und 23 Uhr stattfindet. Die Zahl der Personen, die in diesem Zeitraum den Fernseher einschalten, nimmt von 4 auf 4,5 Millionen und die durchschnittliche Sehdauer von 77 auf 93 Minuten zu.

Information erzielt das grösste Interesse

Vom Nutzungszuwachs der Gattung TV profitieren vor allem jene Angebote, die den thematischen Bereichen Aktualität (Nachrichten, Pressekonferenzen) oder Information (Magazine, Ratgeber) zugeordnet werden können. So steigt die tägliche Sehdauer für aktualitätsbezogene Sendungen von 17 auf 28 Minuten und jene für weitere Informationsangebote von 18 auf 22 Minuten. Kumuliert bedeutet dies, dass eine erwachsene Person in der Schweiz pro Tag 50 Minuten mit der Nutzung von Nachrichten- und Informationssendungen im Fernsehen verbringt. Die ereignisbedingte Zunahme solcher Angebote und der daran angepasste Programmablauf zahlreicher Sender trifft also auf eine gestiegene Nachfrage.

Dies bedeutet laut Mediapulse allerdings nicht, dass das Fernsehen unter den besonderen Umständen der Coronakrise nur noch Informationsbedürfnisse erfüllt. Zugenommen habe nämlich nach dem Lockdown auch die Nutzung von Spielfilmen und TV-Serien (jeweils +2 Minuten). Klarer und naheliegender Verlierer sei hier der Sport, dessen Angebot und Nutzung aber bereits in der ersten Märzhälfte rückläufig waren. (pd/cbe)



Lesen Sie auch den Meinungsbeitrag von Mediapulse-CEO Tanja Hackenbruch, den sie auf Anfrage von persoenlich.com verfasst hat.



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