23.05.2019

Von Tamedia zu SRF

«Wer etwas aufgibt, schafft Raum für Neues»

Zwölf Jahre sind genug: Daniel Foppa hat seinen Job als Inland-Chef der Tamedia-Redaktion gekündigt, um beim Radio neu starten zu können. Ein Gespräch über die Folgen der Sparmassnahmen und unnahbare, launische Bundesräte.
Von Tamedia zu SRF: «Wer etwas aufgibt, schafft Raum für Neues»
Schrieb immer wieder pointierte Kommentare, Analysen oder Meinungsartikel, nun wechselt er zur Radio SRF: Daniel Foppa. (Bild: zVg.)
von Edith Hollenstein

Herr Foppa, Sie werden per 1. November «Rendez vous»-Produzent und arbeiten als Nachrichten-Redaktor bei Radio SRF. Sind Sie froh, dass Sie bald kein Chef mehr sind?
Es ging mir nicht darum, unbedingt den Chef-Posten abgeben zu wollen. Mein Wechsel hat einen anderen Grund: Ich bin seit zwölf Jahren bei Tamedia, sieben davon als Ressort-Leiter. Jetzt, im Alter von 48 Jahren, ist für mich der Zeitpunkt für eine neue Herausforderung gekommen. Ich habe dieses Team bei Tamedia sehr gerne geleitet und freue mich auch auf etwas Neues.

Sie sind Inland-Chef der ganzen Tamedia-Redaktion und verantworten das, was sozusagen die halbe Schweiz in ihrer Zeitung liest – das ist doch einer der interessantesten Jobs im Schweizer Polit-Journalismus. Dass Sie diesen für einen Nachrichten-Redaktor-Job aufgeben, muss doch noch einen anderen Grund haben.
Nein, es gibt keinen anderen Grund. Selbstverständlich ist die Position als Tamedia-Inland-Ressortchef interessant und das Team ist sehr gut, doch diesen Job kann man ja nicht zwanzig Jahre machen. Irgendwann ist es auch gut für ein Ressort, wenn eine Ablösung stattfindet. Zudem wechsle ich in einen anderen, sehr interessanten Posten. «Rendez vous» steht für hohe Qualität und einen faszinierenden Mix zwischen News und Hintergrund. Daher gehe ich absolut ohne Bad Feelings.

«Für einen Vorgesetzten gibt es nichts Schlimmeres, als wenn er sich von Mitarbeitenden trennen muss»

Als Ressort-Leiter setzen Sie ja nicht nur Themen und verfassen Kommentare. In den letzten Monaten mussten Sie sparen, Leute entlassen oder diesen Abgangsentschädigungen schmackhaft machen. Inwiefern hat das eine Rolle gespielt bei Ihrer Entscheidung?
2018 war das schwierigste Jahr in meiner Zeit als Ressortleiter. Und es stimmt: Auch im Inland-Ressort musste ich drei Stellen abbauen. Für einen Vorgesetzten gibt es nichts Schlimmeres, als wenn er sich von Mitarbeitenden trennen muss. Das ist nun jedoch vorbei, wir sind anerkanntermassen mit elf Vollzeitstellen für alle Tamedia-Deutschschweiz-Zeitungen nicht mehr überdotiert im Inland-Ressort. Und die Zusammenarbeit im Tamedia-Netzwerk funktioniert bereits erstaunlich gut, auch wenn es ab und zu im Alltag kleine Abspracheprobleme gibt. Wenn mir diese Aufgaben zu viel geworden wären, hätte ich letztes Jahr gehen müssen. Daher nein: Diese Veränderungen haben meinen Entscheid für diesen Wechsel nicht beeinflusst.

Foppa(1)

Von Ihnen waren immer wieder pointierte Kommentare zu lesen: Analysen, aber auch Meinungsartikel. Befürchten Sie nicht, dass es Ihnen bei SRF langweilig sein wird?
Nein, langweilig wird es bestimmt nicht. Doch Sie haben Recht: Pointierte Stellungnahmen oder Analysen werde ich beim öffentlichen Radio und Fernsehen keine mehr schreiben können. Das könnte mir durchaus fehlen, doch es ist doch immer so: Nur wer etwas aufgibt, schafft Raum für Neues.

«Ich kaufe mir als erstes ein Generalabonnement der SBB»

Wie geht es nun weiter mit der Tamedia-Inlandredaktion?
Wie genau meine Nachfolge geregelt wird, steht noch nicht fest und zu diesem Prozess habe ich nichts zu sagen. Das ist ein sehr attraktiver Job, da findet man bestimmt eine gute Lösung.

Wer ist denn sonst noch in Ihrem Leitungsteam?
Es handelt sich um eine Co-Leitung, die ich zusammen mit Bundeshaus-Chef Fabian Renz wahrnehme.

Die Sendung «Rendez vous» soll ja per 2020 von Bern nach Zürich ziehen. Spekulieren Sie darauf, dass dieser Umzug zu Stande kommt, so dass Sie nicht allzu lange nach Bern pendeln müssen?
Der Umzug ist ein Entscheid der SRG und der Politik. Ich verfolge die Debatten natürlich mit Interesse, doch ich kaufe mir nun als erstes Mal ein Generalabonnement der SBB. Bern kenne ich gut von meinen früheren Anstellungen als Bundeshaus-Korrespondent und bei der SDA.

Mit Blick auf Ihre 12 Jahre bei Tamedia: Welche Enthüllungen, Recherchen oder welcher Kommentar wird Ihnen noch lange in Erinnerung bleiben?
Huch, da gab es viele: Etwas vom Wichtigsten, über das wir in den letzten Jahren berichteten, war der Beschaffungsskandal im Staatssekretariat für Wirtschaft Seco, den Tamedia aufgedeckt hatte. Die Folgen davon waren Verurteilungen und der Bund musste seine Beschaffungspraxis ändern. Zudem kommt mir die Kasachstan-Affäre in den Sinn. Sie zeigte, wie weit Lobbyismus im Parlament gehen kann. Darüber hinaus gab es durch die Einführung der «Seite Drei» unzählige hervorragende Lesestücke, wie sie so in keiner anderen Tageszeitung der Schweiz zu lesen sind.

«Die meisten Zeitungen haben in den Regionen keine Korrespondenten mehr – das ist staatspolitisch bedenklich»

Und welche Begegnungen werden Ihnen in Erinnerung bleiben?
Das sind auch wieder viele. Ich konnte beispielsweise alle Bundesräte der letzten 12 Jahre kennenlernen. Da gab es spannende und weniger spannende. Was mir ganz besonders in Erinnerung bleibt, ist eine Begegnung in Jerusalem mit Gabriel Bach. Er war Ankläger im Eichmann-Prozess. Im Interview konnte ich mit Bach über sein Leben sprechen und über den Eichmann-Prozess. Das war eine unglaubliche Begegnung, die ich nie vergessen werde.

Und bei den Bundesräten: Welche oder welcher war besonders spannend und wer weniger?
Spannend waren die Amtszeiten und die ganzen Irrungen und Wirrungen von Christoph Blocher und Eveline Widmer-Schlumpf. Ein sehr interessanter Gesprächspartner war und ist immer wieder Pascal Couchepin. Ziemlich unnahbar war Didier Burkhalter, während Moritz Leuenberger und Micheline Calmy-Rey sehr launisch sein konnten.

Eine Frage noch zu den Sparmassnahmen bei Tamedia, insbesondere der zentralisierten Redaktion. Was sind Ihrer Meinung nach die Auswirkungen?
Vieles läuft gut. Die Leser erhalten insgesamt eine bessere oder mindestens gleich gute Zeitung. Sehr bedauerlich ist hingegen, dass die Regionen zu kurz kommen. Passiert etwa im Aargau oder im Tessin, findet das in den Tamedia-Zeitungen kaum noch statt, denn wir haben die Ressourcen dafür gar nicht mehr. Und auch der Platz in der Zeitung dafür fehlt. In zwei oder drei Seiten kann man die ganze Schweiz nicht mehr in ihrer Vielfältigkeit abbilden. Das ist schade, insbesondere fürs Tessin. Dort haben wir keinen Korrespondenten mehr – im Gegensatz zur Westschweiz, wo wir einen ausgezeichneten Mann haben. Die meisten Zeitungen haben in den Regionen der Schweiz keine Korrespondenten mehr – das ist staatspolitisch bedenklich.



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