31.10.2013

30 Jahre Lokalradio

"Wer keinen Sprachfehler hatte, dem standen die Türen offen"

Radiolegende Roger Thiriet erinnert sich an 30 Jahre Lokalradio.
30 Jahre Lokalradio: "Wer keinen Sprachfehler hatte, dem standen die Türen offen"

Exakt vor 30 Jahren, am 1. November 1983, gingen die ersten neu konzessionierten Lokalradios der Schweiz auf Sendung. Walter Rüegg, ehemaliger DRS-Radiodirektor, und Roger Thiriet, Radiolegende und Lokalradiomann der ersten Stunde, haben zu diesem Anlass das Buch "On Air – 30 Jahre Lokalradio in der Schweiz" herausgegeben und darin die Geschichte der Lokalradios nachgezeichnet. Im Interview wirft Thiriet einen Blick zurück und spricht unter anderem über seine allererste Ansage durchs Mikrofon, "maingestreamt weichgespülte" Titel und den enormen Ansturm auf die Jobs beim Radio.

Bis 1983 hatte nur ein Unternehmen in der Schweiz eine staatliche Sendeerlaubnis: die SRG. Gegen diese Monopolisierung erhob sich Ende der 60er-Jahre Widerstand: Vor allem die Jungen forderten Alternativen zum eher konservativen SRG-Programm. Deshalb schlossen sich einige von ihnen zusammen und sendeten illegal ihr eigenes Programm.

Wie gut diese neuen Piratensender ankamen, wurde deutlich, als der Bund gegen Roger Schawinskis illegalen Sender "Radio 24“ vorging und tausende Fans dagegen demonstrierten. Mit Erfolg: 1983 löste der Bundesrat das Sendemonopol der SRG auf und vergab erstmals Konzessionen an Privatradios. Am 1. November 1983 - also vor genau 30 Jahren - gingen die ersten Lokalradios in der Schweiz auf Sendung. Zu diesem Jubiläum erschien die Publikation "On Air", welche die Entwicklung der Lokalradios in der Schweiz in dieser Periode nachzeichnet.

Herr Thiriet, Sie haben bei den Radios Basilisk, Eviva und DRS gearbeitet und soeben ein Buch über die Entwicklung der Lokalradios in den letzten 30 Jahren herausgegeben. Sie gelten in der Schweiz als Radiolegende: Was ist Ihre prägendste Erinnerung an die Zeit beim Radio?
Wer fast dreissig Arbeitsjahre seines Lebens drei verschiedenen Sendern auf drei verschiedenen Ebenen (SRG, Lokale, Kabelradio) gewidmet hat, der hat auf diese Frage fast zwangsläufig mehrere Antworten. Spontan fällt mir jedoch immer noch meine allererste Ansage im Spätprogramm des Schweizer Radios ein, als ich nach endlos scheinendem Auswahl- und Ausbildungsverfahren im damaligen "Sprech- und Präsentationsdienst des Schweizer Radios" im Studio Basel am 23. November 1969 unter Obhut von Chefsprecherin Edith Schönenberger nach den 22.15 Uhr-Nachrichten endlich, endlich den Mikrophonregler aufziehen und sagen durfte: “Und nun zum Big Band Ball mit den Orchestern Max Greger, James Last und Burt Bacharach". Am anderen Tag sprach ich im Basler Uni-Käffeli etwas lauter als sonst mit meinen Kollegen und dachte, jetzt müssten mich alle kennen. 

 
Wurden denn die Erwartungen erfüllt, die man vor 30 Jahren an das "Projekt Lokalradio" gestellt hat?
Als wir 1981 bei Radio DRS mit der Aktion "RS sucht neue Stimmen" das Moderationspersonal für das geplante DRS 3 suchten, meldeten sich 3'000 Interessierte aus der ganzen Deutschschweiz. Von denen schafften es nach drei Auswahlrunden, unzähligen Tests und Castings schliesslich fünfzehn Männer und fünf Frauen in die Endrunde. Mit anderen Worten: Das Tor zum gelobten Radioland war zu den Zeiten des Beromünster- und DRS-Monopols ein Nadelöhr, durch das es nur ganz wenige Auserwählte schafften. Nach der Einführung der Lokalradios war es umgekehrt: Wer keinen Sprachfehler hatte und bereit war, für wenig Geld viel zu arbeiten, dem standen die Studiotüren offen, und viele von diesen Radiobegeisterten haben es später in die nationalen SRG-Medien geschafft. Aber die Lokalradios haben nicht nur Bewegung in den Stellenmarkt der Branche gebracht und unzählige hervorragende Medienprofis ausgebildet, auch für die Zuhörer gingen viele Erwartungen in Erfüllung. Die neuen Sender befriedigten deren Ansprüche an den Lokalbezug von Information, Unterhaltung und Orientierung, dem die SRG aufgrund ihrer Struktur auch mit den zeitlich knapp gehaltenen Lokaljournalen nicht Rechnung tragen konnte. Und nicht zuletzt sorgten die Privaten für Bewegung bei der öffentlichrechtlichen SRG, deren Innovationen wie DRS 3, Virus oder Musigwälle Reaktionen auf die neue Konkurrenz waren.
 
Was sind die grössten Veränderungen der letzten 30 Jahre?
Von den nichtkommerziellen Sendern wie dem Zürcher Lora oder dem Basler Radio X einmal abgesehen, ist hier sicher die technische Entwicklung zu nennen. Als ich 1984 zu Radio Basilisk wechselte, spielten wir noch Polyvinyl-Langspielplatten und –Singles ab Lenco-Plattenspielern, schnitten Beiträge mit der Schere aus BASF-Magnetbändern und schoben unförmige Cartridges mit Werbespots in Abspielschächte. An den Computerbildschirmen in den heutigen Studios könnte ich heute weder schneiden noch senden. Hand in Hand mit der technischen Entwicklung ging die Formatierung der Musik: Immer weniger "maingestreamt weichgespülte" Titel auf der Playlist sorgen für einen immer höheren Wiedererkennungswert des betreffenden Senders beim Publikum. Was eigentlich eine gute Idee war, nun aber dazu geführt hat, dass fast alle Stationen in Europa die selben 100 Titel rauf und runter spielen.
 
Finden Sie die Radioprogramme heute noch gleich spannend wie vor 30 Jahren?
Nein, aber das müssen sie auch nicht sein. Beim öffentlichrechtlichen SRG-Radio erzeugten spezifische Formen wie das Hörspiel (“Kino im Kopf”) echte Spannung; bei den Privaten waren die neuen, frischen, ungewohnten Inhalte, Layout- und Persönlichkeiten so lange spannend, bis man sich daran gewöhnt hatte. Heute hat das Mainstream-Radio – nicht nur aus privaten Quellen – eine unaufgeregte Begleitfunktion, wo Spannung – Einzelformate wie das SRF 3-Format "Uri, Schwyz und Untergang" ausgenommen - nicht mehr gefragt ist. 
 
Wie beurteilen Sie heute den Schweizer Lokalradiomarkt?
Ich habe mich ihm zwar ziemlich entwöhnt, aber soviel kann ich wohl sagen, ohne mich zu blamieren: Er ist gesättigt.
 
Wenige Radiosender sind rentabel - woran liegt das?
Zu kleiner Markt für zu viele Stationen in zu wenig wirtschaftlich starken Sendegebieten.
 
Was sind derzeit die grössten Probleme der Lokalradios?
Die grösste Herausforderung scheint mir, dass sie dank Kabel- und DAB+-Verbreitung in der ganzen Schweiz nicht mehr "lokal" sind. Ich kenne viele Basler, die Radio 24 hören, für dessen Werbebotschaften aber nur bedingt Zielpublikum sind -  und anderseits in den zahllosen Internet-Radios auf dem World Wide Web starke Konkurrenz erhalten. Und natürlich, dass die nächste Generation dank iTunes und Push-Nachrichten auf ihren Smartphones immer weniger Radio braucht und offenbar auch hört.
 
Welches ist Ihr Lieblingssender?
Als immer noch Dauerradiohörer par déformation professionelle: SWR 3, “Deutschlands bestem Radio” seit Jahren und 1975 (damals noch als Südwestfunk) mit dem Pop Shop Erfinder des modernen Radios. Dort macht man mich nicht ungefragt zum Kumpel des Moderationspersonals oder behandelt mich nachsichtig als begriffsstutzigen Depp, dem man jede Telefonnummer zweimal wiederholen muss, sondern begegnet mir als mündigem Hörer auf Augen- (resp. Ohren-)höhe. Das Verhältnis Wort/Musik ist ideal zum Hören während der Arbeit. Das Moderationspersonal ist so gescheit wie die Komiker witzig. Und last not least – und das ist ja meist der wichtigste Aspekt bei der Wahl eines Radioprogramms - gefällt mir die Musik. 
 
Ihre Zukunftsprognose für das Radio?
Ich sehe nicht schwarz für sie. Die angesprochenen unendlichen Möglichkeiten für jeden und jede, sich aus zig Quellen seinen ureigenen Lese-, Audio- und Videobedarf autonom zusammenstellen zu können, führen zu einer Überforderung des Individuums. Und damit dazu, dass Orientierung und Einordnung durch einen Anbieter weiterhin nachgefragt werden. Da kann das Radio mithalten, und das Lokalradio sowieso, wenn es sich auf seine ursprünglichen Stärken des "Quartierfunks" zurückbesinnt.
 
Interview: Seraina Etter, Hauptbild: Sendestart von Radio Munot (1983), Abbildung aus dem Buch "On Air". (Keystone)
 

"On Air. Dreissig Jahre Lokalradio in der Schweiz"

Die soeben erschienene Publikation "On Air" zeichnet die Entwicklung des Radios in der Schweiz den letzten 30 Jahren nach und diskutiert seine Bedeutung. Protagonisten der Schweizer Medienszene kommen zu Wort: als "Pioniere" etwa Christian Heeb, François Mürner oder Roger Schawinski, als "Lokalmatadoren" Thomas Jenny, Christine Kilcher oder Pierre Steulet oder als SRG-Vertreter Roger de Weck, Heinz Gantenbein und Heinrich von Grünigen. Mit Einzelporträts der Lokalradios und einer Chronologie medienpolitischer Entscheide bietet das Buch einen Überblick über die bestehende Schweizer Radioszene. Im Buch sind zudem QR-Codes zu finden, die mit Smartphones Zugang zu Hörmaterialien ermöglichen.

Über die Herausgeber:
Walter Rüegg ist Lehrbeauftragter an der Universität Basel, Journalist und Verleger (1974-2009) sowie ehemaliger Direktor von Schweizer Radio DRS (1999-2009).
Roger Thiriet ist freischaffender Publizist und u.a. Präsident der Stiftung Kabelnetz Basel / TeleBasel, Journalist und Moderator bei Radio SRF und Radio Basilisk.
Klaus Neumann Braun ist Leiter des Seminars für Medienwissenschaft und des Departements Philosophie und Medienwissenschaft an der Universität Basel

 


Bernhard Russi, Ursi Spaltenstein und Roger Schawinski während einer Radio-24-Livesendung (1984)

Das Sendestudio von Radio ExtraBE befand sich im Restaurant "Löwen" in der Berner Altstadt.

Christian Heeb (Mitte), der Chefredaktor von Radio Basilisk, interviewt im September 1983 am Dalbenlochfest dessen Organisator, Elio Tomasetti. Radio Basilisk ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht über UKW zu empfangen und überträgt Sendungen aus einem umgebauten Bus auf das Festivalgelände. Links im Bild sitzt der Redaktor für Musik und Unterhaltung, Caesar Perrig. 

Sendebetrieb im Alternativen Lokalradio LoRa in Zürich, aufgenommen zirka Mitte der 1980er-Jahre. 

Der private Lokalradiosender Radio Z geht am 1. November 1983 mit der Moderatorin Rosemarie Pfluger und dem Musik-Chef Rene Wermelinger in Zürich auf Sendung.

Bilder: Keystone



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