09.01.2019

Dreikönigstagung 2019

Wie Schweizer Medien auf den Fall Relotius reagieren

Zum Abschluss der Neujahrestagung im Aura kam das Thema Faktencheck auf den Tisch. Falsche News würden Lokalredaktoren am nächsten Tag um die Ohren fliegen, so Sidonia Küpfer von den «Schaffhauser Nachrichten». Judith Wittwer verteidigte das Storytelling.
Dreikönigstagung 2019: Wie Schweizer Medien auf den Fall Relotius reagieren
«Weltwoche»-Chef Roger Köppel, NZZaS-Chefredaktor Luzi Bernet, Tagungsmoderator Matthias Ackeret, Tagi-Chefredaktorin Judith Wittwer und Sidonia Küpfer, Mitglied Redaktionsleitung «Schaffhauser Nachrichten». (Bild: persoenlich.com)
von Michèle Widmer

Aktueller könnte das Thema des Abschlusspanels der diesjährigen Neujahrstagung der Verleger nicht sein: Vertrauen in die Medien. Die Fälschungs-Affäre um «Spiegel» Reporter Claas Relotius sorgte in den vergangenen Wochen für rege Diskussionen über Faktentreue in Schweizer Medien. Können die Nutzerinnen und Nutzer darauf vertrauen, dass stimmt, was in den Medien steht? Und wie wird das in den Schweizer Redaktionen sichergestellt?

Auf dem Podum diskutierten «Weltwoche»-Chef Roger Köppel und NZZaS-Chefredaktor Luzi Bernet, welche beide Artikel von Relotius abgedruckt haben. Daneben sassen Tagi-Chefredaktorin Judith Wittwer und Sidonia Küpfer, Mitglied Redaktionsleitung «Schaffhauser Nachrichten».

Faktentreue über Stil stellen

«Als Chefredaktoren haben wir eine Verantwortung, redaktionsintern daraufhinzuweisen, dass Journalismus ein solides Handwerk ist», sagte Wittwer dazu. Es müsse eine Kultur herrschen, in der Relevanz und Faktentreue über Stil gestellt würden. Man müsse auch Starschreibern kritische Fragen stellen. Die Tagi-Chefredaktorin verteidigte auf dem Podium das Genre Storytelling. «Es ist wichtig, sprachlich an Artikeln zu feilen und die Leser mit einem guten Einstieg an trockene Materie ranzuführen», fügte sie an.

Im Lokaljournalismus könnte ein Fall Relotius nicht passieren, gab Tagungsmoderator und «persönlich»-Verleger Matthias Ackeret das Wort an Sidonia Küpfer von den «Schaffhauser Nachrichten» weiter. «Mir wird es zurzeit fast etwas ‹Gschmuch› bei all dem Lob», sagt sie. Aber ja, es stimme. «Man erhält nirgends so viele Rückmeldungen wie im Lokaljournalismus. Wenn etwas in einem Artikel nicht stimmt, fliegt es dem Journalisten am nächsten Tag um die Ohren.»

«Weltwoche»-Interviews Grossteils autorisiert

Luzi Bernet und Roger Köppel sprachen über die Aufarbeitung des Falles. «Keiner der sechs Artikel von Relotius, die bei uns erschienen sind, wurde von A bis Z erfunden», sagte der «NZZ am Sonntag»-Chefredaktor. Bernet bedauert, das Relotius selbst für ihn nicht zu erreichen ist. Auch der «Weltwoche»-Chef kritisiert den Starreporter für sein Abtauchen. Man sei dabei, den Fall aufzuklären.



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Kommentare

  • Robert Weingart , 09.01.2019 17:45 Uhr
    Warum nur Redaktionsleiter auf dem Podium? Die üblichen Gesichter? Warum nicht „Betroffene“ wie Auslandskorrespondenten oder Reporter?
  • PAUL KIENLE, 10.01.2019 10:56 Uhr
    Nur zur Erinnerung: Es war Roger Köppel, der als Chefredaktor des «Tages-Anzeiger-Magazins» monatelang die erfundenen Interviews und Stories des Gauners Tom Kummer publizierte, die unter anderem auch im Magazin der "Süddeutschen Zeitung" erschienen. Die beiden damaligen Chefredaktoren des SZ-Magazins, Ulf Poschardt und Christian Kämmerling, wurden wegen der gefälschten Kummer-Interviews entlassen, Köppel nicht, obwohl ihn viele Betroffene seiner absurden Stories, zB. einer Geschichte über Schweizer in Los Angeles vor Tom Kummer gewarnt hatten. Ich zitiere dazu die "Zeit": "Mit einem seiner ersten Texte über die dortigen Exilschweizer für das Magazin des Tages-Anzeigers macht er sich einen Namen. Keinen guten: Er beschreibt sie als eine unsympathische, koksende Truppe. Den Text bebildert er unter anderem mit dem Foto eines Freundes, des Fotografen Amedeo Bühler, und eines weiteren Schweizers. In der Bildunterzeile nennt er sie das schwule Pärchen Jean Marie und François, das "ein trendiges Coffeehouse in West Hollywood" betreibt. Bühler, stolzer Familienvater, kocht und jagt Kummer mit der Axt aus dem Fotostudio. Es folgen Texte für Sports, Geo Saison, die Weltwoche....". I rest my case....
  • PAUL KIENLE, 10.01.2019 11:57 Uhr
    By the way: Ich habe, drei Jahre bevor Tom Kummer als Fälscher entlarvt wurde, einen Roman geschrieben, in dem ein Ernst Kümmerli, der sich Ernesto Kummer nennt, Interviews mit grossen Hollywood-Stars erfindet. Als der Roman mit dem Titel "DER UNIVERSALIDIOT" erschien, habe ich auf der letzten Seite diesen erfundenen Text angefügt. „ICH HABE ALS ERSTER JOURNALIST WELTWEIT UND WELT-EXKLUSIV DAS MANUSKRIPT DIESES ROMANS GEFUNDEN UND GELESEN: DIESER PAUL KIENLE HAT SEINEN ROMAN JA EINFACH ERFUNDEN. DAS IST JA EIN „BORDERLINE“-SCHRIFTSTELLER. NICHTS DARIN IST WIRKLICH WAHR – UND DIESER ERNST KÜMMERLI IM „UNIVERSALIDIOT“, DER INTERVIEWS MIT GROSSEN HOLLYWOOD-STARS ERFINDET UND SICH UNVERSCHÄMTERWEISE AUCH NOCH ERNESTO KUMMER NENNT, HAT NICHTS MIT MIR ZU TUN. ABER ES WAR TROTZDEM EIN SPASS UND SPANNEND, DIESEN ROMAN ZU LESEN: ER IST ZWAR AM ANFANG ETWAS ZÄH, WIRD ABER IN DER MITTE UND GEGEN ENDE IMMER BESSER. ICH WOLLTE JA MIT DIESEM PAUL KIENLE EIN INTERVIEW FÜHREN. DAS HAT DER ABER ABGELEHNT. ABER SO EIN INTERVIEW KANN ICH AUCH SELBER ERFINDEN, ICH HABE JA AUCH MIT MARLON BRANDO NACH SEINEM TOD NOCH EIN INTERVIEW GEFÜHRT ...“ TOM KUMMER, „BORDERLINE“-JOURNALIST IN DER „WELTWOCHE“ (SI NON E VERO ...) (ACHTUNG: ERFUNDEN) PS: Der Roman "Der Universalidiot" (erschienen im "Spiegelberg-Verlag) ist auch heute noch in jeder Buchhandlung und auf Amazon etc... erhältlich.

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