19.01.2014

SRF

"Winterspiele sind die grösste Übung, die es zu bewältigen gilt"

Sportchef Urs Leutert zum Sportjahr 2014.
SRF: "Winterspiele sind die grösste Übung, die es zu bewältigen gilt"

Im Hinblick auf das Sportjahr 2014 hat persoenlich.com verschiedenen Schweizer Sportredaktionen einen Besuch abgestattet. In einer losen Serie gewähren uns die Abteilungsleiter einen Einblick in die jeweiligen Redaktionen und deren Vorbereitungen auf das Jahr der sportlichen Grossanlässe. Den Start macht Urs Leutert, Abteilungsleiter Sport beim Schweizer Radio und Fernsehen.

Herr Leutert, werden Sie persönlich an allen Anlässen live vor Ort sein?  
Ja, ich bin bei allen sportlichen Grossanlässen dabei, und zwar jeweils vor dem eigentlichen Beginn der Wettkämpfe. Ich reise zum Beispiel fünf Tage vor der olympischen Eröffnungsfeier nach Sotschi. Bei der Fussball-Weltmeisterschaft wird das ähnlich sein. So kann ich die letzten Vorbereitungen verfolgen und noch "helfen", sofern dies möglich und nötig ist. In Brasilien werde ich beim SRG-Team sein, das die Schweizer Nationalmannschaft begleitet. Dabei ist eine gute Zusammenarbeit mit dem SFV entscheidend. Beispiel: Aufgrund der Zeitverschiebung müssen die Spieler, welche wir für unsere Abend-Sendung um 20 Uhr interviewen wollen, bereits am Nachmittag um 15 Uhr in unser Studio vor Ort kommen. Dies erfordert eine präzise Planung und während der WM viel Vertrauen und Goodwill von beiden Seiten.

SRF wird also der Schweizer Nationalmannschaft den Puls fühlen. Wird sich Ihr Team in Brasilien im Hotel der Schweizer einrichten?
In der Regel wollen wir das nicht, um die journalistische Distanz zur Nationalmannschaft beibehalten zu können und den Sportlern auch eine gewisse Privatsphäre zu gewähren. In Brasilien ist es aber so, dass die Schweizer Delegation in einem riesigen Hotelkomplex logieren wird, in welchem übrigens auch noch ein Teil des deutschen Teams unterkommen wird. Wir werden uns nicht im gleichen Hotel, aber ebenfalls in dieser Anlage  einrichten.  

Dementsprechend wird das ähnlich sein, wie in Sotschi, wo sie sich im House of Switzerland einrichten werden. In der Sportlounge war zu sehen, inwiefern es Probleme mit der Baubewilligung und der Umsetzung des Holz-Hauses gab. Nun steht das Gebäude an einem anderen Ort, als zuerst geplant. Zudem erst seit kurzer Zeit, also sehr knapp vor Beginn der Olympiade. Hatten Sie einen Plan B in der Hinterhand? 
Die Situation war wirklich schwierig, aber das Haus steht nun, sogar noch an idealerer Lage als zunächst geplant. Manchmal führen solche Schwierigkeiten auch zu besseren Lösungen. Einen Plan B muss man allerdings immer haben. In Sotschi verfügen wir über diverse Aussenstandorte, aus denen wir grundsätzlich ganze Sendungen fahren könnten. Es hätte also Möglichkeiten gegeben, welche allerdings lange nicht so komfortabel gewesen wären. Plan C ist letztlich immer das Sport-Studio in Zürich. Im äussersten Notfall hätten wir vom Studio Leutschenbach aus begleitet und gesendet. Ich bin froh, dass es noch geklappt hat. Solche "Stresssituationen" gibt es vor allen grösseren Projekten, vieles wird erst im letzten Augenblick bereit. Die Erfahrung, dass am Schluss praktisch immer alles klappt, gibt uns die nötige Gelassenheit.

Waren die Schwierigkeiten in Russland grösser, als in anderen Austragungsorten zuvor? 
Russland war in mancher Hinsicht schwierig, ja. Wir haben zum Beispiel Entscheide treffen müssen, bevor wir die eigentlich notwendigen Genehmigungen und Bewilligungen erhalten haben.

Die Bewilligung für das House of Switzerland haben Sie auch jetzt noch nicht Schwarz auf Weiss. 
Das ist so, wir konnten aber mit dem Bau nicht zuwarten, sonst wären wir nicht rechtzeitig bereit.

Bleibt die journalistische Unabhängigkeit gewährleistet, wenn die Schweizer im House of Switzerland im Falle einer Medaille feiern? 
Unsere Journalisten werden nicht aktiv mit allfälligen Medaillengewinnern feiern, sondern über die Feiern der Sportler berichten. Dass man sich in solchen Situationen der Ausgelassenheit, Freude und guten Stimmung nicht entziehen respektive verweigern kann, ist selbstverständlich.

Das Jahr 2014 ist eines voller sportlicher Grossanlässe. Ob als Medienschaffender oder Konsument, auf welchen freuen Sie sich besonders? 
Das kann ich so nicht sagen. Ich habe grosse Freude am Sport allgemein. Emotionen, Ästhetik, Kämpfen, Verlieren und Gewinnen sind für mich die schönen und interessanten Aspekte des Sports. Ich finde sie in jeder Sportart. 

Die Fussball WM gilt als grösster Anlass der Welt. Wie bei der SRF-Jahresmedienkonferenz von Ruedi Matter zu hören war, werden Sie die olympischen Spiele, im Bezug auf die Live-Berichterstattung, mindestens gleichwertig abdecken. Wie setzen Sie den Fokus? Das mit "grösster Anlass" ist so eine Sache, je nach Kriterium: Dimension, Ausstrahlung, Kosten etc. Die weltweit grösste Ausstrahlung hat sicher die Fussball-WM, der grösste Anlass sind die olympischen Sommerspiele mit den vielen verschiedenen Sportarten. Für uns am wichtigsten und am aufwändigsten sind olympische Winterspiele, da in vielen Sportarten Schweizer Athletinnen und Athleten mit Medaillenchancen am Start sind, welche wir hautnah begleiten wollen. Dies bedingt eine Vielzahl von zusätzlichen Mitarbeitenden und einen grossen zusätzlichen technischen Aufwand. Zudem produziert die SRG nach Turin 2006 und Vancouver 2010 zum dritten Mal in Folge das Weltsignal für die Ski Alpin Übertragungen. Zum Vergleich: In Brasilien fokussieren wir auf die Schweizer Nationalmannschaft, kommentieren die andern Spiele vor Ort und begleiten die ganze WM aus dem Studio in Zürich.

Die SRG wird bei der Leichtathletik Europameisterschaft im August in Zürich die aufwendigste Eigenproduktion in Angriff nehmen. In einem Interview mit der NZZ sagten Sie, dass Sie für die Stadt Zürich auch Tourismuswerbung betreiben. Inwiefern arbeiten Sie mit der Stadt zusammen? 
Nur indirekt. Wir sind in die ganze Planung der EM auf allen Ebenen eingebunden. Unsere primäre Aufgabe ist es, den Sport abzudecken. Über Leichtathletik zu berichten, ist eine aufwendige Sache, da es viele Disziplinen parallel abzudecken gilt. Deshalb ist dies von den Mitteln her das grösste Projekt in der Geschichte der SRG. Natürlich versuchen wir, den Standort Schweiz und auch die Stadt Zürich zu präsentieren, indem wir Clips, Opener und Closer produzieren. Bei einer Veranstaltung, welche ausschliesslich in einem Stadion stattfindet, ist die Promotion für den Austragungsort wesentlich schwieriger als bei einer Outdoor-Veranstaltung wie zum Beispiel die Ski-WM St. Moritz, wo die ganze Landschaft, hier das ganze Engadin, integrierter Bestandteil der Fernsehübertragung ist. Wir werden aber auch für Zürich das Möglichste tun.

Ich nehme an, Sie verhängen während dieser Grossereignisse den rund 150 Mitarbeitenden von SRF Sport eine Feriensperre? 
Ja, das ist richtig.

Da ein Grossanlass dem anderen folgt, werden alle Mitarbeitenden in der kurzen Zwischenzeit ihre Ferien einziehen wollen. Haben Sie keine personellen Engpässe, um das tägliche Geschäft abzudecken? 
Dies ist für uns tatsächlich ein Problem. Um Grossprojekte zu bewältigen, müssen wirklich alle mitarbeiten. Dabei beginnt dies nicht erst am Eröffnungstag des jeweiligen Anlasses, sondern viel früher und dauert auch länger als der eigentliche Event. Natürlich möchten die Leute in den Zwischenzeiten in die Ferien. Kommt hinzu, dass eine Generation an Mitarbeitenden herangewachsen ist, welche schulpflichtige Kinder haben und sich deshalb an den Schulferien ausrichten müssen. Und diejenigen die kinderlos sind, haben sicher eine Partnerin, die Lehrerin ist... (lacht). Scherz bei Seite. Es ist tatsächlich grosses Verständnis und eine grosse Loyalität aller Kollegen gefragt. Und das Daily Business geht ja immer weiter. Ereignissen wie Fussball-Super League, Tennis-Grand-Slams, Tour de France etc. wollen wir auch in einem Jahr mit Grossanlässen unsere Aufmerksamkeit schenken. Aber natürlich versuchen wir, zwischendurch etwas "runterzufahren", es werden uns auch externe Leute und Kollegen anderer SRF-Abteilungen unterstützen.

Sind Sie als Abteilungsleiter Sport glücklich über das stressige Jahr oder bevorzugen Sie es lieber etwas ruhiger? 
Ich bin vor allem in der Planung und Vorbereitung der Grossprojekte stark engagiert. Diese beginnen bis zu drei Jahre im Voraus. Nun sind die operativen Leute gefordert. Ich versuche vor allem den Gesamt-Überblick zu behalten. Apropos: wir beschäftigen uns bereits intensiv mit den nächsten Olympischen Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro/Brasilien.

Zum Schluss wollen wir einen Tipp vom Experten. Wer wird Fussball-Weltmeister? 
Obwohl Fachleute behaupten, dass Brasilien nicht so stark sei, tippe ich auf das Heimteam. Es muss einfach die Seleçao sein.

Interview: Marco Lüthi, Bild: SRF

 

 



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