Christian Dütschler, 50 Jahre ist ein stolzes Alter für eine TV-Sendung. Was ist das Geheimnis der Langlebigkeit von «Kassensturz»?
Der «Kassensturz» setzt sich seit 50 Jahren für die Konsumentinnen und Konsumenten ein. Aus dieser Perspektive berichten wir und geben so unserem Publikum eine Stimme. Anwaltschaftlicher Journalismus, investigative Recherchen und Produktetests sind unser Markenzeichen. Wir decken Missstände auf und bieten den Zuschauenden viel praktischen Nutzen zu Themen, die sie unmittelbar betreffen: zum Beispiel Mieten, Sozialversicherungen oder Handyabos. Ich denke, dies macht den Erfolg vom «Kassensturz» aus.
Woche für Woche wird aufgezeigt, wie Konsumenten an der Nase herumgeführt werden. Manche Zuschauer finden die Sendung zu negativ. Was sagen sie dazu?
Ich glaube, viele Zuschauerinnen und Zuschauer schätzen den «Kassensturz». Wir helfen zum Beispiel mit unseren Produktetests – bis heute sind es rund 2300 –, dass sich unser Publikum unkompliziert informieren und gute Kaufentscheide treffen kann. In vielen Fällen konnte die Sendung Zuschauerinnen und Zuschauern auch zu ihrem Recht verhelfen. Zudem decken wir mit unseren Recherchen Missstände auf. «Kassensturz»-Berichte führten etwa dazu, dass der Detailhandel auf den Verkauf von Fleisch aus Qualzuchten verzichtet. Wir sind uns aber bewusst: Heute ist Nutzwert gefragt – daher machen wir zum Beispiel regelmässig Experten-Chats für unser Publikum.
«Produktetests prägen den ‹Kassensturz› seit jeher und stossen nach wie vor auf grosses Interesse»
Sie sprechen die Produktetests an. Oft arbeiten Sie dabei zusammen mit den Zeitschriften K-Tipp und Saldo. Reicht das Budget nicht, um eigene Tests zu führen?
Doch. Aber durch die Zusammenarbeit mit K-Tipp und Saldo können wir uns mehr Produktetests leisten, bei denen schon der Einkauf der Produkte teuer ist oder die Labor-Tests aufwendig sind.
Wie haben sich die Themen in den vergangenen 50 Jahren entwickelt?
Produktetests prägen den «Kassensturz» seit jeher und stossen nach wie vor auf grosses Interesse. Immer wichtiger werden konsumpolitische Hintergründe zu Geld, Arbeit und Konsum. Grosses Interesse stellen wir auch bei Themen mit grossem Nutzwert fest: So sind Mietzinsen und Krankenkassen-Prämien seit Jahren Dauerbrenner. In den letzten Jahren erhalten wir zudem sehr viele Zuschriften zu Online-Shops und Online-Betrug.
Inwiefern ist die Arbeit einer Konsumentensendung heute einfacher als früher?
Leichter geworden ist der direkte Austausch mit unseren Zuschauerinnen und Zuschauern. Heute können sich Betroffene unkompliziert mit einer E-Mail an uns wenden. Pro Jahr erhalten wir 12'000 Zuschriften aus dem Publikum. In Zeiten der Briefpost war das aufwendiger.
Und was ist schwieriger geworden?
Anspruchsvoller geworden sind unsere Recherchen, die Kommunikationsabteilungen schirmen die Verantwortlichen zum Beispiel häufig ab. Vinzenz Wyss, Professor für Journalistik an der ZHAW Winterthur, spricht in unserer Jubiläumssendung von einem «Aufrüsten der PR-Industrie, der Öffentlichkeitsarbeit und der Medienanwälte». Es ist sicher nicht einfacher geworden, dass sich die Verantwortlichen im Studio einem kontroversen Live-Gespräch stellen.
Die Schwestersendung in der Romandie «A Bon Entendeur» gibt es seit 1976. Lässt sich der «Kassensturz» auch von den Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie inspirieren?
Es gibt einen regen Austausch mit der RTS-Sendung «A Bon Entendeur», aber auch mit der Konsumsendung «Patti Chiari» von RSI. Wir haben zum Beispiel gemeinsam eine Sendung zu den steigenden Gesundheitskosten produziert.
«Investigative Recherchen und anwaltschaftlicher Journalismus bleiben wichtig»
Es gab in letzter Zeit einige Wechsel in der Redaktion. Moderatorin Kathrin Winzenried hat aufgehört. Ist das neue Team jetzt komplett und eingelebt?
Ja, es freut mich, dass André Ruch unsere Redaktion seit Anfang Jahr verstärkt und am 16. Januar seine erste Sendung moderiert. Er bildet mit Bettina Ramseier ein starkes Moderationsteam.
Wie kann sich der «Kassensturz» inhaltlich weiterentwickeln? Welche Pläne haben Sie?
Investigative Recherchen und anwaltschaftlicher Journalismus bleiben wichtig. Heute wollen Konsumentinnen und Konsumenten aber nicht nur Unterstützung, wenn sie über den Tisch gezogen werden. Im riesigen Konsumangebot ist zusätzlich Orientierung gefragt, wenn sich jemand vorgängig über ein Produkt oder eine Dienstleistung informieren möchte. Der Konsum über digitale Kanäle ist ein riesiges Universum, das sich rasend schnell verändert. Bei solchen Trendthemen ist der «Kassensturz» besonders gefragt – in diesem Bereich wollen wir uns weiterentwickeln.
Und wie gehen Sie auf das veränderte Nutzerverhalten ein?
Wir spielen unsere Inhalte auf verschiedenen Kanälen aus. So investieren wir für ein jüngeres Publikum in den Auftritt des YouTube-Kanals «SRF Kassensturz» und setzen auf die eigene Plattform Play SRF. Gerade bei unseren Produkte- und Dienstleistungstests stellen wir fest, dass sie auch Monate und Jahre nach der Erstausstrahlung über das Internet gesucht werden.


