08.12.2010

"Wir haben bald acht Millionen Musik-Titel im Gratis-Angebot"

Seit August ist die Plattform Simfy.ch in der Schweiz online. Der Dienst will das Musikhören übers Web nochmals verändern. Statt Songs zu kaufen oder illegal herunterzuladen, können die User diese gratis via Streaming hören. Eine Technik mit Zukunft. Seit ein paar Wochen bietet auch Tamedia für die Marke 20 Minuten ein entsprechendes Angebot an. Wie sich der Streaming-Pionier Simfy.ch gegen die Konkurrenz behauptet, wollte "persoenlich.com" von Mitinitiant Dominik Schmid wissen. Das Interview:
"Wir haben bald acht Millionen Musik-Titel im Gratis-Angebot"

Dominik Schmid, simfy gibt es seit vier Monaten in der Schweiz, welche Bilanz ziehen Sie?

Eine positive Bilanz! Der Dienst kommt bei den Leuten gut an und deckt offensichtlich ein Bedürfnis ab. Obwohl wir erst am Anfang stehen, haben wir bereits 10'000 registrierte Nutzer. Ein paar Hundert haben sich sogar für die Premium-Mitgliedschaft entschlossen. Dieses Resultat wurde ohne grossen Werbeaufwand erreicht. Wir haben bis anhin vor allem virale Kanäle für die Bekanntmachung von simfy genutzt. Das Angebot an Musik wird kontinuierlich ausgebaut. Anfang nächsten Jahres werden wir rund acht Millionen Titel im Angebot haben.

simfy hat ein grosses kostenloses Angebot. Wie refinanziert sich die Plattform?

Wenn jemand Musik auf seinem Computer streamen will, hat er kostenlosen Zugriff auf ein sehr grosses Angebot. Das soll künftig über Werbung refinanziert werden. Zur Verfügung stehen die Formate Display Werbung, Video Ads und kurze Audio Clips zwischen den abgespielten Songs. Die sehr hohe durchschnittliche Verweildauer von 30 Minuten ist natürlich aus Sicht der Werbewirtschaft hoch interessant. Daneben gibt es den kostenpflichtigen Premium-Bereich (CHF 14.50/Monat). Durch das Abo erhält der Benutzer eine App, welche es ermöglicht, auf das gesamte Angebot von simfy auch mobil zuzugreifen. Man kann mit dieser App auch wählen, welche Musik man im Offline-Modus hören will und diese entsprechend speichern. So steht die Musik mobil weltweit und ohne Netzanbindung jederzeit zur Verfügung.

Wo liegen die Probleme?

Wir müssen den Leuten das Verständnis für Streaming-Dienste geben, ihnen den Unterschied zwischen Download und Streaming klar machen und sie an diese neue Form des Musikhörens gewöhnen. Die Umstellung ist ähnlich gross, wie die Umstellung vor Jahren von CDs zu MP3 Dateien. Nicht ein Problem aber eine Herausforderung ist die Priorisierung von Neuentwicklungen. Es gibt immer mehr Ideen und Wünsche, als die Entwicklungskapazitäten zulassen. Juristische Probleme dagegen gibt es kaum. Die Dateien können nicht gespeichert oder weitergeleitet werden. Und mögliche Hacks werden mittels gezielter Weiterentwicklung immer wieder neutralisiert. Es ist bei simfy auch nicht so, dass die erstellten Playlists nach Kündigung des Abos gelöscht werden. Sie sind mobil einfach nicht mehr verfügbar. Sobald das Abo jedoch erneuert wird, kann auch auf die alten Playlists zurückgegriffen werden.

Ist die Premium App für den Blackberry schon da?

Die Premium App gibt es derzeit für das iPhone, den iPod Touch und für Android Smartphones. Die Blackberry App sollte ab dem 15. Dezmeber verfügbar sein. Auch die iPad App sollte noch in diesem Monat kommen.

Kann bei simfy nun auch selbst gekaufte Musik hochgeladen werden?

Das ist leider noch nicht möglich, befindet sich aber in der Entwicklung. Der grosse Vorteil dieser Funktion ist der, dass man auch die Musik über simfy hören kann, die derzeit nicht in unserem Angebot ist. Dies bezieht sich insbesondere auf Künstler, die sich bis heute den Online-Angeboten konsequent verweigern, wie etwa AC/DC oder Metallica. Sie befürchten, dass sie beim Streaming zu wenig verdienen. Dabei vergessen sie, dass sie gar nichts verdienen, wenn die Leute ihre Musik illegal herunterladen. Wir gehen auch nicht davon aus, dass künftig nur noch Streaming-Dienste genutzt werden. Es ist also durchaus sinnvoll, dass man Musik aus anderen Quellen über das simfy-Angebot abspielen kann. Man hat dann überall Zugriff auf sein ganzes eigenes Musikrepertoire, unabhängig vom Gerät und vom Provider.

Seit Mitte November bietet 20min den Streaming-Dienst Soundshack an. Was bedeutet das für simfy?

Es ist eine Bestätigung, dass Streaming die Zukunft des Musikhörens ist. Wir hatten uns erhofft, dass die Medienpower hinter Soundshack auch uns hilft, die Konsumenten für das Thema Musik-Streaming zu sensibilisieren, indem darüber geschrieben und berichtet wird. Dieser Effekt ist bis anhin leider weitgehend ausgeblieben. Vom Angebot her brauchen wir uns sicher nicht zu verstecken, auch wenn wir "David" sind. simfy verfügt derzeit über das grössere Musik-Angebot und hat mehr Apps im Angebot. Vor allem aber gibt es ein grosses kostenloses Angebot auf simfy, wogegen Soundshack ausschliesslich gegen Bezahlung (CHF 14.90/Monat) genutzt werden kann. Zudem ist das Registrieren bei Soundshack sehr langwierig. Viele Interessierte dürften auf dem Weg dazu aufgeben.

Soundshack setzt auf die Zusammenarbeit mit Sunrise. Es gibt einen günstigen Abo-Mix. Plant simfy auch so etwas?

Natürlich sind auch wir interessiert an der Zusammenarbeit mit geeigneten Kooperationspartnern. Es laufen diverse Gespräche. Als "new kid on the block" bedarf es da aber eines besonderen Efforts. Wir sind neu, wir sind noch weitgehend unbekannt. Dementsprechend müssen wir auch Überzeugungsarbeit leisten. Klar ist aber, dass das Thema Musik bei sehr vielen Consumer Brands hoch aktuell ist. Das zeigen uns die durchwegs positiven Reaktionen, aber auch der Umstand, dass man uns anhört.

Der erste Streaming-Anbieter in Europa war spotify. Er fing ursprünglich in Schweden an, ist mittlerweile aber mit sieben Millionen Nutzern in sieben verschiedenen Ländern tätig. Was passiert mit simfy, wenn spotify in die Schweiz expandiert?

Das ist schwer absehbar. spotify geniesst auch bei uns einen gewissen Bekanntheitsgrad. Trotzdem würden wir wohl vom "first mover advantage" profitieren. Auf der anderen Seite ist Loyalität im Zusammenhang mit Online-Diensten eher ein Fremdwort. Das mussten schon viele auch grosse Anbieter, wie etwa die Search Engines der 90er Jahre, schmerzlich erfahren. Wir müssten also sehr stark darauf bedacht sein, ein mindestens ebenso gutes Angebot wie spotify zu bieten. Im Moment rechnen wir allerdings nicht mit einem Markteintritt von spotify. Er konzentriert sich weitgehend auf den amerikanischen Markt. Das ist eine Herkules-Aufgabe, die die vorhandenen Kapazitäten vermutlich weitgehend absorbiert.

Auch Apple und Google dürfte früher oder später in den Streamingmarkt eindringen. Wäre das das Aus für simfy?

Mit ihrem Eindringen ist sicher zu rechnen. Es muss aber nicht das Aus für Anbieter wie simfy bedeuten. Wenn wir es schaffen, uns gut aufzustellen und breit im Markt zu etablieren, müsste der Anreiz, zu einem der grossen Anbieter zu wechslen, sicher höher sein. Sie müssten Inhalte und/oder Features bieten, mit denen simfy nicht konkurrenzieren könnte. Und je etablierter ein Anbieter in einem Markt ist, umso grösser ist natürlich auch die Chance, dass er von einem Big Player übernommen wird. Exit zu den richtigen Konditionen ist nie eine schlechte Lösung.

Wie viele Anbieter haben überhaupt nebeneinander Platz in der Schweiz?

Wenn sich der Markt wirklich so entwickelt, wie das prognostiziert wird - und davon gehen wir aus - dann wird es in der Schweiz sicher Platz für zwei oder drei Streaming-Anbieter haben. Das sehen wir ja auch im Bereich Musik Download. Sicher ist iTunes führend, aber es haben sich einige Anbieter etabliert, die scheinbar genügend gute Zahlen erwirtschaften, um den Dienst weiter zu führen.

Streamen kann man nicht nur zu Hause am PC, sondern auch auf dem Laptop, Smartphone und im Autoradio. Was braucht es dazu?

Streamen kann man mit jedem internetfähigen Gerät mit Netzanschluss. Einer der grossen Vorteile von Diensten wie simfy ist der Zugriff auf den eigenen Musik Account, unabhänig vom Gerät und Provider. Man muss also nicht seinen PC oder Laptop griffbereit haben, um auf seine Musik Zugriff zu haben. Für das Smartphone braucht es natürlich die entsprechende App, wobei sich hier das Musikhören im Offline-Modus aufdrängt. Man muss ja nicht unnötig Streamingkosten - im Roaming noch besonders hohe - generieren. Das Smartphone lässt sich auch an moderne Autoradios anschliessen. Man kann dann seine Playlists über die Anlage im Auto abspielen, aber natürlich im Offline-Modus.

Der grösste Anbieter in den USA, Pandora (57 Millionen Hörer), bietet zusätzlich zu seinem Dienst Kritiken an, die von Musikern stammen. Ist so was bei simfy auch in Planung?

In Planung ist vieles, aber es muss immer eine Priorisierung erfolgen. Kritiken von Musikern steht nicht zuoberst auf der Liste. Wir wollen aber wissen, was unsere Nutzer an neuen Features oder auch neuer Musik gerne hätten. Deshalb wurde soeben auch die Feedback Funktion auf simfy aufgeschaltet. Der Nutzer kann sich dort in ein Forum einloggen und seine Ideen und Wünsche anbringen. Damit können wir sicherstellen, dass wir die Bedürfnisse der Nutzer gebührend abdecken.

Was kann man von simfy in naher Zukunft an Neuerungen erwarten?

Nebst den bereits erwähnten - neue Musik, zusätzliche Apps, eigener Musikupload - werden wir in Kürze einen verbilligten Studententarif für das Premium-Abo anbieten. Ganz aktuell mit Blick auf die bevorstehenden Festtage bieten wir jetzt auch die Möglichkeit, Geschenkgutscheine für 3, 6 oder 12 Monate Premium-Nutzung zu erwerben. Das ist unser Beitrag an alle gestressten Göttis und Gotten, die nicht mehr wissen, was sie schenken sollen.

Interview: Christine Schnyder


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