04.06.2020

Tages-Anzeiger

«Wir haben uns explizit als Duo beworben»

Der Tagi erhält eine Co-Chefredaktion: Mario Stäuble und Priska Amstutz werden diesen Posten per 1. Juli übernehmen. Die designierten Chefredaktoren sprechen über ihre neuen Aufgaben und geplanten Änderungen – und verraten, was in ihrer Bewerbung stand.
Tages-Anzeiger: «Wir haben uns explizit als Duo beworben»
Mario Stäuble (37) und Priska Amstutz (43) übernehmen per 1. Juli 2020 in einer Co-Leitung gemeinsam die Chefredaktion des Tages-Anzeigers. (Bilder: Tamedia/Andrea Zahler)
von Christian Beck

Frau Amstutz, Herr Stäuble, Sie werden neue Tages-Anzeiger-Chefredaktoren (persoenlich.com berichtete). Wie fühlt sich das an?
Priska Amstutz: Ein bisschen, als hätte ich Jetlag – allerdings vor Antritt der Reise. Ich bin im Februar zum Tagi gekommen, und seither haben sich die Ereignisse überstürzt: Corona, Homeoffice, Kurzarbeit. Mario und ich führten die meisten unserer vielen Gespräche über Video. Aber die Freude auf die Zusammenarbeit und über das in uns gesetzte Vertrauen ist sehr gross.

Mario Stäuble: Wir haben unsere Ideen am Mittwochnachmittag intern vorgestellt und dabei auch erzählt, wo wir herkommen. Ich bin ein Tagi-Kind, lese den Titel seit Gymi-Zeiten. Es war darum auch etwas surreal, sich vor der Redaktion – in der einige meiner Vorbilder arbeiten – als neues Gesicht des Mediums hinzustellen.

Ist die derzeitige Chefredaktorin Judith Wittwer so gut, dass es nun gleich zwei Personen für diesen Job braucht?
Stäuble: Genau. Ernsthaft: Wir wollen die Chefredaktion des Tages-Anzeigers etwas anders aufstellen. Dazu muss man im Hinterkopf haben, dass der Tagi stark in das journalistische Tamedia-Netz mit Zeitungen wie Der Bund oder Basler Zeitung eingebunden ist. Wir verantworten heute gemeinsam den Zürich-Teil des Tagis – und uns schwebt vor, den Titel aus dieser Optik heraus zu leiten.

Amstutz: Das heisst konkret: Wir werden beide Ressortleiter bleiben und die Chefredaktoren-Rolle dazu nehmen, aber auf der anderen Seite einige Aufgaben der Ressortleitung abgeben und die Leute aus den Teams stärker einbinden.

Was reizt Sie an dieser Herausforderung?
Stäuble: Unsere Zeitung hat eine Geschichte von 127 Jahren, der Tagi hat unzählige Leserinnen und Leser ein Leben lang begleitet. Nun stehen wir mitten im überlebenswichtigen Umbau von analog zu digital – das zu schaffen, ist die Herausforderung für eine ganze Generation von Reporterinnen und Reportern. Da wollen wir mittun.

«Perfekt? Dieses Adjektiv ist uns ein paar Kragenweiten zu gross»

Was macht Sie perfekt für diesen Job?
Amstutz: Perfekt? Dieses Adjektiv ist uns ein paar Kragenweiten zu gross. Wir sind zwei Journalisten, die ihren Job lieben und zusammen 30 Jahre Erfahrung aufweisen.

Stäuble: Wir haben uns explizit als Duo beworben. Wir haben beide junge Kinder, um die wir uns je einen Tag pro Woche kümmern wollen. Und: Wir ergänzen uns. In unsere Bewerbung haben wir geschrieben: «Sie Zeitgeist, er Politik. Sie Instagram, er Twitter. Sie Vespa, er Velo. Sie Schauspielhaus, er Rap. Sie Features, er Recherche. Sie Neuzugezogene, er Tamedianer.»

Und wie werden Sie sich untereinander aufteilen?
Amstutz: Vor allem inhaltlich. Mario verantwortet die Bereiche Politik, Wirtschaft und Meinungen. Bei mir ist das Thema Stadtleben und der Züritipp. Ich übernehme die Entwicklung der Marke Tages-Anzeiger und den Ausbau des Digitalen.

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«Wir gehen verantwortungsvoll mit Macht um», sagte die derzeitige Chefredaktorin Judith Wittwer im März in einem «Creative Coffee»-Videointerview. Sehen Sie das genauso?
Beide: Ja.

Wollen Sie den von Judith Wittwer eingeschlagenen Kurs weiterführen?
Stäuble: Es kann schon sein, dass wir einige Anpassungen vornehmen. Unsere grösste Baustelle ist im Moment, dass wir die Redaktion auf «Mobile First» umgestellt haben. Das heisst, jede Journalistin und jeder Journalist publiziert zuerst fürs Netz. Das ist knifflig, weil unsere Webseiten und die Apps enorme Erzählmöglichkeiten bieten – am Ende des Tages aber trotzdem eine gute Zeitung auf Papier herauskommen muss. Da gibt es für uns alle im Haus noch einiges zu lernen.

Wie frei werden Sie hier überhaupt sein? Oder anders gefragt: Wie eng ist die Zusammenarbeit mit Tamedia-Chefredaktor Arthur Rutishauser?
Amstutz: Wir werden uns täglich austauschen.

Stäuble: Arthur und ich verstehen uns gut, am Ende unserer Ernennung steckten wir gleich wieder mitten in einer Diskussion über eine laufende Recherche.

Werden Sie hin und wieder auch mal in die Tasten hauen und einen Leitkommentar verfassen?
Amstutz: Klar muss das Schreiben genügend Platz haben.

Stäuble: Als Ressortleiter habe ich mir Zeitfenster dafür reserviert, und das werde ich weiterhin tun.

Und dabei werden Sie auch Ihre politische Grundhaltung durchblicken lassen – oder bevorzugen Sie eine neutrale Haltung?
Stäuble: Selbstverständlich wird unsere Haltung spürbar sein.

Welche Werte sind Ihnen wichtig?
Amstutz: Fairness, Expertise, Wahrhaftigkeit.

Stäuble: Unabhängigkeit und eine offene Fehlerkultur. Wenn wir falsch liegen, korrigieren wir uns.

«Sich an den Print als Retter zu klammern wäre töricht»

Wie wichtig ist Ihnen, dass der Tages-Anzeiger weiterhin als Printausgabe erscheint?
Amstutz: Wir sind beide grosse Print-Fans und hoffen, dass es immer irgendeine Form der gedruckten Zeitung geben wird.

Ihre Prognose: Wann gibt es den Tagi nur noch als E-Paper?
Stäuble: Ich kaufe Vinyl, obwohl ich ein Spotify-Abo habe. Was, wenn es im Zeitungsbereich irgendwann mal ähnlich herauskommt?

Gemäss Net-Metrix Profile 2020-1 hat tagesanzeiger.ch im Vergleich zur Vorwelle rund 25 Prozent zugelegt. Ist Ihnen die digitale Weiterentwicklung wichtig?
Amstutz: Natürlich. Im Jahr 2020 hat die digitale Weiterentwicklung oberste Priorität.

Stäuble: Bei aller Liebe zur gedruckten Zeitung: Sich an den Print als Retter zu klammern, wäre töricht.

Die NZZ legte in der gleichen Periode um knapp 37 Prozent zu. Bereitet Ihnen das jetzt schon Bauchschmerzen?
Amstutz: Nein. Die NZZ macht vor allem auch in Deutschland Reichweite. Wir brillieren in der Schweiz.

Was machen Sie nun, bis Sie Ihr neues Amt antreten? Oder hat das Einarbeiten bereits begonnen?
Stäuble: Jetzt gehts darum, allerorts Hallo zu sagen und zu erklären, was wir vorhaben. Gleichzeitig läuft die Arbeit auf Ressortebene normal weiter.

Amstutz: Zum Beispiel bereiten wir gerade den Relaunch des Züritipp vor. Wir sind also schon mittendrin.



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Kommentare

  • Victor Brunner, 04.06.2020 11:48 Uhr
    Co-Führung und stärkere Einbindung des Teams heisst niemand übernimmt wirklich Verantwortung und der TA wird zur publizistischen Speilwiese von vielen. Ein wirklicher Kopf ist nicht ersichtlich. Ein solches Konzept fördert nur das Mittelmass, stärkt aber nicht den "Charakter" einer Zeitung! Beliebigkeit anstelle von Profil. Schade mit der Wahle der beiden die gute JournalstenInnen sein mögen hat das Unternehmen es verpasst die Zeitung und das Portal wieder als prägendes Medium zu positionieren. Es ist nett Leute aus dem eigenen "Gewächshaus" nach zu ziehen, hilfreich ist es nicht. Die NZZ hat Guyer, BLICK hat Dorer, TA hat zwei noname!
  • Gusti Pollak, 04.06.2020 07:50 Uhr
    So wie Herr Stäuble ein Tagi-Kind, war ich bei den Eltern ein NZZ-, selbständig ein Tagi- und dann lange ein "Bund"-Mensch, bevor die Konzentration mir die Lust nahm. Den "Bund" habe ich mir öfters wieder überlegt, nach diesem Interview kann ich es wohl getrost bleiben lassen.
  • Dieter Widmer, 04.06.2020 06:36 Uhr
    "Wir verantworten heute gemeinsam den Zürich-Teil des Tagis – und uns schwebt vor, den Titel aus dieser Optik heraus zu leiten". Ich finde es einen grossen Fehler, dass der Tagi und seine Blätter von zweu Personen geleitet werden, die ihr Medium aus der Optik von Zürich zu leiten gedenken. Die Tagi-Blätter haben längst eine nationale Ausstrahlung. Ich gratuliere den Beiden zum Mut, aber ich gestatte mir die Frage, in welcher Weise sie ihr Medium in nationaler Ausrichtung prägen können, wenn ihre Optik nicht über Zürich hinaus reicht. Offenbar hat es an andern Interessenten gefehlt. Mir kommt der leise Verdacht auf, die Tagi-Leitung suchten eine kostengünstige Lösung. Ich wünsche den Beiden alles Gute, aber wenn sie scheitern, würdes es mich nicht wundern.
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