16.03.2020

Coronavirus

«Wir können der Schweiz den Spiegel vorsetzen»

Mit Bangen schaut die Schweiz in diesen Tagen nach Italien, wo sich das Virus rasant ausbreitet. Wie gut funktionieren die Medien? Philipp Zahn, SRF-Korrespondent in Rom, spricht über seine Arbeit und fehlende Bilder aus den Spitälern.
Coronavirus: «Wir können der Schweiz den Spiegel vorsetzen»
Philipp Zahn berichtet seit 25 Jahren aus Rom, seit sieben Jahren auch für SRF. (Bild: srf.ch)

Herr Zahn, Italien ist das am stärksten betroffene Land Europas. Wie ist es, jetzt dort als Journalist zu arbeiten?
Laut einem Regierungsdekret darf die Bevölkerung nur noch aus triftigen Gründen auf die Strasse. Journalisten können sich bislang noch frei bewegen. Dafür musste ich einen Passierschein des Innenministeriums ausfüllen. Er besagt, dass ich aus berufsbedingten Gründen Zugang zum gesamten öffentlichen Raum sowie zu sonst abgesperrten Bereichen erhalten muss. Dieses Papier weise ich vor, wenn ich etwa von einer Polizeisperre kontrolliert werde. Problematisch ist eher, dass viele Kameraleute Probleme haben, unter diesen Bedingungen weiterhin zu arbeiten. Beim öffentlich-rechtlichen Sender RAI etwa sind Mitarbeiter mit dem Coronavirus infiziert. Zudem haben viele Angst für Dreharbeiten und Reportagen, in gewisse abgeschlossene Ambiente zu gehen. Viele Italiener wollen auch nicht mehr, dass wir in ihre Wohnungen kommen. Sie wollen keine fremden oder nicht bekannten Leute mehr bei sich haben. Das ist richtig und verständlich: Die Regierung hat ja angeordnet, man müsse die sozialen Kontakte stark reduzieren.

Wo arbeiten Sie?
Momentan arbeite ich an einem Beitrag, für den ich am Freitag gedreht habe. Ich schneide das Material selber, in Eigenregie in meinem Homeoffice, so wie ich es auch bereits vor der Pandemie getan habe. Via Internet versende ich das Material an die SRF-Redaktion. 

Woher beziehen Sie Ihre Informationen, wenn Sie nur noch eingeschränkt auf Reportage gehen können?
Der Informationsfluss läuft weiter, über die Nachrichtenagenturen und über die Medien. Zudem erhalte ich Informationen aus meinem persönlichen Netzwerk. Ich mache beispielsweise Videointerviews – etwa mit einem Virologen in Norditalien, wo die Pandemie jetzt besonders dramatisch verläuft. Ich habe über die Lage in den Krankenhäusern von Bergamo berichtet. Zudem ist Fernschule ein grosses Thema. Gewisse italienische Schulen sind bereits sehr weit in Sachen Unterricht übers Internet, darüber habe ich einen ausführlichen Bericht gemacht.

«Viele haben Angst, für Dreharbeiten und Reportagen in gewisse abgeschlossene Ambiente zu gehen»

Wie gut funktioniert das italienische Mediensystem in dieser Krisensituation?
Die Medien sind mittlerweile klar auf der Linie der Regierung. Sie berichten nicht nur, sondern wollen die Menschen überzeugen, die vorgeschriebenen Massnahmen einzuhalten. Ich habe beispielsweise gerade eben einen Radiobeitrag gehört, in dem die Reporterin eine Umfrage gemacht hat unter Spaziergängern auf dem Uferweg des Tibers. Sie fragte die Leute nicht nur wie lange sie unterwegs waren, sondern sie hat sie mit Nachdruck darauf hingewiesen, dass man eigentlich gar nicht so lange draussen sein darf – sondern nur kurz mit dem Hund Gassi gehen. Ich habe den Eindruck, dass die italienischen Medien quasi gleichziehen mit den Appellen und Anordnungen der Behörden.

Berichten die Medien alarmierend oder realitätsgetreu?
Die Medien machen keine alarmierende Berichterstattung, sie versuchen die Realität aufzuzeigen. Gestern hat TG1, das sind die Hauptnachrichten auf dem ersten RAI-Kanal, ein Video ausgestrahlt in voller Länge, das ein 40-jähriger Corona-Patient auf der Intensivstation aufgenommen hat. Bedeckt mit einer Gesichtsmaske schilderte er seine dramatische Situation. Die Medien wollen die Leuten nicht schockieren, sondern ihnen möglichst die Wahrheit zeigen, so dass sie diese Pandemie nicht auf die leichte Schulter nehmen.

Sie berichten für SRF. Was wollen Sie den Schweizerinnen und Schweizern vermitteln oder anders gefragt: Wie verstehen Sie Ihren Informationsauftrag?
Wir Korrespondenten hier in Italien können dem Schweizer Publikum einen Spiegel vorsetzen mit einem Land, das sozusagen zwei Wochen Vorsprung hat. Wir können die aktuelle Lage aufzeigen. Ich habe zum Beispiel einen Beitrag gemacht für die SRF-Tagesschau mit dem Titel «Nach der Panik der Alltag». Denn mittlerweile hat der neue Alltag angefangen: Die Leute gehen raus zum Einkaufen, jedoch nur mit Masken. Neu bilden sich nicht mehr vor den Theken oder den Kassen lange Schlangen, sondern draussen vor dem Supermarkt, denn die Anzahl Kunden im Geschäft wird streng überwacht. Die Leute haben realisiert, dass sie nicht hamstern müssen, sondern sie weiterhin zu Lebensmitteln kommen. Hamsterkäufe gab es vor zwei Wochen hier in Rom, am Wochenende haben wir Bilder davon aus Schweizer Lebensmittelläden gesehen.

«Die Spitäler und die Behörden wollen die Öffentlichkeit vor schockierenden Fotos schonen.»

Italien ist sozusagen zwei Wochen voraus. Welche Erkenntnisse aus Ihrer Arbeit könnten für uns Schweizer Redaktoren und Journalistinnen nützlich sein?
Problematisch ist in dieser Situation, dass die Politik in unseren westlichen Demokratien nur schrittweise vorwärts gehen kann. Meine Aufgabe ist es, die Menschen zu informieren und sie zu sensibilisieren, damit sie Bescheid darüber wissen, wie sie sich schützen können. Es geht darum, dass die Leute das eigene Verhalten anpassen und Verantwortung zeigen in der Gesellschaft. Wir müssen uns alle an die Massnahmen halten, damit wir in den Fallzahlen keinen Tsunami verursachen, der das Gesundheitssystem überfordern würde. 

Haben Sie den Eindruck, dass Sie die nötigen Informationen erhalten oder werden Ihnen gewisse Informationen vorenthalten?
An Informationen über die Anzahl Fälle komme ich gut. Es ist bereits zum Ritual geworden, dass die Behörde jeweils abends die neuste Fallzahl bekannt gibt. Man kann also genau mitverfolgen, wie sich der Trend fortsetzt, von dem alle hoffen, dass er endlich abflacht. Problematisch ist, dass es von den eigentlichen Hotspots, den Spitälern im Norden, keine Bilder gibt, denn Journalisten haben dort keinen Zugang. Ich konnte zwar teilweise mit Ärzten in Norditalien kommunizieren, doch das ist sehr schwierig. Die Spitäler und die Behörden wollen die Öffentlichkeit vor schockierenden Fotos schonen. Doch über die Sozialen Medien werden nun immer mehr Bilder gepostet von abgekämpftem Pflegepersonal, von im Gesicht gezeichneten Ärzten, von Helfern in Schutzanzügen, von der starken Erschöpfung. So können sich die Italienerinnen und Italiener durchaus ein realistisches Bild von der Situation machen. Doch uns Journalisten ist es nicht möglich, direkt mit den Ärzten zu sprechen, weil sie zu sehr involviert sind in ihre Arbeit und daher keine Zeit haben, Medienanfragen zu beantworten.

Wie lösen Sie dieses Problem?
Ich versuche zusammenzutragen, was an Infos von Behörden, den klassischen Medien – etwa im Fernsehen – und über die Sozialen Medien zusammenkommt. Aber schliesslich sind wir als Korrespondenten – und Ausländer im Land – auch nur Beobachter. Die eigentliche Berichterstattung liegt bei den italienischen Medien. Von deren Arbeit können wir uns bedienen.

«Problematisch ist, dass es von den eigentlichen Hotspots, den Spitälern im Norden, keine Bilder gibt, denn Journalisten haben dort keinen Zugang»

Und Sie persönlich? Wie schützen Sie sich vor dem Virus? Der oben erwähnte Tagesschau-Beitrag zeigt Ihr Mikrofon mit einem Plastiksack abgedeckt.
Wir haben die Mikrofone mit Plastik bedeckt, denn wir müssen selbstverständlich auch unsere Geräte schützen. Die Pop-Schütze haben wir abgenommen, da man sie nicht so einfach reinigen kann. Darüber hinaus halten wir den Sicherheitsabstand zu den Interviewpartnern ein, denn die Leute wollen auch nicht, dass man ihnen zu nahe kommt. 

Wie leben Sie selber in Rom?
Ich habe mich zurückgezogen. Meine Ex-Frau und meine Kinder wohnen in einer anderen Wohnung, zu der ich nur mit Sicherheitsabstand komme. Ich tue das, weil ich, der aus beruflichen Gründen potentiell ausgesetzt ist, das Virus nicht in die Familie tragen will. 

Und wie gehen Sie mit der eigenen Angst um?
Mir hilft die Ablenkung durch die Arbeit. Wir Journalistinnen und Journalisten sind sehr beschäftigt, denn wir gehören zu denjenigen, die generell und insbesondere jetzt, sehr viel arbeiten. Funktionieren zu müssen, produzieren zu müssen, das hilft vor der Angst.

 


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