05.06.2015

Wired Germany

"Wir lancierten nicht nur eine Zeitschrift, sondern eine neue Marke"

Seit einem halben Jahr am Markt: Mit "Wired Germany" soll ausgerechnet ein Print-Produkt die digitale Kultur an den Leser bringen: Wearables, künstliche Intelligenz, oder - wie in der aktuellen Ausgabe - Cyber-Sex und Roboter in der Arbeitswelt. Auf welche Strategie setzt das im Herbst 2014 neulancierte Magazin? Im Interview erklärt Chefredaktor Nikolaus Röttger unter anderem sein Konzept von der "Insel im Content-Strom".
Wired Germany: "Wir lancierten nicht nur eine Zeitschrift, sondern eine neue Marke"

Herr Röttger, bei welchen Ihrer Aufgaben als Chefredaktor wären Sie froh um einen Roboter?
Ich bin sehr froh, dass wir in einem kreativen Team arbeiten. Texte, Fotos, Layout – all das wird bei uns von Kolleginnen und Kollegen gemacht, ein Roboter ist nicht dabei. Und noch vermisse ich auch keinen. Obwohl: Gibt es einen Trick, die E-Mail-Flut einzudämmen? Einen Algorithmus, der dabei hilft, die vielen, vielen E-Mails zu beantworten und zu schreiben?

Schreiben müssen Sie wohl noch einige Zeit selber.
Immerhin gibt es bereits Tastatur-Erweiterungen für Smartphones, die das Tippen erleichtern, weil sie unsere persönlichen Schreibgewohnheiten lernen und auf deren Basis passgenaue Vorschläge liefern. Das hilft. Trotzdem glaube ich, dass gerade die zwischenmenschliche Kommunikation nicht so schnell durch Roboter ersetzt wird. Ehrlich gesagt bin ich auch ganz froh, dass ich mich darauf verlassen kann, dass mir keine Software antwortet, wenn ich jemanden anschreibe. Allerdings sollten wir uns immer bewusst sein: Es wird der Zeitpunkt kommen, an dem wir nicht mehr darauf vertrauen können, dass das wirklich so ist. Unsere Welt verändert sich so rasant. Es gibt Dinge, von denen wir noch nicht einmal wissen, dass wir nichts von ihnen wissen.

Arbeitet Ihre Redaktion mit der Textproduktionssoftware Quill? 
Es ist faszinierend, dass es Software gibt, die Texte schreibt. Aber unser Anspruch ist nicht die schnelle Nachricht, die ein Algorithmus verfassen kann. Wir versuchen mit unseren Geschichten einzuordnen und Kontext zu liefern. Wir stecken in unsere Recherchen viel Aufwand und in unsere Texte viel Liebe. Wenn von Software geschriebene Texte Fastfood sind, versuchen wir im Gegensatz dazu eher wie ein gutes Restaurant in unserer schnellen Nachrichtenwelt zu sein. Eine Insel in dem Content-Strom, der täglich durch das Netz schwappt, auf die man sich setzen kann – bis man wieder in den schnellen Strom hineinspringen will.

Einen Roboter als Redaktionsmitglieder oder Verwaltungsrat haben Sie wohl auch noch nicht.
Nein, nur einen Redaktionshund. Der ist echt, behauptet der Kollege jedenfalls.

"Work hard, play hard" lautete Ihr Slogan beim Magazin "Business Punk", das Sie 2009 gründeten. Gilt dieses Motto für Sie persönlich noch immer, jetzt als Chefredaktor von "Wired Germany"?
Mir macht der aktuelle Job grossen Spass. Die letzten Monate waren sehr intensiv, denn wir haben vieles neu konzipiert. Ich bin jetzt etwas mehr als ein Jahr bei Condé Nast. Seitdem ist viel passiert: Wir haben seit dem letzten Sommer ein Team aufgebaut, Büros bezogen und "Wired" als Heft und Webseite ganz neu aufgebaut und alles zum Laufen gebracht.

Das tönt jetzt eher nach "work hard" und weniger nach "play".
Das intensive Arbeiten hat sehr viel Freude gemacht. Es ist toll in einem so kreativen, innovativen Prozess mit Kollegen in Berlin und München Neues zu entwickeln. Ich erinnere mich an die Tage in der Produktion: Als ich dann das erste Heft in der Hand hielt und die Webseite online war, war das schon ein gutes Gefühl.

Condé Nast versuchte es mit "Wired" ja schon vor drei Jahren. Was läuft nun besser als bei früheren Versuchen?
Condé Nast hat sich Zeit genommen, die Marke im deutschsprachigen Markt zu testen. Als wir Wired dann im vergangenen Herbst richtig gestartet haben, wollten wir nicht nur eine neue Zeitschrift lancieren, sondern eine neue Marke. Für unsere Leser möchten wir unsere Geschichten über verschiedene Kanäle erzählen können. Zu "Wired Germany" gehören die redaktionellen Kanäle, aber auch unsere Kooperationen und  Veranstaltungen. Wir werden zum Beispiel selber eine Konferenz organisieren und sind mit dem Wired Campus im Bereich Bildung tätig. Unsere Strategie ist es, Wired auf verschiedenen Ebenen erlebbar zu machen.

Machen Sie ein Beispiel?
Im Rahmen der Berliner Fashion Week waren wir Medienpartner der Konferenz Fashiontec. Ich habe ein Panel moderiert, unsere Redaktion hat von der Konferenz vor Ort online über die Themen Mode, Design und Technologie berichtet. In der nächsten Printausgabe hatten wir dann ein grosses Fashiontech-Special zusammen mit der Band Deichkind, die für uns Fashiontech-Mode gemodelt hat. Wir haben also offline angefangen als Medienpartner der Konferenz, dann online darüber berichtet und schliesslich ein grosses Special im Heft gemacht. Ähnlich war es bei den Online-Marketing-Rockstars in Hamburg. Dort waren wir wiederum vor Ort, ich habe den Pinterest-Gründer Evan Sharp auf der Bühne interviewt, dem wir dann unsere nächste Titelgeschichte gewidmet haben. Und nach einem Bühnenauftritt von Deichkind haben wir ein von der Band signiertes Heft unserer Fashiontech-Ausgabe verlost, auf deren Cover Deichkind zu sehen war.  So greifen unsere Aktivitäten ineinander und bauen aufeinander auf.

Wann wird Ihre erste eigene Konferenz stattfinden?
Wir sind mitten in der Vorbereitung der ersten Wired-Konferenz, die Anfang 2016 stattfinden soll. Verantwortlich für die Wired-Konferenzen ist unser Brand Director Eike Lucas, der mit uns in Berlin sitzt. Bevor er zu uns kam,  hat er für das Pioneers-Festival in Wien gearbeitet. 

Geeks, Tech-Freaks und Nerds werden immer mehr Mainstream. Profitieren Sie davon?
Das ist ein Grund, warum wir Wired auch nicht als Marke für Nerds oder Geeks sehen - unsere Themen sind General Interest geworden. Ich glaube schon, dass das Innovationspotential der Digitalisierung langsam aber sicher im Bewusstsein vieler Menschen angekommen ist. Nehmen Sie Uber. Dass dieser Service ein ganzes etabliertes Gewerbe umpflügen kann und vielleicht noch mehr, ist nicht nur einer bestimmten kleinen Gruppe, sondern der breiten Öffentlichkeit bewusst.

Condé Nast plant im Herbst den Start einer globalen E-Commerce-Plattform für alle Marken. Wie tangieren diese Pläne "Wired"?
Style.com startet im Herbst in Grossbritannien und Anfang des nächsten Jahres dann in den USA. Der Fokus liegt zunächst auf unseren Mode-Magazinmarken. Inwiefern oder wann das für unsere deutsche Ausgabe von Wired relevant wird, kann ich im Moment noch nicht sagen.

"Wir wollen ein Kompass sein für die Welt, die sich so schnell wandelt", sagten Sie in einem Interview beim Launch. Wonach richtet sich dieser Kompass? Welche soziale und politische Haltung vertritt das Blatt, resp. wie kritisch stehen Sie bezüglich Netzpolitik, Datenschutz?
Wired ist grundsätzlich zukunftsoptimistisch. Allerdings glaube ich, dass die Grundhaltung in Deutschland oft eine andere ist: Im Vergleich zu den USA sind die Menschen hier schon merklich skeptischer. Das Paradoxe daran ist, dass sich viele zum Beispiel immer wieder über das Datensammeln von Google oder Facebook beklagen, aber diese Dienste gleichzeitig gerne im Alltag nutzen, weil sie praktisch sind. Klar, müssen wir die Kritikpunkte aufgreifen und aktiv diskutieren, wir wollen aber auch die Chancen aufzeigen, die neue Trends und Technologien bieten.

Was versprechen Sie sich von der Schweiz als Lesermarkt?
Das ist auf jeden Fall ein wichtiger Markt für uns. Kürzlich waren wir zum Beispiel Partner beim World Web Forum, das in Zürich stattgefunden hatte und haben von dort aus live berichtet. Zudem suchen wir auch in der Schweiz, wie in Österreich nach spannenden Geschichten von Gründern und Innovatoren.

Welches sind die wichtigsten Erfolge der ersten Monate?
Zu den Auflagenzahlen können wir momentan noch nicht viel sagen, denn „Wired“ wird von der offiziellen Lesermarktmessung noch nicht erfasst.  Mit der Entwicklung von Wired.de sind wir bislang sehr zufrieden. Wir merken, dass unsere Strategie mit dem neuen Freemium-Modell aufgeht und gut angenommen wird. Für unser Wired Membership und die Mobile-First-Konzeption unserer Website bekommen wir von unseren Lesern sehr viel positives Feedback. Ein guter Start, aber es ist wichtig, dass wir uns weiter entwickeln. Wired ist „always in beta“ – ein schöner Gedanke, wie ich finde.

Und wo sehen Sie Trends der Branche?
Wir befinden uns in einer Zeit, in der sich Unternehmen darauf einstellen müssen, dass sehr schnell Veränderungen passieren, die ihr bisheriges Geschäftsmodell in Frage stellen. Die Medienbranche ist davon schon unmittelbar betroffen. Zu den grundsätzlichen Fragen, die Medienschaffende im Moment umtreiben, zählen zum Beispiel, wie Geschichten in Zukunft erzählt werden, auf welchen Plattformen sie verbreitet und wie sie monetarisiert werden können. Auch wir stellen uns diese Fragen. Wenn wir bei Wired an online denken, geht es heute zum Beispiel nicht mehr nur um Desktop, sondern um mobile, Social, Video und andere neue Erzählformen, wie Multimedia-Storytelling. Das ist ständig in Bewegung. Bald schon wird man vielleicht nicht mehr nur über Youtube-Stars, sondern über Snapchat- oder Pinterest-Stars sprechen. Auch im Bereich Mobile-Messaging wird vieles passieren.

Mobile, Drohnen und Wearables sind grosse Trends. Wie werden diese Entwicklungen die Medien- und Marketingbranche beeinflussen?
Mobile und Smartwatches sind starke Trends, die sehr relevant für Medien- und Marketing-Entscheider sind und neue Schnittstellen in der User- und Costumer-Journey eröffnen. Neben diesen Themen sehe ich Artificial Intelligence und natürlich weiterhin Big Data als grosse Trends, die ganz neue Fragen aufwerfen. Wir müssen uns überlegen, wie diese Technologien nutzbar gemacht werden können und was sie für die Gesellschaft bedeuten.

Interview Edith Hollenstein


Im Oktober lancierte der Verlag Condé Nast "Wired Germany" – volle drei Jahre nach der ersten Pilot-Ausgabe. Die deutsche Ausgabe des renommierten US-Technikmagazins "Wired" erscheint zehnmal pro Jahr. Neben der Printausgabe umfasst "Wired Germany" eine Online-Plattform mit teilweise kostenpflichtigem Inhalt, sowie den täglichen Newsletter "Wired Daily Bits", mit Neuigkeiten aus Technologie, Digitalkultur, Wissenschaft, Business und Design.

Die Redaktion in Berlin umfasst 20 Vollzeitstellen. Chefredaktor Nikolaus Röttger, der als FTD-Redakteur vor fünf Jahren zusammen mit einigen Mitstreitern für den Verlag Gruner+Jahr das Magazin Business Punk gründete, ist seit April 2014 im Amt. Die Druckauflage beträgt 120'000 Exemplare. (eh)

 


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