18.04.2021

Sexuelle Belästigung

«Wir müssen das Zwischenmenschliche entwickeln»

Gilles Marchand bleibt Direktor der SRG. Nun muss er die Unternehmenskultur verändern. Wo hat er Fehler gemacht? Was für Lehren zieht er aus der Affäre? Wir haben nachgefragt.
Sexuelle Belästigung: «Wir müssen das Zwischenmenschliche entwickeln»
Spricht Französisch, seine Muttersprache, denn es ist ihm wichtig, dass er sich möglichst präzise ausdrücken kann: SRG-Direktor Gilles Marchand bei der Medienkonferenz vom Freitag, 16. April, in Bern (Bild: Keystone/Peter Schneider)
von Edith Hollenstein

Herr Marchand, nach den bisherigen Ermittlungen: Wo hätten Sie Ihrer Meinung nach früher als RTS-Direktor genauer hinschauen müssen?
Ich stimmte damals einer Untersuchung gegen einen Mitarbeiter zu, der des Mobbings beschuldigt wurde. Der Umfang dieser Untersuchung war letztlich vom Zeitraum her zu eng gefasst und erlaubte es uns – im Nachhinein betrachtet – zu wenig, seine Verfehlungen und Belästigung zu identifizieren und zu korrigieren. Wir müssen im Übrigen unsere Alarm- und Überwachungssysteme weiterentwickeln, um solche Situationen besser vorhersehen zu können. Im gesamten Konzern.

Was hätten Sie damals anders machen sollen?
Wir hätten die Untersuchung dieses Mitarbeiters über mehrere Jahre ausdehnen sollen, nicht nur auf drei Jahre. Und wir hätten versuchen müssen, diese Probleme der Belästigung im Allgemeinen besser zu identifizieren, besser zu antizipieren.

Nun wollen Sie SRG-weit die Unternehmenskultur ändern (persoenlich.com berichtete). Wie hat sich die menschliche, soziale Dimension in den letzten Jahren verändert?
Wir hatten uns in den letzten Jahren sehr stark auf externe Herausforderungen konzentriert, auf Programmleistungen für das Publikum, auf die Digitalisierung der Medien, auf wirtschaftliche Probleme, auf politische Debatten und Ähnliches. Wir müssen nun interne und externe Prioritäten besser ausbalancieren.

«Unsere Teams werden eng in diese Entwicklungen eingebunden»

Wann werden die Vertrauenspersonen und die Ombudsstellen eingesetzt? 
Wir werden dies bis Juni klären. Dann werden wir in den nächsten Monaten mit der Implementierung beginnen. Unsere Teams werden eng in diese Entwicklungen eingebunden. 

Wenn nun unternehmensweit eine «Nulltoleranz» gilt, wie Sie bei der Medienkonferenz sagten: Dürfen Mitarbeitende einander überhaupt noch Komplimente machen?
Ich hoffe es. Ich hoffe, dass wir zwischen sozialen und menschlichen Beziehungen und belästigendem Verhalten unterscheiden können!

Aber wo genau liegt die Grenze?
In der Einstellung, im Verhalten.

Sie sagten, diese Affäre und vor allem deren Aufarbeitung sei für die SRG auch eine Chance, daraus zu lernen. Welche drei wichtigsten Learnings ziehen Sie bis anhin daraus?
Erstens: Unterschätzen Sie niemals die Notwendigkeit interner Aufmerksamkeit, auch wenn Sie externe Kämpfe austragen. Zweitens: Überprüfen Sie regelmässig, ob die von Ihnen eingeführten Prozesse richtig funktionieren. Dies ist niemals selbstverständlich. Und drittens: Das fachliche Know-how der Teams ebenso zu entwickeln wie das zwischenmenschliche Know-how der Menschen.



Gilles Marchand hat die Fragen schriftlich beantwortet. 



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Kommentare

  • Victor Brunner, 17.04.2021 08:30 Uhr
    Gilles Marchand wusste schon vor Jahren von einem Übergriff. Getan hat er nichts. Marchand ist Teil des Problems, nicht der Lösung!
Kommentarfunktion wurde geschlossen

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