04.10.2018

Tamedia

«Wir reduzieren die Abhängigkeit vom Printprodukt»

Am 4. Oktober 1928 ist die erste Ausgabe der heutigen «Finanz und Wirtschaft» erschienen. Sowohl die Finanz- als auch die Wirtschaftswelt haben sich in diesen 90 Jahren verändert. Chefredaktor Jan Schwalbe über Geld, Google und Greise.
Tamedia: «Wir reduzieren die Abhängigkeit vom Printprodukt»
«Um etwas des Geldes wegen zu machen, bin ich glaube ich in der falschen Branche», sagt Jan Schwalbe, Chefredaktor der «Finanz und Wirtschaft». (Bild: Tamedia)
von Christian Beck

Herr Schwalbe, «Finanz und Wirtschaft» wird 90 Jahre alt. Zittrige Greisin oder rüstige Oma?
Wenn ich nur diese beiden Auswahlmöglichkeiten habe, dann ganz sicher die rüstige Oma.

Sie selber sind – mit Unterbrüchen – seit über 20 Jahren bei der FuW. Wie hat sich die Finanz- und Wirtschaftswelt seither verändert?
Sie ist komplexer geworden. Die Anforderungen an die Unternehmen in der Schweiz, um international erfolgreich zu sein, steigen Tag für Tag. Der Konkurrenzkampf wird immer härter, alles verändert sich schneller und an der Spitze zu bleiben, ist eine riesige Herausforderung. Für den Schweizer Finanzplatz gilt das noch mehr als für die Wirtschaft insgesamt.

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Und wie hat sich «Finanz und Wirtschaft» seither verändert?
Auch wenn uns viele noch immer als klassisch und etwas altmodisch wahrnehmen, sind auch wir in einem ständigen Wandel. Die Redaktion ist seit Jahren konvergent, unsere Website ist ein immer wichtigeres Standbein. Noch dieses Jahr lancieren wir eine ganz neue FuW-App, die nicht einfach die Inhalte der gedruckten Zeitung wiedergeben wird, sondern von Grund auf digital gedacht ist. Da bin ich sehr stolz drauf. Zudem organisieren wir hochkarätige Konferenzen, wofür wir vor zwei Jahren eigens einen Eventveranstalter übernommen haben.

Gibt es eine Geschichte aus den letzten 90 Jahren, die bis heute nachhallt?
Bei mir persönlich ist das eine Geschichte, die ich nicht gemacht hatte. Als ich Korrespondent in den USA war, besuchte ich eine kleine Firma namens Google. Das ist fast 20 Jahre her. Damals hatte noch nie jemand von Google gehört. 20 Angestellte, ein Bungalow und in der Pause Hockey auf dem Parkplatz. Ich spürte, dass da was ganz Besonderes am Entstehen war. Doch als ich die Geschichte der Redaktion schmackhaft machen wollte, hiess es nur: Sind die kotiert? Nein? Dann sind wir nicht interessiert. Damals war ich noch zu grün hinter den Ohren, um dagegen anzukämpfen. Das ärgert mich heute noch.

«Wir bauen uns immer mehr Standbeine auf»

Heute hat die FuW knapp 25’000 Exemplare. Anfang des Jahrtausends waren es noch doppelt so viele. Wie lange wird es den Titel noch geben?
Dank der Website, den Veranstaltungsreihen, der neuen App und einigen anderen Projekten bauen wir uns immer mehr Standbeine auf. So reduzieren wir die Abhängigkeit von unserem Printprodukt. Das ist sicher kein Selbstläufer. Doch wenn ich nicht daran glauben würde, dass die FuW noch immer eine Top-Marke ist, dann hätte ich den Job nicht übernommen.

Im Jahr 2000, als Tamedia den Verlag kaufte, hiess es, dieser sei mit einem Umsatz von 32 Millionen «schuldenfrei und hochprofitabel». Und heute?
Zahlen kann ich keine nennen. Aber hochprofitabel ist ein Wort, das man in der Medienbranche leider kaum noch hört… Der Strukturwandel geht auch an der FuW nicht spurlos vorbei.

120 Mitarbeiter waren es damals. 2005 gab Tamedia bekannt, dass die Schonfrist abgelaufen sei, Stellen wurden abgebaut. 2012 gleich nochmals. Wie viele Mitarbeiter hat FuW heute?
Die 120 Mitarbeitenden umfassten auch die Kolleginnen und Kollegen vom Verlag, die heute voll bei Tamedia integriert sind. Die Redaktion zählt rund 70 Mitarbeitende und ist damit die grösste Wirtschaftsredaktion der Schweiz.

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Die FuW ist nicht die einzige Wirtschaftspublikation in der Schweiz, es gibt beispielsweise auch noch die «Handelszeitung» oder die «Bilanz». Wie behaupten Sie sich gegen die Konkurrenz?
Wir haben ein eigenständiges Profil. Wir sind analytisch, faktenbezogen, haben aber auch eine eigene Meinung, setzen den Schwerpunkt auf Unternehmen, die an der Börse kotiert sind und versuchen – und ja, ich weiss, das ist ein hoher Anspruch – die Welt, zumindest die Wirtschaftswelt, zu erklären.

Seit Anfang Jahr sind Sie Chefredaktor (persoenlich.com berichtete). Was haben Sie schon alles verändert?
Die FuW ist serviceorientierter geworden. Wir müssen über den Tellerrand der Finanzmärkte hinausblicken. Die Rubrik «Immoservice», wo wir Eigenheimbesitzer beraten, ist ein Beispiel dafür. Zudem ist die FuW zugänglicher geworden und bietet vermehrt auch Lesespass. Rubriken wie «Was macht eigentlich» und «Kaffee mit…» sind informativ, überraschen die Leser und sind ein guter Ausgleich zu Aktienempfehlungen und hart recherchierten Stories.

«Wir wollen unsere analytische Stärke noch mehr ausspielen»

Und Sie haben sicher schon Pläne auf dem Schreibtisch, was Sie noch ändern wollen…
Ja, auf dem Schreibtisch und nicht nur in der Schublade. Details kann ich noch nicht verraten, doch wir wollen unsere analytische Stärke, die in der Schweiz niemand in dem Ausmass bietet, noch mehr ausspielen. Das werden nicht nur kosmetische Änderungen in unserer Zeitung und auf der Website sein, sondern neue Produkte.

Wie feiern Sie den 90. Geburtstag von «Finanz und Wirtschaft»?
Wir legen der Zeitung am Samstag einen Sonderbund bei, den wir den 90 Jahren «Finanz und Wirtschaft» widmen. Das wird einerseits eine nostalgische Reise, aber auch ein Blick in die Zukunft. Zudem wird unsere Konferenz Opportunities 2019, die Anfang November stattfindet, unsere Jubiläumsveranstaltung.

Während vier Jahren waren Sie ausserhalb von FuW unterwegs, zuletzt waren Sie bei CNN Money Switzerland. Was hat Sie zurückgelockt?
Ja, ich war bei Bloomberg und CNN, zwei amerikanisch geprägten Medienhäuser. Die Finanz und Wirtschaft hat mir viel gegeben. Ich war Korrespondent in New York und London und habe dann in Zürich das Ressort Unternehmen geführt. Es hat mir sehr gut getan, zwischenzeitlich in andere Organisationen zu blicken und davon zu lernen. Das kann ich jetzt auch gut in meinem neuen Job gebrauchen. Doch ich habe auch gelernt, dass die «Finanz und Wirtschaft» ein ganz besonderes Medium ist, das mir sehr wichtig ist. Es war, so abgedroschen es klingen mag, eine Herzensangelegenheit.

Und nicht des Geldes wegen?
Um etwas des Geldes wegen zu machen, bin ich, glaube ich, in der falschen Branche.

Sie sind ja Experte: Wie wird man vermögend?
Ganz einfach: Indem man deutlich weniger Geld ausgibt, als man einnimmt.



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Kommentare

  • Lukas Rüegg, 05.10.2018 17:23 Uhr
    Jan Schwalbe hat Google entdeckt? Und Jan Schwalbe hat die höchst innovativen und überraschenden Gefässe «Was macht eigentlich»? und «Kaffee mit...» für noch mehr Lesespass bei der FuW eingeführt? Na dann kommt ja alles gut!

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