25.06.2024

Keystone-SDA

«Wir sehen Potenzial ausserhalb des Medienbereichs»

Seit zehn Monaten steht er an der Spitze der Schweizer Nachrichtenagentur. CEO Hanspeter Kellermüller spricht im Interview über die Beziehung zu den Verlagshäusern, den kommerziellen Teil von Keystone-SDA und die Herausforderungen durch künstliche Intelligenz.
Keystone-SDA: «Wir sehen Potenzial ausserhalb des Medienbereichs»
«Die Erträge gehen seit Jahren zurück. Darauf müssen wir eine Antwort finden», sagt Keystone-SDA-CEO Hanspeter Kellermüller. (Bild: Keystone-SDA/Gaëtan Bally)

Herr Kellermüller, Sie sind seit dem 1. September 2023 CEO von Keystone-SDA. Was hat Sie an Ihrem Job am meisten überrascht?
Ich würde nicht von einer Überraschung sprechen. Was mich aber vom ersten Tag an beeindruckt hat, waren die starke Identifikation der Mitarbeitenden mit Keystone-SDA, das grosse persönliche Engagement und der Anspruch, in einem hektischen Tagesgeschäft ausgezeichnete journalistische Arbeit zu leisten. Es herrscht im Agenturjournalismus ein angenehm unprätentiöser Professionalismus. Der Eitelkeitsfaktor liegt wohl deutlich unter dem Branchenschnitt (schmunzelt).

Keystone-SDA war in den vergangenen Jahren immer wieder im Zentrum medienpolitischer Diskussionen. In welchem Zustand befindet sich das Unternehmen heute?
Wir haben eine solide Bilanz, die Qualität unseres Angebots ist anerkannt. Wir verfügen über ausgezeichnete journalistische Kompetenzen und eine starke Verankerung im Markt. Aber wir haben Herausforderungen bei der Umsatzentwicklung. Die Erträge gehen seit Jahren zurück. Darauf müssen wir eine Antwort finden.

Wie nehmen Sie aus Ihrer Warte den Strukturwandel wahr? Durch Abo-Kündigungen?
Ja, auch. Mit den meisten Kunden verbindet uns aber eine langjährige Zusammenarbeit, die kaum in Frage gestellt wird. Unter Umständen beziehen einige Unternehmen weniger Leistungen. Und natürlich steigt der Preisdruck. Dabei bin ich überzeugt, dass wir als Agentur unsere Kunden in dieser anspruchsvollen wirtschaftlichen Situation mit unseren Diensten entlasten und unterstützen können, damit sie sich auf ihre Eigenleistung konzentrieren können. In unserem Kerngeschäft, den Abo-Dienstleistungen für Medien, sind wir einigermassen stabil. Stärker ist der Rückgang beim Einzelverkauf von Bildern. Diese Entwicklung zeigt sich aber nicht nur bei uns, sondern auch im internationalen Vergleich.

Immer wieder gab es von einzelnen Verlagshäusern Versuche, auf Keystone-SDA zu verzichten. Setzt sich dieser Trend fort?
Grundsätzlich erhalten wir ein sehr positives Feedback mit Blick auf unsere Angebote. Die Tatsache, dass wir als Agentur eine Basis­abdeckung liefern, ermöglicht es unseren Kunden, eigene Akzente zu setzen. Natürlich gibt es unterschiedliche Bedürfnisse, und der Spardruck ist gross in der Branche. Das führt auch dazu, dass in einzelnen Fällen weniger Leistungen bezogen werden. Andere Kunden kommen zurück oder bauen aus. Ich bin überzeugt, dass es auch langfristig ein sinnvolles Mit- und Nebeneinander von Agentur­inhalten und eigenen Stoffen der einzelnen Medienmarken gibt.

Welches sind die grössten Herausforderungen, die Sie zu bewältigen haben?
Das Ziel ist klar: Wir müssen uns auf der Umsatzseite verbessern. Ich bin überzeugt, dass uns dies gelingen wird. Auf dem Weg dahin gibt es aber einige operative Herausforderungen. Wir müssen zum Beispiel präsenter sein im Markt. Allgemeiner betrachtet, steht die kommerzielle Verwertbarkeit von Nachrichteninformationen durch die rasche Verbreitung und die oft kostenlose Verfügbarkeit über digitale Kanäle unter Druck. Wir sind aber überzeugt, dass es eine Grundversorgung mit faktenbasierten, verifizierten und möglichst neutralen Nachrichten braucht, aus gesellschaftlicher Sicht und vor dem Hintergrund zunehmender Desinformation sowieso. Aber auch als zentraler Rohstoff für Medien, die darauf aufbauend ihre eigenen Inhalte produzieren.

«Ich bin überzeugt, dass es auch langfristig ein sinnvolles Mit- und Nebeneinander von Agentur­inhalten und eigenen Stoffen der einzelnen Medienmarken gibt»

Welchen Stellenwert nimmt der kommerzielle Teil der Nachrichtenagentur ein? Soeben wurde bekannt, dass der Zürcher Kantonsrat seine Berichterstattung selbst in die Hand nehmen will. Ist das ein Problem für Sie?
Unser Kerngeschäft ist die journalistische Grundabdeckung der Schweiz mit verifizierten, unabhängigen Informationen in drei Sprachen. Daran ändert sich nichts. Aber wir sehen in der Tat Potenzial auch bei Kunden ausserhalb des Medienbereichs und werden das in nächster Zeit forcieren. Damit können wir unser Kerngeschäft stärken. Schon heute bieten wir etwa Auftragsarbeiten im Bereich Fotografie an. Solche Angebote für Unternehmen, Behörden und Organisationen lassen sich ausbauen. Kurz zum Kantonsrat: Die Parlamentsdienste haben als Kunde ein bestimmtes Angebot von uns bezogen und verzichten künftig darauf. Das ist schade, finanziell aber eine kleine Sache. Was zum Teil missverstanden wurde: Dadurch ändert sich überhaupt nichts an unserer Berichterstattung.

Welche Herausforderungen stellen sich für Sie durch künstliche Intelligenz?
Wir sehen eigentlich primär Chancen und wollen diese nutzen. Keystone-SDA hat schon seit längerer Zeit mit automatisierter Inhaltserstellung gearbeitet, etwa mit dem Schreibroboter Lena. Natürlich sind wir uns der Herausforderungen bewusst, gerade auch im Journalismus. Wir haben uns deshalb auch früh interne Leitplanken gesetzt, die wir laufend überprüfen. Transparenz und menschliche Kontrolle sind dabei wesentliche Faktoren. Wir sind überzeugt, dass in einer Welt, in der immer mehr Inhalte künstlich erzeugt werden, verifizierte Informationen, wie sie Keystone-SDA bereitstellt, an Wert gewinnen werden. Es gibt allerdings die Gefahr, dass Angebote durch KI-Produkte substituiert werden könnten. Das ist zum Beispiel bei Stockbildern eine Möglichkeit. Gleichzeitig stellen wir fest, dass reale Themenbilder immer noch eine andere Wirkung erzielen und deshalb gefragt sind. Im Newsbereich geht es darum, Realität abzubilden, faktenbasierte Nachrichteninhalte zu produzieren. Dort sind KI-Inhalte an sich keine Alternative. Die Herausforderung liegt hier eher in der Erkennbarkeit.

Planen Sie in unmittelbarer Zukunft eine Umstrukturierung oder gar eine Sparrunde mit Personalabbau?
Ich habe auch intern sehr offen gesagt, dass uns der Spardruck weiter begleiten wird. Wir müssen auch in Zukunft beides gleichzeitig tun: in die Weiterentwicklung investieren und gezielt sparen. Im Moment steht im Zentrum, dass wir unser Angebot noch konsequenter am Markt orientieren und neue Ertragsquellen suchen. Wir müssen und wollen dafür investieren. Aber wir werden auch um Sparbemühungen nicht herumkommen. So ehrlich muss man sein.



Das vollständige Interview lesen Sie in der aktuellen Ausgabe von persönlich. Informationen zum Abo finden Sie hier.


Kommentar wird gesendet...

KOMMENTARE

Roger Doelly
26.06.2024 16:29 Uhr
«Keystone-SDA»: Der erste Teil der missglückten Bezeichnung ist absolut nichtssagend. Dann, wie praktisch, braucht dieses knackige «Agenturkürzel» auch noch einen Bindestrich. Bereits bei der Namensgebung im Zuge der Fusion wurde kleingeistig am Markt vorbei entwickelt. Aber macht ja nichts, der ehemalige SDA-Chefredaktor amtet heute als Bakom-Boss und schaufelt immer noch mehr Geld in die Kasse dieser halbstaatlichen Nachrichtenagentur.
Kommentarfunktion wurde geschlossen
Neue Podcast-Folge: Jetzt reinhören