04.04.2013

Offshore-Leaks

"Wir stellten zwei Journalisten für drei Monate komplett frei"

86 Journalisten in 36 Ländern: Noch nie haben so viele Journalisten gleichzeitig an einem Thema recherchiert. Für die Schweiz beteiligte sich das "SonntagsZeitung/Le-Matin-Dimanche"-Desk in Bern an der spektakulären Enthüllung von mutmasslichen Steuersündern. Wie ging das Team vor in seiner Zusammenarbeit mit Washington und wie stark wird Offshore-Leaks die Schweiz betreffen? Recherchedesk-Chef Oliver Zihlmann erwartet eine Vielzahl Steuervermeider, die nun bekannt werden. Wie er im Interview mit persoenlich.com sagt, spürte er trotz internationaler Einbindung und enormem Rechercheaufwand keinen Publikationsdruck.
Offshore-Leaks: "Wir stellten zwei Journalisten für drei Monate komplett frei"

Herr Zihlmann, auf der ganzen Welt veröffentlichten unterschiedliche Zeitungen am Donnerstag Recherchen zu "Offshore-Leaks". Sie waren Leiter des Schweizer Rechercheteams. Wie genau gingen Sie bei der Arbeit vor?
Wir erhielten wie alle anderen der rund 80 beteiligten Journalisten Zugriff auf die gesamte Dokumentendatenbank, welche das International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) in Washington aus der ihnen zugespielten Harddisk zusammengestellt hatte. Daraus liessen sich erste Anhaltspunkte für die Recherche gewinnen. Die eigentliche Arbeit begann mit der Entschlüsselung der Verbindungen unter den einzelnen Personen. Das ist keine Schreibtischrecherche. Meine Kollegen Titus Plattner und Catherine Boss haben dafür eng mit anderen Medien zusammen gearbeitet, im Fall Sachs zum Beispiel mit der "Süddeutschen Zeitung".

Sie erhielten vom ICIJ Zugang zu 260 Gigabytes Daten. Welche Art Informationen fanden Sie vor?
Es handelt sich um Unterlagen über Gesellschaften und Trusts, dazu Dokumente wie Passkopien oder E-Mail-Wechsel, die diese Geschäfte begleitet haben. Betroffen vom Datenleck sind eine Firma aus Singapur und eine von den britischen Jungferninseln in der Karibik.

Inwiefern war für Sie - als nur jeweils sonntags erscheinende Zeitung - der international abgestimmte Veröffentlichungszeitpunkt vom Donnerstagmorgen nachteilig?
Im Vordergrund steht für mich das Funktionieren eines weltumspannenden Netzwerkes von Journalisten, das es so noch nicht gegeben hat. Alle beteiligten haben sich zu Gunsten der Geschichte an den international verabredeten Zeitpunkt gehalten, das gilt selbstverständlich auch für uns. Dass wir als Wochenzeitung vom Publikationszeitpunkt her etwas zurückstecken mussten, nehmen wir selbstverständlich hin. Viel wichtiger ist, dass die Schweiz mit dabei war und ihren Beitrag an die Recherche leisten konnte.

Warum genau wurde gerade das Recherchedesk "SonntagsZeitung/Le Matin Dimanche" als einziges Team aus der Schweiz vom ICIJ in die weltweite Recherche miteinbezogen?
Neben dem Recherchedesk hatte auch das Wirtschaftsressort von "Le Matin Dimanche" Zugriff. Die Kollegen aus der Romandie waren entscheidend bei der Recherche, Kollege François Pilet, Wirtschaftschef vom "Matin Dimanche" konnte die Verbindung zum ICIJ durch persönliche Kontakte herstellen. Warum wir das folgende Assessment als Recherchedesk schliesslich bestanden haben, müssten sie die Kollegen vom ICIJ fragen. Sicherlich wichtig war, dass wir bei unserem Team in Bern in der Lage waren, zwei mehrsprachige Journalisten, die sich in Genf und Zürich auskennen, für drei Monate komplett frei zu stellen, und dass wir mit verschiedenen Publikationen des Recherchedesk auch international eine gewisse Aufmerksamkeitsschwelle überschreiten konnten. Aber grundsätzlich wären auch andere Medien in Frage gekommen. Im Falle von Wikileaks war die "SonntagsZeitung" zum Beispiel nicht dabei.

Wie konnten Sie die Seriosität der Daten abschätzen?
Durch einen minutiösen Faktencheck.

Doch woher wissen Sie, dass es sich tatsächlich um Daten über Steuersünder handelt?
Das kann man erstmal nicht wissen! Offshore-Gesellschaften zu gründen ist grundsätzlich legal. Die Daten enthüllen teils Firmenkonstruktionen, bei denen sehr vieles dafür spricht, dass sie nicht deklariert sind oder nur der Steuervermeidung dienen. Andere aber wurden vermutlich ganz legal zu Erbzwecken errichtet, oder um Vermögenswerte vor Verwandten zu verstecken, was ja ebenfalls nicht zwingend illegal ist. Man muss in jedem Einzelfall recherchieren, warum hier jemand Vermögen auf einer Pazifikinsel transferiert. Im Falle von Gunter Sachs kamen wir zum Schluss, dass ein überwiegendes öffentliches Interesse, gerade der Berner Steuerzahler besteht, diese komplizierten Konstruktionen zu benennen, zumal es um sehr hohe Vermögen geht, die im Kanton Bern zu versteuern sind. Entsprechend klärt die Berner Steuerbehörde nun ab, ob sie korrekt deklariert wurde, wie es der Anwalt von Herrn Sachs uns versicherte.

Waren Sie nach so langer Recherche und durch den internationalen Miteinbezug nicht in einer gewissen Abhängigkeit, Informationen zu publizieren, unabhängig davon, wie relevant diese sind?
Die Frage der Relevanz wird ja bereits von der Einmaligkeit der Datensammlung beantwortet. Selbst wenn jede der 122000 Gesellschafen und Trusts in der Sammlung einem Gerichtsverfahren wegen Steuerhinterziehung im Heimatland der Begünstigten standhalten würde, was meiner Meinung nach sehr schwierig wäre, hätten sie damit immer noch einen einmaligen Einblick in das weltweite Geschäft mit Steueroasen. Das Tax Justice Network geht in einer Studie davon aus, dass 21 bis 32 Billionen Dollar in Steueroasen liegen. Dadurch sollen den Staaten Einkommensteuern von bis  zu 280 Milliarden Dollar entgangen sein. Das ist ein berichtenswertes und relevantes Thema von hohem öffentlichen Interesse. Hier spüre ich keinen Publikationsdruck, sondern nehme das als interessantes Thema gerne auf.

Hätten Sie am Donnerstag auch keine Informationen publizieren können?
Theoretisch, aber das wäre das falsche Signal auch an die Schweizer Medien. In Österreich reagierten viele Journalisten heute empört, weil in ihrem Land niemand Zugriff hatte. Es geht auch darum zu zeigen, dass die Schweiz international ein journalistisches Gewicht entwickeln kann. Wir haben erfahren, dass wir mit unseren beiden wichtigen Finanzzentren Genf und Zürich einen wichtigen Betrag für solche Recherchen leisten können, wenn beide Sprachregionen gemeinsam auftreten, wie wir das als Sonntagszeitung und Le Matin Dimanche gemacht haben.

Daten von 130’000 Personen, die ihr Geld versteckten, wurden publik. Darunter auch jene von 300 Schweizern. Was denken Sie: Welche Konsequenzen werden diese Enthüllungen haben?
Wenn man die nun vorliegenden Daten mit denjenigen auf bisher aufgetauchten Steuer-CDs vergleicht, sind nun natürlich weit mehr Informationen vorhanden, als in früheren Fällen. Daher werden wohl auch weit mehr Steuervermeider bekannt werden.

Welche Auswirkungen erwarten Sie für die Schweiz?
Unsere Analyse dazu werden Sie in der nächsten Ausgabe der "SonntagsZeitung" und von "Le Matin Dimanche" lesen.

Auf tagesanzeiger.ch konnte man bereits am Donnerstagmittag Namen lesen und sich durch eine entsprechende Bildstrecke klicken. Inwiefern sehen Sie Probleme im Zusammenhang mit der Veröffentlichung dieser Personen?
Als Recherchedesk verantworten wir die Beiträge, die wir nach sorgfältiger Prüfung heute online veröffentlichten und die auch bei Tagesanzeiger.ch mit unserem Einverständnis erschienen sind. Die Publikationen über andere Personen als diejenige, die wir nennen, also konkret die Familie Sachs, geht aber in die Verantwortung der jeweiligen Medien in den anderen Ländern. Wir wussten zwar Teils über die Recherchen dort Bescheid, können diese aber nicht unabhängig verifizieren. Wir konnten aber in den letzten Monaten mit viele Kollegen weltweit zusammenarbeiten und waren von deren Professionalität stets beeindruckt.

Die Schweizerische Depeschenagentur ging vorsichtig vor in der Veröffentlichung der Namen. Inwiefern verstehen Sie diese Zurückhaltung (persoenlich.com berichtete)?
Das verstehe ich vollkommen, auch wir haben uns das nicht leicht gemacht und lange abgewägt, dann aber aufgrund der Recherchen und der Dokumentenlage entschieden, dass hier ein öffentliches Interesse besteht.

Sie selber haben bisher einzig den 2011 in Gstaad BE verstorbenen Gunter Sachs im Zusammenhang mit komplizierten Steuer-Konstrukt offengelegt. Warum haben Sie gerade bei einer bereits verstorbenen Person derart grossen Rechercheaufwand betrieben?
Die Nennung des Falles Sachs hat nichts damit zu tun, dass der betreffende verstorben ist. Allenfalls eine Rolle spielt, dass es damit auch um einen Erbfall geht. Er ist im übrigen nicht die einzige Person, über die wir recherchierten. Unser regulärer Publikationstermin steht ja noch aus.

Hätten Sie als erstes nicht besser die Verfehlungen einer noch lebenden Person veröffentlicht?
Es geht hier auch um die direkten Erben von Gunther Sachs. Wir berichten heute online über den Fall Sachs, weil es sich hier um eine direkte Zusammenarbeit mit der "Süddeutschen Zeitung" handelt, die ja heute ihre Ergebnisse vorgelegt hat. Wir konnten deshalb nicht mehr zuwarten.

Interview: Edith Hollenstein



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