«Wir trauen es dem TV-Publikum zu, dass es sich auch online informiert»

Notre-Dame in Flammen - Über den Brand der Notre-Dame-Kathedrale in Paris hat das Schweizer Fernsehen primär online berichtet. Auf eine Sondersendung im Hauptprogramm wurde verzichtet. Gregor Meier, Nachrichtenchef der TV-Chefredaktion, nimmt Stellung zu diesem Entscheid.

von Christian Beck

Herr Meier, sind die Gesundheitssendung «Puls» auf SRF 1 oder «Grey's Anatomy» auf SRF zwei wichtiger als die Notre-Dame, die in Flammen steht?
Nein. SRF will aber seinem Publikum und seinen Usern das bestmögliche Angebot auf den entsprechenden Kanälen machen. Wir haben deshalb Online am Montag bereits kurz nach 20 Uhr einen Livestream und einen Liveticker eingerichtet und so bis in die Morgenstunden lückenlos über die Brandkatastrophe informiert. Im Bereich Fernsehen hatten wir in der «Tagesschau»-Hauptausgabe erste Bilder des Brandes gezeigt und auf unser Online- und App-Angebot hingewiesen. In «10vor10» haben wir den Brand dann zum Schwerpunktthema gemacht und schliesslich statt des geplanten, unmoderierten «Newsflashes» kurz vor Mitternacht noch einmal eine «Tagesschau Spezial» produziert – moderiert von «10vor10»-Moderatorin Andrea Vetsch mit den neusten Entwicklungen und einer weiteren Live-Schaltung nach Paris.

RTS, ORF, CNN, BBC und NTV berichteten mit Sondersendungen. Ein Unterbruch des aktuellen Programms war für SRF keine Option?
Eine kurze «Tagesschau»-Sendung zwischen den Sendungen «1 gegen 100» und «Puls» wäre möglich gewesen – allerdings zum Preis eines verspäteten Sendestarts von «10vor10».

Aber wäre nicht zumindest auch im TV ein Ticker angebracht gewesen?
Wir haben wie gesagt schon in der «Tagesschau»-Hauptausgabe auf unser Online-Angebot hingewiesen, wo wir kurz nach 20 Uhr lückenlos informierten.

«Zentral für uns ist, dass wir unser Publikum optimal bedienen können»

«Weshalb machte SRF keine Sondersendung zum Brand von Notre-Dame?», lautet auch die «Publikumsfrage des Tages». Ein Grossteil Ihrer Zuschauer ist nicht aus der Generation Internet und informiert sich über das Fernsehen…
Zentral für uns ist, dass wir unser Publikum optimal auf unseren verschiedenen Kanälen bedienen können, und das haben wir mit dieser Lösung – Strukturprogramm im TV, Livestream und Liveticker Online – getan. Und wir trauen es unserem nachrichteninteressierten TV-Publikum durchaus zu, dass es sich bei Bedarf auch online und mobile informiert.

«Es gibt nur wenige Ereignisse, die kollektive Betroffenheit auslösen: Der Tod von Lady Di war eines, aber auch der 11. September, der Ausbruch des Irakkrieges, die Attentate von Paris – und jetzt eben der Brand der Notre-Dame», schreibt «persönlich»-Verleger Matthias Ackeret. Sie sehen das anders…
Nein, das sehe ich nicht anders. Aber wie ich schon ausgeführt habe, hat SRF als Ganzes umfassend und aktuell berichtet.

«Es gibt keine Kriterien aus einem Handbuch»

Was braucht es konkret, bis SRF nicht nur im Rahmen der üblichen Newsgefässe berichtet?
Es gibt keine Kriterien aus einem Handbuch. Jeden Breaking-News-Fall beurteilen wir individuell. Die Hürde ist aber hoch, in der Primetime das Programm zu unterbrechen oder zu ändern. SRF steht für ein Vollprogramm mit den vier Pfeilern Information, Sport, Kultur und Unterhaltung. Jeder Programmpunkt und jede Sendung hat sein Stammpublikum, das enttäuscht ist, wenn «seine» Sendung unterbrochen oder abgesagt wird. Zudem ist der Informationsbereich bei SRF schon sehr stark und wird mit dem neuen Vorabend noch einmal gestärkt. Aber natürlich gibt es Fälle, bei denen wir reagieren: Etwa bei einem Grossereignis in der Schweiz oder wenn ein internationales Ereignis grosse Unsicherheit auslöst und viele Fragen zu beantworten sind. Der Brand der Notre-Dame war zweifellos ein aussergewöhnlicher Vorfall, aber wir haben den publizistischen Entscheid getroffen, darüber Online live zu berichten und das reguläre TV-Primetime-Programm nicht zu ändern.

«Sie widersprechen sich»

Mit Blick TV kommt eine neue Konkurrenz, die genau bei solchen Ereignissen «schnell und kompetent» sein will. Ihre Zuschauer werden abschalten und zu blick.ch surfen …
Sie widersprechen sich. Wenn sich unser Publikum tatsächlich nur am TV und nicht online informiert, wie Sie sagen, dann wird es nicht zu blick.ch wechseln. Und wenn es sich online informiert, dann bekommt es bei uns auf srf.ch ausführliche Information.

Ab November wird SRF im Newsroom die Kräfte bündeln und nicht mehr zwischen Kanälen und Plattformen unterscheiden. Wird künftig über ein solches Ereignis schneller berichtet – auch im TV?
Auch hier muss ich Sie korrigieren. Wir arbeiten bereits seit November 2018 in den Newsroom-Strukturen, nur noch nicht im neuen Gebäude. Aber tatsächlich bietet uns die neue Infrastruktur dann auch in solchen Situationen ein paar Möglichkeiten mehr. Zum Beispiel können wir dann direkt aus der Redaktion senden.