11.12.2018

SRF-Newsroom

Von Wollmilchsäuen und multimedialen Hamstern

ARD, ORF und SRF haben eines gemeinsam: Sie alle bauen derzeit Newsrooms. Die Verantwortlichen der drei Medienhäuser diskutierten am Dienstagabend in Zürich an einem öffentlichen Podium über Vorteile und Vorurteile des Newsroom-Konzepts.
SRF-Newsroom: Von Wollmilchsäuen und multimedialen Hamstern
So soll der SRF-Newsroom aussehen – im November 2019 wird er in Betrieb genommen. (Bild: SRF)
von Christian Beck

In einigen Tagen findet die Bauabnahme des neuen Newsroom-Gebäudes in Zürich-Leutschenbach statt. Dann wird das 70-Millionen-Franken-Haus dem Bauherren, nämlich SRF, übergeben. Mitte November 2019 soll dann der operative Betrieb aufgenommen werden – und die «Tagesschau», «10vor10» und «Schweiz aktuell» werden zentral vom Newsroom aus produziert.

SRF steht mit dem Bau eines Newsrooms nicht alleine da. Auch im ARD-Nachrichtenhaus wird derzeit gebaut – ebenfalls in einem Jahr soll der 15 Millionen Euro teure Newsroom fertig sein. ORF startet im kommenden Jahr mit dem Bau auf der grünen Wiese. 100 Millionen Euro investiert unser östlicher Nachbar in das Gebäude, 2022 ist der Start des Newsrooms vorgesehen. Vor diesem Hintergrund fand am Dienstagabend im Studio 2 des Schweizer Fernsehens eine öffentliche Podiumsdiskussion zum Thema «Newsroom» statt. Rund 120 Interessierte waren der Einladung gefolgt.

Wenn der eigene Erfolg im Weg steht

«Das Hauptproblem ist, dass wir Journalisten verstehen müssen, dass sich unser Berufsbild verändert und wir damit arbeiten müssen», sagte Alexandra Stark, Newsroom-Expertin und MAZ-Studienleiterin, zu Beginn des Podiums. Auf die Frage der Moderatorin Christine Maier, weshalb ARD erst jetzt einen Newsroom baue, meinte Projektleiter Patrick Uhe: «Das grosse Problem, das wir haben, ist unser Erfolg. Die Zuschauer und Mitarbeiter wollen gar keine Veränderung.» Das sei auch das ORF-Problem. «Weshalb sollte man sich verändern, wenn man ohnehin schon der Marktführer ist?», so Stefan Ströbitzer, Fachberater multimedialer Newsroom ORF. Dabei sei unbestritten, dass auch öffentlich-rechtliche Sender nicht so weitermachen könnten, wie bisher, sagte Uhe: «Irgendwann ist unser Publikum tot.»

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Die Newsroom-Konzepte von SRF, ARD und ORF sind sehr ähnlich. Auch die Ängste der Mitarbeitenden sind praktisch deckungsgleich, wie während des Podiums herauszuhören war. «Werden wir alle multimediale Hamster, die im Laufrad nonstop für Online, TV und Radio produzieren?», fasste Ströbitzer die Befürchtungen in Österreich zusammen. Und Uhe ergänzte: «Journalisten haben Angst, zur eierlegenden Wollmilchsau zu werden.» Dabei sei ein Newsroom ein Stück weit die Demokratisierung von Wissen. Und: «Jeder ist gleich wichtig für den Erfolg der Marke, egal ob als Sekretärin, Journalist oder Cutter.»

Verschiedene Sendungsformate hätten unterschiedliche Temperaturen, stellte die ehemalige SRF-Moderatorin Maier fest. Wie dies künftig noch sichergestellt werden könne, wollte sie von Urs Leuthard, Projektleiter Newsroom SRF, wissen. «Schon heute arbeiten alle Korrespondenten für verschiedene Formate – und sie können auch die Temperatur der einzelnen Sendung spüren.» Es brauche aber weiterhin die «Hüter der Sendungs-DNA» – das seien die Produzenten. Wie das funktionieren könnte, testet SRF seit rund vier Wochen mit dem Newsroom 1.0. «Hier versuchen wir Newsroom zu machen in Räumlichkeiten, die nicht für einen Newsroom gemacht sind», so Leuthard.

Stark kritisierte, dass sich mit den Newsroom-Konzepten nach wie vor alles noch um einzelne zu befüllende Sendungsformate drehe. Dabei sollte man sich die Frage stellen: «Welches Informationsbedürfnis haben die Zuschauer um welche Uhrzeit?» Das Sendungsformat sei relativ irrelevant, viel wichtiger seien die Themen. Und auch Ströbitzer stellte den Zuschauer ins Zentrum: «In Wahrheit machen wir ja deshalb Newsroom-Modelle, weil wir unser Publikum erreichen wollen über alle möglichen Wege.»

500 Arbeitsplätze, transparente Bauweise

Noch vor dem Podium hatten die Besucher die Gelegenheit, die Baustelle zu besichtigen. «Sie haben gesehen, dass wir keinen Büropalast gebaut haben, sondern einen Industriebau», sagte SRF-Direktor Ruedi Matter im Anschluss an diese Besichtigung. Nebst den Kosten sei vor allem die Flexibilität des Gebäudes wichtig gewesen. «Eines ist gewiss: Die Technologien und die Nutzerbedürfnisse werden sich weiter verändern.»

Im Newsroom-Gebäude wird es Platz haben für 500 Arbeitsplätze – 150 davon werden von Journalisten besetzt. Im Erdgeschoss befinden sich die «Studiowelten». In einem grossen Raum mit verschiedenen Dekors können mehrere Sendungen – teils zeitgleich – produziert werden. Während den Sendungen können die Zuschauer im angrenzenden Restaurant durch die Glasscheiben das Geschehen mitverfolgen. Im ersten Stock befindet sich die gesamte Technik, im zweiten Stock dann das Herzstück: der Newsroom. Hier arbeiten nur Personen, die an der Tagesaktualität mitwirken. Alle anderen – Vorproduktion, Fachredaktionen, Planung und Schnittplätze – sind im dritten Stock untergebracht. Im obersten Stock ist der Sport.

Trotz der offenen Bauweise und den vielen Mitarbeitenden soll es im Neubau sehr ruhig sein. Dafür sorgen nicht nur spezielle schallschluckende Materialen, sondern auch ein modernes Schallabsorptions-System mittels Lautsprechern. Was modern und teuer klingt, dürfte sich aber schnell wieder auszahlen. Ist das Newsroom-Gebäude erst mal bereit, werden viele andere Räumlichkeiten frei – auch solche in zugemieteten Immobilien. «Die benötigte Fläche wird sich um einen Drittel reduzieren», so Projektleiter Leuthard. So könnten dann mehrere Millionen Franken an jährlichen Mietkosten eingespart werden.



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Kommentare

  • Andreas Häuptli, 12.12.2018 08:04 Uhr
    «Weshalb sollte man sich verändern, wenn man ohnehin schon der Marktführer ist?» Das ist ein ziemlich seltsames, aber wohl weit verbreitetes Selbstverständnis bei den Service-Public-Anbietern. Ziel: Alle erreichen, auf allen Kanälen, Nummer 1 sein. Rücksichtnahme auf die Privaten: Keine. Dabei wäre die Grundidee eines Service-Public-Angebotes eine Grundversorgung anzubieten, die der Markt nicht bieten kann: komplementär statt konkurrenzierend.

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