06.08.2020

Explosion in Beirut

«Wir versuchen einfach zu funktionieren»

SRF-Nahost-Korrespondent Pascal Weber lebt mit seiner Familie in Beirut, dort wo sich am Dienstag eine gewaltige Detonation ereignet hat. Die Druckwelle forderte Tote und Verletzte und richtete riesige Schäden an. Der 46-jährige Journalist schildert seine Eindrücke.
Explosion in Beirut: «Wir versuchen einfach zu funktionieren»
Die Detonation sprengte einen grossen Teil der Getreidesilos im Hafen von Beirut. SRF-Nahost-Korrespondent Pascal Weber berichtet seit dem Unglück pausenlos, hier am Mittwochabend in «10vor10». (Bilder: Keystone/EPA/Ibrahim Dirani, Screenshot SRF)
von Christian Beck

Herr Weber, die Bilder von der gewaltigen Explosion in Beirut sind um die Welt gegangen. Sie leben seit fünf Jahren in Libanons Hauptstadt. Wie haben Sie den Riesenknall erlebt?
Wir waren zuhause, wir mussten ja nach unserer Ankunft am Wochenende 48 Stunden in Quarantäne verbringen. Ich war auf dem Balkon und habe mit SRF telefoniert, als plötzlich alles zu beben begann. Ich bin rein, und das war mein Glück: Kaum war ich im Haus, kam die Druckwelle, die selbst bei uns noch Scheiben beschädigt und Koffer aus den Schränken geblasen hat (Anm. der Red.: Weber wohnt fünf Kilometer vom Hafen entfernt).


Was ging Ihnen als erstes durch den Kopf?
Wie bringen wir die Kinder in Sicherheit? Wir konnten uns nicht vorstellen, was das war – ich habe viel gesehen, wurde in Kriegsgebieten beschossen, aber so etwas habe ich noch nicht erlebt. Natürlich denkt man hier in Beirut als erstes an einen Bombenanschlag oder etwas Ähnliches, aber das hat sich dann schnell als sehr unwahrscheinlich herausgestellt.

Wie kurz war die Nacht auf Mittwoch?
Ein paar unruhige Stunden. In einer solchen Situation kann man nicht schlafen.

«Viele Menschen haben alles verloren»

Wie präsentiert sich die Lage am Tag danach?
Es ist verheerend! Wir waren in Gemayzeh filmen, das ist jenes Ausgangsviertel gleich hinter dem Hafen, das von der Katastrophe besonders stark getroffen wurde. Viele Menschen haben alles verloren: ihr Zuhause, ihr Geschäft, ihre Existenzgrundlage. Und manche auch Angehörige.

Am Dienstagabend schalteten Sie sich per Telefon in die SRF-«Tagesschau» und zu «10vor10». Ab Mittwoch klappte es dann mit einer Videoverbindung. War die Reaktionszeit am Dienstag zu kurz?
Das war ein Faktor. Und wir wussten ja lange nicht, was wirklich los war. Der andere Faktor war, dass das Kommunikationsnetz völlig zusammengebrochen ist, ich kam kaum telefonisch durch, geschweige denn mit einer Videoverbindung.

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Wie schwer ist es für Sie als Journalist, vor Ort an zuverlässige Informationen zu gelangen?
In diesem Fall ist es nicht einfach. Ich bin ja eher ein vorsichtiger Journalist, sage lieber etwas nicht, als zu früh etwas Falsches zu sagen. Auch hat sofort das Blame-Game zwischen den verantwortlichen Behörden begonnen. Die groben Linien sind zwar inzwischen etwas klarer, aber was genau geschehen ist, das werden wir auch heute Abend noch nicht wissen.

Wie ist der Austausch unter den Journalisten?
In einer solchen Situation dreht jede Kollegin und jeder Kollege sofort auf Hochtouren. Und hilft, wo sie oder er nur kann.

«Momentan ist der Puls noch zu hoch»

Und unter den Schweizern? 1500 leben im Libanon.
Wir haben ein paar Schweizer Freunde, mit denen wir uns austauschen, und das war natürlich auch am Dienstag der Fall. Aber spezifisch in einer Schweizer Bubble sind wir definitiv nicht.


Fühlen Sie und Ihre Familie sich noch sicher in Beirut?
Fragen Sie mich das in ein paar Tagen nochmals. Momentan ist der Puls noch zu hoch, und wir versuchen einfach zu funktionieren. Aber klar war es ein Schockerlebnis, vor allem für unsere beiden Kinder.



Pascal Weber, 1973 geboren, wuchs im Kanton St. Gallen auf. Nach dem Studium an der Universität Zürich begann er seine journalistische Laufbahn bei der Linth-Zeitung in Rapperswil. Seit 1999 arbeitet er beim Schweizer Fernsehen – zuerst als Redaktor und Produzent beim Sport, ab 2006 bei «10vor10» und seit 2010 als Nahost-Korrespondent. Heute lebt er mit seiner Familie in Beirut.



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