16.07.2001

"Wir wollen die Kräfte des freien Marktes spielen lassen"

In welchem Zustand ist er – der Verband Schweizer Presse? Wie ernst sind die Konflikte zwischen Grossen und Kleinen? Verbandspräsident Dr. Hans Heinrich Coninx (Bild) zur staatlichen Presseförderung, zur Konkurrenz durch Gratisblätter und Internet und die Schweizer Medienlandschaft in fünf Jahren. Das Interview, geführt von Schaffhauser Nachrichten-Chefredaktor Norbert Neininger, ist im Flashextra des Verbands Schweizer Presse erschienen:
"Wir wollen die Kräfte des freien Marktes spielen lassen"

Man erinnert sich: Sie haben, Herr Coninx, damals lange gezögert, bevor Sie 1992 das Verbandspräsidium von Max U. Rapold übernahmen - warum eigentlich?

Ich habe mir die Sache wirklich gründlich überlegt, das stimmt. Zum einen wusste ich nicht ganz genau, um welche Aufgabe es sich beim Verbandspräsidium handelt und zum anderen drängten wir vom Tages-Anzeiger, wie auch die Vertreter andere Grossverlage übrigens, nicht in die oberste Verbandsspitze.

Sie haben dann doch zugesagt - bereuen Sie diese Zusage? Wie lautet Ihr - vorläufiges - Fazit?

Nein, ich bereue diese Zusage nicht. Ich habe eine sehr spannende Zeit erlebt, eine Zeit voller Hoch- und Tiefpunkte. Besonders freut es mich, dass ich den doch erheblichen Wandel des Verbandes mitgestalten konnte. Man darf sagen, dass aus der eigentlichen Berufsvereinigung inzwischen eine Organisation geworden ist, die ein gewichtiges Wort mitreden kann, wenn es um politische Fragen geht. Unsere Stimme wird gehört. Zum anderen freut es mich immer wieder, wenn ich eine Brücke zwischen den doch unterschiedlich gelagerten grossen und mittleren Verlagen bauen kann.

Ist das wirklich gelungen? Kann es überhaupt gelingen, die grossen und kleinen Verlage unter einen Hut zu bringen?

Durchaus, ja. Man muss dabei halt akzeptieren, dass es in einigen Fragen unterschiedliche Haltungen und Ansichten gibt und diese Interessensunterschiede auch formuliert werden. Bei allen Unterschieden gibt es dennoch viele gemeinsame Interessen aller Verbandsmitglieder. Diese wollen wir vertreten. Wir sitzen beispielsweise im selben Boot, wenn es um Fragen der Pressefreiheit geht. Die Regelung der Beziehung zur Werbewirtschaft ist ebenfalls ein gemeinsames Anliegen. Auch in den Verhandlungen mit der Post – Stichwort Posttaxen – gehen wir davon aus, dass es ein gemeinsames Interesse aller Verlage gibt...

... was wohl nicht ganz stimmt...

...im grossen ganzen schon: Es ist uns gelungen, uns auf eine gemeinsame Haltung in dieser Frage zu einigen. Ich könnte die Liste der Gemeinsamkeiten mit vielem ergänzen.

Kommen wir zu den Konflikten zwischen den Mitgliedern, die ja ganz offensichtlich sind.

Ja, beispielsweise in der Frage des Gesamtarbeitsvertrages mit den Journalistinnen und Journalisten konnten wir uns nicht einigen, das muss man akzeptieren.

Auch in der Frage der Presseförderung gibt es unterschiedliche Standpunkte. Wie ist die Haltung der Verbandsspitze in dieser doch gerade für kleinere Verlage existenziellen Frage?

Bis anhin war der Verband der Schweizer Presse der klaren Meinung, dass wir in der Schweiz auf staatliche Presseförderung verzichten sollen...

Man ist also gegen den Vorschlag des Schaffhauser SP-Nationalrates Hans Jürg Fehr?

Ja, eindeutig. Wir wollen die Kräfte des freien Marktes spielen lassen.

Und die bevorzugte Behandlung bei den Posttaxen, soll die auch verschwinden?

Nein, die Erleichterungen bei den Posttaxen soll bleiben, es soll auch weiterhin so sein, dass die Post gewisse Dienstleistungen für die Verlage zu Sonderkonditionen erbringen muss, zu Tarifen also, welche sich die jeweiligen Titel auch leisten können.

Sie sagten, das sei die bisherige Haltung?

Ja, wir haben nun eine Arbeitsgruppe eingesetzt, wo Leute mit unterschiedlichen Ansichten über die Presseförderung debattieren. Diese Arbeitsgruppe wird die verschiedenen Standpunkte bald dem Präsidium vortragen und dann wollen wir zusammen einen Beschluss fassen und unsere Meinung zur Presseförderung neu festlegen. Ich bin auf diese Diskussion sehr gespannt.

Mit anderen Worten: Die Haltung des Verbandes zur staatlichen Presseförderung ist noch offen?

Nein, sie ist nicht offen. Noch gilt, wie gesagt, dass wir für den freien Markt und gegen die Presseförderung sind – Ausnahme indirekte Förderung durch günstige Posttarife –, aber ich bin der Meinung, dass man seine Standpunkte immer wieder überprüfen muss und das geschieht ja jetzt gerade. Wenn also wichtige Teile des Verbands andere Ansicht sind, müssen wir über die Bücher.

Der freie Markt, Herr Coninx, fördert die Pressevielfalt nicht - wie die Geschichte der letzten Jahre zeigt. Ist Pressevielfalt also kein Anliegen des Verbandes oder präziser des Verbandspräsidiums mehr?

Pressevielfalt ist eine der ganz zentralen Fragen, mit der wir ständig befasst sind. Wir sind ja alle – in und ausserhalb des Verbandes – täglich mit der Tatsache konfrontiert, dass kooperiert oder fusioniert wird und Titel gefährdet sind. Was aber kann der Verband hier tun? Er soll nach meiner Meinung, Dienstleister auch für kleine und mittlere Zeitungen sein und diese beratend unterstützen. Er muss auch ihr Sprachrohr gegenüber den Politikern sein.

Noch einmal: Steht der Verband für die Pressevielfalt ein?

Ja, im Sinne des Gesagten. Der Verband kann aber nicht regulatorisch eingreifen, das wäre äusserst heikel und delikat.

Ist es nicht auch heikel und delikat, wenn der Präsident des Verbandes Inhaber und Leiter eines Unternehmens ist, das wachsen will und muss und dabei gleichzeitig die Vielfalt der Presse fördern soll? Andere Präsidiumsmitglieder, sie kommen von der NZZ oder von Ringier, haben ja dasselbe Dilemma...

Unser Markt entwickelt sich ja verschiedenartig. Für mich geht es durchaus nicht in der Hauptsache darum, dass zukünftig der eine den anderen schluckt, sondern es gibt auch die Möglichkeit der Zusammenarbeit und Kooperation. Hier werden wir zukünftig viele verschiedene, auch neuartige, Modelle prüfen. Im übrigen gibt es eine Vielzahl von auch kleinen Märkten, und wer die Bedürfnisse dieser Märkte erfüllt, wird auch zukünftig bestehen können. Man kann sich auch als kleiner Verlag in seinem Markt gut und toll behaupten.

Das mag sein – doch in den letzten Jahren war der Trend eindeutig: Eine ganze Reihe von Titeln sind verschwunden. Glauben Sie denn, dass dieser Prozess abgeschlossen ist?

Nein, kaum. Aber dem kann der Verband einfach nichts entgegensetzen. Wir können doch – scherzhaft ausgedrückt – unseren Mitgliedern keine Maulkörbe anlegen, damit sie niemand schlucken können.

Vertritt der Verband vorwiegend politische oder wirtschaftliche Anliegen?

Beides – das sind ja ineinander übergehende Themenbereiche. Wenn wir uns beispielsweise für die freie Presse, für freie Medien einsetzen, so setzen wir uns auch gleichzeitig für freie Marktwirtschaft ein, für eine Marktwirtschaft mit sozialer Verantwortung natürlich.

Aus Verlagen wurden inzwischen vielerorts Medienhäuser. Konnte der Verband mit dieser Entwicklung Schritt halten?

Als ich zu diesem Verband stiess, verhielt er sich den neuen Medien gegenüber eher ablehnend. Man denke nur zurück, wie stark sich der Verband damals empörte, als Roger Schawinski vom Pizza Groppera herab das Monopol der SRG sprengte. Heute engagieren wir uns ja alle selber in diesem Bereich der elektronischen Medien. Es brauchte seine Zeit, bis der Verband sich dieser Themen annahm. Das hatte sicherlich damit zu tun, dass die Entwicklung Verunsicherung unter den Verlegern auslöste. Wir sind heute ein Medienverband, kein reiner Presseverband mehr.

Und wie manifestiert sich das?

In unseren neuen Strukturen beispielsweise. Diese tragen der Entwicklung Rechnung.

Aber es bleibt dabei: Mitglieder können nur Verleger werden, nicht aber Betreiber von Radio- oder Fernsehstationen.

Ja, unser Verband basiert auf den Printhäusern. Das bleibt. Neue Medien sehen wir als Ergänzung.

Herr Coninx, wie geht es eigentlich der Medienbranche derzeit?

Unterschiedlich, natürlich. Am Werbemarkt sehen wir eher steigende Tendenzen, wie Umfragen bei wichtigen Werbeauftraggebern zeigen. Aber es zeichnet sich auch eine stärkere Verlagerung der Werbung zu Radio und Fernsehen ab. Wie sich der Stellenmarkt entwickeln wird, wird sich bald zeigen. Die Konjunkturaussichten deuten ja auf eine Abschwächung hin und das könnte sich durchaus in weniger Stellenanzeigen ausdrücken.

Und die Leser?

Am Lesermarkt beobachten wir ja ein neues Phänomen: Die so genannten Pendlerzeitungen. Wo dieser neue Zeitungstyp erscheint – also in den grossen Agglomerationen – verändern sich die Bedingungen für die eingesessenen Verlage natürlich, der Konkurrenzkampf wird härter. Was dies bewirken wird, weiss niemand.

Wir beobachten auch hier, dass – wie im Internet oder beim privaten Radio und Fernsehen – Informationen für den Leser, den User oder den Zuhörer/Zuschauer gratis sind...

Das ist eine Entwicklung, die auch mir grosse Sorgen macht. Wenn sich der Trend zu Gratisblättern und Gratismedien fortsetzt, wäre dies schlecht für uns alle. Informationen sollen ihren Wert behalten und sie sollen auch etwas kosten. Unsere Zeitungen bieten ja Informationen an, die unsere Leser wollen – und für die sie auch bereit sind, zu bezahlen.

Stichwort Internet, mit dem sich die Verleger ja auch in unterschiedlichem Masse beschäftigen.

Das Internet ist zuerst einmal eine grosse Chance für Verlage. Die Zukunft liegt ja im Verbund der Medien und gerade im Verbund Internet/Zeitung, die sich stützen und ergänzen. Auch in diesem Bereich sind noch lange nicht alle Möglichkeiten erprobt. Wohin die Reise im Internet wirklich geht, steht allerdings noch nicht fest. Ich weiss es nicht, befinde mich aber in gute Gesellschaft: Auch grössere Fachleute als ich es bin – und man ist in diesem Bereich schnell ein grösserer Fachmann als ich – können das derzeit nicht voraussagen. Offene Fragen sind: Wann wird das Internet von den Leuten wirklich akzeptiert werden? Wo liegt der echte Nutzen? In welchen Bereichen bleibt es bei Spielereien, die sich nie wirklich etablieren?

Es gibt also eine Ernüchterung?

Ja, durchaus. Man hat sich vielerorts mit viel, vielleicht mit etwas zu viel, Elan ins Internetgeschäft begeben und muss mancherorts korrigieren und etwas bremsen oder streichen. Es gab ja eine regelrechte Internet-Euphorie und darüber hinaus hatten viele Verleger Angst, das Internet werde sie in ihren Märkten bedrängen.

Alle reden derzeit von Qualitätssicherung im Journalismus. Was tut der Verband, um die publizistischen Grundsätze zu verankern und die Qualität der Zeitungen zu stabilisieren oder zu heben?

Hier engagieren wir uns sehr. Unsere Arbeitsgruppe Ethik, der unter anderem Matthias Hagemann und Kari Lüönd angehören und in der auch Journalisten vertreten sind, nimmt sich des Themas an. Dort finden Grundsatzdiskussionen statt, die sich in Empfehlungen oder Lehrgängen niederschlagen werden. Zum anderen sind wir uns wohl bewusst, dass wir noch mehr tun sollten, vor allem müssen wir uns noch stärker um die Ausbildung des Nachwuchses kümmern. Grosse Verlagshäuser unterhalten eigene Lehrgänge, der Verband unterstützt das Medienausbildungszentrum in Kastanienbaum.

Wir sind uns wohl bewusst, dass wir uns hier an den Verbandspräsidenten wenden und nicht in erster Linie an den Verwaltungsratspräsidenten der Tamadia. Dennoch bliebt die Frage: Sollten sich die Medien des Präsidenten, ihre Medien also, nicht vorbildlich in ethischen Fragen verhalten? Oder ist das für Sie kein Thema?

Das ist für mich durchaus ein Thema, ja. Natürlich kann man nicht alle unseren Medien über einen Leisten schlagen, die unterschiedlichen Medien haben ja unterschiedliche Publika mit unterschiedlichen Erwartungshaltungen. Aber es gibt durchaus ethische Grundsätze, die in unserem Hause für alle gelten müssen.

Jetzt wechselt der Geschäftsführer des Verbandes, Peter Hartmeier, in Ihr Haus, zu Tamedia. Hat der Verwaltungsratspräsident Coninx hier dem Verlegerpräsidenten Coninx einen Mitarbeiter abgeworben?

Nein, nein. Dieser Wechsel hat verschiedene Aspekte: Peter Hartmeier hatte mir schon länger signalisiert, dass er gelegentlich von der Verbandsspitze wieder in die Wirtschaft wechseln wolle und ihm schien der Zeitpunkt nun geeignet: Die neuen Strukturen zeichnen sich ab, die Geschäftsstelle ist aufgebaut und funktioniert. Da traf es sich einfach gut, dass wir gerade einen Mann seines Profils gesucht haben.

Sie haben ja mit Peter Hartmeier im Verband sehr gut zusammengearbeitet...

Ja, das werde ich natürlich auch mit seiner Nachfolgerin, der von mir sehr geschätzten Eva Keller tun.

Dem Rücktritt Hartmeiers folgt als kein Rücktritt Coninx?

Nein, ich bleibe, vorläufig wenigstens, im Amt. Die Frage meiner Präsidentschaft werden wir im Verbandspräsidium diskutieren. Wir müssen uns fragen, ob es richtig ist, dass ich meinen Platz einem neuen Präsident überlasse, sobald die neuen Verbandsstrukturen in Kraft treten. Man könnte sich aber auch vorstellen, dass ich diesen Übergang noch begleite und danach noch eine Zeitlang an der Spitze bleibe, bis sich alles eingelaufen hat. Ich bin in dieser Frage völlig offen und kein Sesselkleber und immerhin schon seit 1992 im Amt. Solange hatte ich eigentlich gar nie bleiben wollen. Aber wie gesagt: Das werden wir alles gemeinsam besprechen, sehr offen besprechen. Ich selber habe noch keinen Entscheid gefällt.

Wie, Herr Coninx, sieht die Schweizer Medienlandschaft in fünf, wie in zehn Jahren aus?

Können wir uns auf fünf Jahre beschränken? Das ist schon schwierig genug... Sie wird mit Sicherheit anders aussehen als heute. Erinnern wir uns an die Ereignisse der letzen Monate, wo sich Solothurn, Olten, Zofingen und der Aaargau in einer Kooperation gefunden haben, denken wir an die Situation im Berner Oberland oder an andere Gebiete. Dieser Trend wird sich fortsetzen. Es wird weitere Kooperationen mittlerer Zeitungen geben. Diese Gattung muss sich überlegen, wie sie den Ansprüchen der Leser gerecht werden können, ohne dass die Kosten dabei explodieren. Das heisst aber - wie gesagt - keineswegs, dass der eine den anderen schluckt, sondern, dass man nach Möglichkeiten der Zusammenarbeit such. Dieses Potential ist noch nicht ausgeschöpft.

Und die Kleinen?

Die haben gute Chancen, wenn sie ihre Nische sorgfältig pflegen. Aber es wird in fünf Jahren weniger kleine Zeitungen geben als heute.

Wird das Engagement der Verleger in den elektronischen Medien zunehmen?

Das wird kaum noch zunehmen. Erstens sind diese Engagements sehr teuer und zweitens sind viele zu sehr über das Ziel hinausgeschossen in ihrem Engagement. Das wird korrigiert werden müssen.

Werden ausländische Medienkonzerne in fünf Jahren namhafte Marktanteile - etwa durch Zukauf - erobert haben?

Das ist schwer abzuschätzen. Ich glaube, dass die grossen Zeitungshäuser relativ stabil sind und keine Gefahr besteht. Aber natürlich werden ausländische Verlage versuchen, in der Schweiz auf vielfältige Art und Weise Fuss zu fassen - das haben sie ja bis jetzt auch, denken wir an die Handelszeitung oder früher an die Bilanz.

Was, Herr Präsident Coninx, machen Sie in fünf Jahren im Verband?

In fünf Jahren werde ich als unverpflichtetes Mitglied an der Mitgliederversammlung des Verbandes Schweizer Presse teilnehmen - und zwar mit grossem Vergnügen.


Kommentar wird gesendet...

KOMMENTARE

Kommentarfunktion wurde geschlossen