Der JournalismusTag hat zum Ziel, über die Qualität im Journalismus nachzudenken. Recherche ist die Basis jeglicher journalistischen Qualität. Informationen müssen abgesichert und umfassend sein. Die neuen digitalen Medien und ihre Möglichkeiten haben das traditionelle Bild journalistischer Recherche nachhaltig verändert. persoenlich.com wollte von Recherche-Experten wissen, welche Methoden sie nebst Google ihrem Berufsalltag nutzen und welches die grössten Herausforderungen der Recherche im Netz sind.
Julian Schmidli, Datenjournalist bei der "SonntagsZeitung" und "Le Matin Dimanche"

"Für mich als Datenjournalist sind alle Orte relevant, die gute Datensätze anbieten. Das können Ämter sein, die Daten sammeln, etwa das Bundesamt für Statistik oder -Strassen. Das sind aber auch Forschungsanstalten oder wissenschaftliche Institutionen, die ihre Daten zur Verfügung stellen. Wichtig sind auch Datenanbieter privater Natur oder NGO’s. Wenn man solche Datensätze benötigt, kommt man mit Google nicht weit. Das ist auch der Fall, wenn man Informationen aus dem Deep Web braucht, die nicht indexiert sind oder man über Tor recherchieren muss, ein Netzwerk zur Anonymisierung von Verbindungsdaten. Ich bin generell kein grosser Fan von Google, weil man über Google immer wieder dasselbe findet. Es wird stets der gleiche Algorithmus verwendet und der Aufwand ist enorm, wenn man etwas wirklich Neues und Interessantes herausfinden will. Zudem schränkt Google unsere Sicht und unsere Rechercherichtung stark ein."
Hektor Haarkötter, freier Journalist und Medienwissenschaftler aus Köln

"Für welche Recherchemethoden man sich entscheidet, hängt sehr stark von der Frage und dem Thema sowie dem Medium ab, für das man arbeitet. Was bei allen Diskussionen zum Thema Recherchieren im Netz immer ein bisschen unterbelichtet wird, ist alles, was mit Belichtung zu tun hat, sprich: Bild- und Videorecherchen. Diese kann man sehr gut im Netz machen – auch jenseits von Google. Alle grossen Fernsehanstalten haben mittlerweile Mediatheken, die extrem gute Inhalte bereitstellen. Dazu würde ich jedem raten – es ist nicht immer nur Youtube. Ein weiterer Tipp sind Meta-Suchmaschinen wie zum Beispiel MetaGer. Hier erhält man aus sehr unterschiedlichen Quellen Suchergebnisse, was sehr sinnvoll ist. Google stösst schnell an Grenzen, weil es schlicht nicht das komplette Internet abbildet. Täglich werden zig neue Webseiten aufgesetzt. Bis diese indiziert sind, vergeht eine gewisse Zeit. Die neusten Informationen hat auch Google nicht. Die grösste Herausforderung der Recherche ist es, die eine relevante Information zu finden. Früher wollte ein Journalist zu einem Thema so viele Infos wie möglich zusammentragen - heute so wenig wie nötig."
Kurt Marti, Journalist und Autor, Redaktionsleitung infosperber.ch

"Menschen sind immer noch am wichtigsten für meine Recherchen. Personen, die etwas zum Thema wissen, Whistleblower und Informanten. Um relevante Informationen zu bekommen, muss man Vertrauen zu ihnen aufbauen. Ich habe in verschiedenen Ortschaften und Regionen Personen, die sich für mich umhören und mir Geschichten zustecken. Dennoch: Meistens muss man seine Whistleblower selber anzapfen. Die ergiebigste Quelle sind natürlich Betroffene, die wegen Ungerechtigkeiten auf mich zukommen, die ihnen widerfahren sind. Wenn man ihre Hinweise weiterverfolgt, merkt man schnell, ob dahinter eine gute Geschichte steckt. Ich bin angewiesen auf solche Personen. Die Herausforderung im Wallis ist insbesondere, an Informationen von Behörden oder Politikern zu kommen, die nichts sagen wollen. Etwa wenn es etwa um eine illegale Sache geht, welche die Justiz bestätigen müsste. Das hat sich zwar mittlerweile gebessert. Im Lokaljournalismus kommt man mit Suchmaschinen wie Google nicht weit, die Storys findet man nicht. Bei nationalen Themen – etwa wie die Stromlobby hinter den Kulissen agiert – ist das anders. Solche Informationen sind oft öffentlich oder als Medienmitteilungen publiziert worden. Das ist bei einer Lokalgeschichte nicht der Fall. Man kann vielleicht Gesetze auf der Kantonshomepage nachschauen. Das klassische Telefonbuch und das Handelsregister sind aber genauso wichtig."
Konrad Weber, Multimediajournalist bei SRF

"Das Internet insgesamt ist für mich ergiebig bei einer Recherche. Bei uns kommen ganz verschiedene Inhalte rein, zum Beispiel Agenturmaterial oder Medienmitteilungen. Google ist ganz klar die Suchmaschine, die ich zuerst nutze. Wenn etwas besonders aktuell ist, eignet sich auch Twitter. Denn bei ganz aktuellen Ereignissen, im Breaking-News-Bereich, ist Google meist nicht mehr hilfreich. Um bei Google wirklich viel - und viel Brauchbares - zu finden, muss man wissen, wie man richtig sucht und wonach man suchen möchte. Das A und O einer erfolgreichen Recherche ist deshalb die gute Vorbereitung."
Umfrage (Texte und Bilder): Seraina Etter, Hauptbild: Raphi Rohner

