16.06.2014

Hanspeter Lebrument

"Jetzt, in dieser Zeit des Umbruchs, müssen die Verleger zu Wort kommen"

Am Montag präsentierte der Verband Schweizer Medien das neue Buch "Medien und Öffentlichkeit - Zwischen Symbiose und Ablehnung". persoenlich.com hat mit Hanspeter Lebrument, dem Präsidenten des Verbandes, am Rande der Medienkonferenz in Zürich über das Ziel des Buches, das Verhältnis zwischen Medien und Politik und über Roger Schawinski gesprochen.
Hanspeter Lebrument: "Jetzt, in dieser Zeit des Umbruchs, müssen die Verleger zu Wort kommen"

Herr Lebrument, warum hat der Verband Schweizer Medien das Buch "Medien und Öffentlichkeit – Zwischen Symbiose und Ablehnung" herausgegeben? Was wollen Sie damit bezwecken?
Die Eidgenössische Medienkommission muss bis Ende Jahr ein Konzept für die Medienförderung vorlegen, welches danach im Parlament behandelt wird. Zudem sollte der Service public-Begriff bis 2017 definiert sein, wenn die Konzession der SRG ausläuft. Der Verband dachte sich: Jetzt, in dieser Zeit des Umbruchs, müssen die Verleger zu Wort kommen und ihre Ansichten darlegen. Ein Buch ist dafür eine geeignete Form.

Sie kritisieren die "oberflächlichen Qualitätsbücher", auf welche das neue Weissbuch Ihres Verbandes ebenfalls eine Antwort sein soll.
Ja, in unserem Buch schreiben die Macher: Chefredaktoren, Verleger, Medienwissenschaftler. Die Herausgeber der Qualitätsbücher führen kein einziges Interview! Sie erstellen lediglich Tabellen, rechnen Dinge aus. Noch nie hat jemand vom FÖG mich oder einen Chefredaktor angerufen und beispielsweise gefragt, unter welchen Bedingungen wir Zeitungen machen. Wenn man ein Buch über Medien schreibt und die Journalisten, Verleger und Nutzer nicht befragt, ist das ein bisschen billig. Ich habe das Gefühl, dass sie die Sponsoringgelder nur bekommen, weil manche wütend sind, die einmal in den Medien kritisiert wurden. Für mich ist das aber klare Pseudowissenschaft.

Das Erscheinen des Buches hat sich mehrmals verzögert. Man hat ebenfalls herausgespürt, dass es bei der Auswahl der Autoren Diskussionen gegeben hat. Nach welchen Kriterien wurden sie ausgesucht?
Den Auftrag für das Buch hat Norbert Neininger im Departement Publizistik bekommen, dem viele Chefredaktoren angehören. Dann kam das Buch ins Präsidium, wo es natürlich wieder andere Auffassungen gab. Anfangs diskutierte man sogar, ob es überhaupt ein solches Buch braucht. So ist es immer im Präsidium: Es wird relativ rassig und wild diskutiert, am Schluss einigen wir uns aber. Gewisse Fragen haben wir bewusst weggelassen: Unsere Auseinandersetzung mit der SRG wird nur am Rande erwähnt, ebenfalls jene mit der Post betreffend Preiserhöhungen. Denn: Wir wollen ein Grundlagenbuch liefern und nicht über Dinge berichten, die nur in einem bestimmten Augenblick relevant sind.

An wen richtet sich das Buch?
Wir schicken es unseren Mitgliedern. Zudem sollen es jene Personen lesen, die über die Rahmenbedingungen der Medienförderung entscheiden. Und, ganz klar: alle, die Qualitätsbücher kaufen. Sie sollen auch einmal erfahren, was wir zu sagen haben, die darin nie zu Wort kommen. Ich rechne natürlich nicht mit einem Bestseller, das Buch ist nicht von A bis Z ein spannender Krimi. Es wird darin aber die teilweise sehr unterschiedliche Sicht einzelner Chefredaktoren aufgezeigt. Man merkt, dass die Einheit der Medien in ihrer Vielfalt besteht.

Das Buch hat den Untertitel "zwischen Symbiose und Ablehnung". Was überwiegt?
Die Symbiose zeigt sich darin, dass wir keine direkte Presseförderung wollen. Wir wollen nicht an den Staat angebunden werden. Und das ist gleichzeitig die Ablehnung: Wir müssen eine genügende Distanz zu den drei Gewalten wahren. Zudem fordern wir einen härteren Service public-Begriff: Ein Gebührenfernsehen sollte nicht völlig auf Unterhaltung setzen. Hier hätten wir gerne eine Zurückstufung.

Sinkende Werbeeinahmen führen zu einer Verunsicherung bei den Verlagen, zudem wächst die Konkurrenz untereinander: Welche Auswirkungen hat das auf den Verband Schweizer Medien?
Natürlich sind wir alle Konkurrenten. Im Verband ist das aber kein Thema. Wir wollen gemeinsam unsere Ziele erreichen und diese sollen allen dienen. Wir müssen als Branche attraktiver werden. Alles andere wird vom Verband konsequent ausgeklammert.

Sie sind seit 2003 Präsident des Verbandes Schweizer Medien und arbeiten seit 50 Jahren in der Branche. Was sind die gravierendsten Veränderungen?
Ich begann 1964 als Nachrichtenredaktor beim St.Galler Tagblatt. Medien waren damals eine Art täglicher Chronist. Man hat sie nicht sehr ernst genommen und wir wurden eher belächelt. Auch als ich 2003 Verbandspräsident wurde, hat das Politische noch keine grosse Rolle gespielt, Lobbying kannte man nicht. Wir waren eine Truppe gepflegter, gut angezogener Herren. Aber plötzlich realisierten wir, dass wir an Bedeutung gewinnen, Medien immer wichtiger werden. Das ist für mich ein Kompliment und eine Bestätigung, dass gut recherchiert wird.

Was ist das grösste Problem in der Beziehung zwischen Medien und Öffentlichkeit?
Die grösste Herausforderung ist, dass wir die politische und wirtschaftliche Einflussnahme auf einer vernünftigen Distanz behalten können. Wir müssen unsere Eigenständigkeit bewahren.

Nehmen wir die Causa Wulff: Ist das Verhältnis zwischen Politik und Medien in Deutschland angespannter als in der Schweiz?
Die Medien haben in diesem Fall sicherlich teilweise übertrieben. Das Problem war aber ein anderes: Sie merkten, dass Wulff zwar nicht unbedingt ein Straffälliger ist, aber auch kein Bundespräsident. Allgemein habe ich nicht das Gefühl, dass das Verhältnis in Deutschland angespannter ist. Anders in Italien: Überall, wo Medien relativ schwach sind und deren Besitzer einer Partei angehören und politisch aktiv sind, ist das Verhältnis angespannt. Man weiss, dass das Medium bestimmte Interessen vertritt. Christoph Blocher ist in der Schweiz der Erste, der das versucht. Mit sehr mässigem Erfolg. Er hat die politische Macht, die wirtschaftliche Macht und will jetzt auch die mediale. Das ist gefährlich.

Auch Sie werden oft wegen Ihrer angeblichen Macht- und Monopolstellung kritisiert, insbesondere von Roger Schawinski: Was sagen Sie zu seiner Beschwerde in Strassburg?
Wenn er ernsthaft Radio machen will, kann er eine Bewilligung einholen und ab morgen Radio machen! Das hätte er schon vor fünf Jahren machen können. Er soll endlich sein Versprechen einlösen, das er der Aargauer und der Bündner Bevölkerung gegeben hat. Er soll das Radio machen, das er ihnen versprochen hat. Dafür muss er niemandem die bestens eingeführten Radios wegnehmen. Er muss investieren und ein gutes Konzept haben. Fakt ist: Er will einfach kein Radio machen, wenn ihm nicht ein anderer das Geld dafür gibt.

Zum Schluss noch eine zweite Frage aus aktuellem Anlass: Laut einer Studie, die am Freitag veröffentlicht wurde, verdient im Tessin jeder zweite Printjournalist zu wenig (persoenlich.com berichtete). Wäre es nicht lansam Zeit für einen GAV in der Deutschschweiz und im Tessin?
Einen GAV kann man sehr gut ausarbeiten für ein Unternehmen einer bestimmten Grösse. Kleinere Zeitungen dürfen aber nicht dem gleichen GAV unterstellt werden, wie ein Konzern mit 3000 Angestellten. Ein Radio Rottu kann doch die Bedingungen der SRG nicht einhalten! Ich kann mir einen GAV zwischen einem grossen Unternehmen und einer Arbeitnehmerorganisation vorstellen. Und es erstaunt mich, dass die Arbeitnehmerorganisationen bislang noch mit keinem Medienhaus einen solchen Vertrag zustande gebracht haben.

Interview: Seraina Etter


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