03.10.2019

Swiss Foundations

Auf der Suche nach dem wirklichen Dialog

Swiss Foundations, der Dachverband der Schweizer Förderstiftungen, lud ein zum Dialog zwischen Vertretern von Stiftungen und Politik. Der Druck auf Stiftungen nehme zu. Man sei besorgt. Der «Shrinking Space of Philantrophy» sei Realität, hiess es.
von Loric Lehmann

Das Verhältnis zwischen Politik und gemeinnützigem Stiftungssektor sei ein kompliziertes, hiess es auf der Einladung zum Stiftungsgespräch 2019, organisiert von Swiss Foundations. Auf beiden Seiten seien oft Unverständnis und fehlendes Wissen über den anderen anzutreffen. Die Stiftungswelt hege das Vorurteil, der Staat sei bürokratisch, ineffizient und seine Strukturen überholt. Der Politik mangle es häufig am Verständnis über Funktionsweise und Leistungsfähigkeit des Stiftungssektors. Und so scheuen beide Diskussionen und Kooperationen.

Deshalb lud Swiss Foundations zum Dialog. Das Stiftungsgespräch 2019 fand am Dienstagabend im Zürcher Kosmos statt. Der Saal war beinahe voll, nur einzelne Stühle blieben noch frei. Beate Eckhardt, Geschäftsführerin von SwissFoundations, begrüsste die Anwesenden. Es sei schön, dass so viele Leute der Einladung gefolgt seien. «Man könnte mit so einem Abend auch etwas anderes tun», sagte Eckhardt und deutete auf die letzten, warmen Sonnenstrahlen des Altweibersommerabends.

Kurz wurde auf den Titel der Einladung verwiesen. Ihr wäre gerade aufgefallen, dass «Redet miteinander!» ja im Imperativ formuliert sei. Ein Ausrufezeichen macht aus einer Aufforderung ein Befehl. Als Befehl sei dies auf keinen Fall gemeint. «Vielmehr ein unbewusst eingeschmuggeltes Zeichen, um wirklich den Dialog zu suchen.»

«Mehr Dialog, mit oder ohne Ausrufezeichen»

Eckhardt erklärte, der Druck auf Stiftungen nehme zu. Auch international. «Die Einschränkung des Gestaltungsspielraums für zivilgesellschaftliches und stifterisches Wirken in Ländern wie Ungarn, Polen, Russland oder der Türkei löst auch bei uns Besorgnis aus». Der «Shrinking Space of Philantropy» sei Realität. Stiftungen müssten sichtbarer, nachvollziehbarer und somit öffentlicher werden. Deshalb brauche es den Austausch zwischen Stiftungen und Politik. «Mehr Dialog, mit oder ohne Ausrufezeichen», endet die Geschäftsführerin des Dachverbands der Förderstiftungen ihre Begrüssung.

Nach der Ansprache fand man sich in kleineren Gruppen zusammen, um sich über die Probleme im Alltag von Förderstiftungen auszutauschen. Moderiert wurde dies von Mitarbeiterinnen der Geschäftsstelle von Swiss Foundations. Zuerst wurde etwas zögerlich, dann immer aufgeregter über die alltäglichen Herausforderungen diskutiert. Gespräche zwischen Politik und Stiftungen fänden ja statt, wurde von einigen geäussert. Man habe gute Beziehungen zu den einzelnen Departementen. «Aber das Verständnis für die Sache ist bei der Politik nicht immer vorhanden.» Ein Geschäftsführer einer kleineren Stiftung erklärte, es sei für seine Organisation schwierig mit dem politischen Agenda-Setting zurecht zu kommen. Dies, da kleinere Stiftungen nicht die Ressourcen haben, um die Politiker im richtigen Moment der Session zu erreichen. Und oftmals stelle sich die Frage, welcher Politiker überhaupt der richtige sei, um seine Sache darzulegen.

Diese Anliegen wurden notiert und anschliessend Barbara Bleisch überreicht, die die anschliessende Podiumsdiskussion moderierte. SP-Frau Anja Wyden Guelpa, ehemalige Genfer Staatskanzlerin, traf auf Andri Silberschmidt, den Präsidenten der Jungfreisinnigen Schweiz und aktuell Kandidierender für den Nationalrat.

100 Milliarden Franken Stiftungsgelder

Zu Anfang nannte Bleisch ein paar Zahlen: In der Schweiz hat es sechsmal mehr Stiftungen pro Kopf als in den USA oder Deutschland. 100 Milliarden Franken beträgt die Summe aller Stiftungsgelder in der Schweiz. Spenden sei doch nur Steuerbetrug, sagt Bleisch provokativ. Was meinen die beiden Politiker zu dieser Aussage? Silberschmidt: «Stiftungen bringen Innovation.» Es sei wichtig, dass Innovation aus dem Kleinen käme. Beispiel sei das World-Wide-Web. Guelpa widerspricht. Das WWW sei von Universitäten entwickelt worden. Und oftmals habe besonders das Militär Innovationen vorangetrieben. Es ist das einzige Mal an diesem Abend, dass die beiden sich widersprechen.

Zurück zur Frage nach dem angeblichen Steuerbetrug: Wyden Guelpa findet Stiftungen hätten durchaus ihre Daseinsberechtigung. In anderen Ländern komme es oftmals vor, dass ein Staat bei Auslagen spart, da Stiftungen sich für dieses Bedürfnis einsetzen. Stiftungen können und dürfen aber auf keinen Fall Staatsaufgaben übernehmen. «Sie müssen das Tüpfelchen auf dem I sein.»

«Die meisten Stiftungen reicher Leute sind ein Ausdruck tätiger Reue», zitierte Bleisch den amerikanischen Schriftsteller Sinclair Lewis. Allgemeine Heiterkeit. Doch im Ernst: Anja Wyden Guelpa will sich nicht erdreisten, anderen Leute vorzuschreiben, wie sie ihr Geld ausgeben können. Der Jungfreisinnige und die Sozialdemokratische hoben, wiederholt, die Bedeutung von Stiftungen in der Gesellschaft hervor. «Die Bill- und Melinda-Gates-Stiftung bekämpften erfolgreich Polio», sagt Wyden Guekpa. Falls sie irgendwann aufhören, wäre das eine Katastrophe. Doch da sei gerade Social Media als Kontrollorgan wichtig.

Purpose over Profit

Barbara Bleisch brachte die Klima-Bewegung als Beispiel ins Spiel. Diese zeige, dass besonders Millenials etwas bewegen wollen in ihrem Leben. Purpose over Profit. Silberschmidt meint, das komme daher, dass man halt nicht mehr ums Überleben kämpfen müsse wie unsere Eltern und Grosseltern. «Genau das ist eine Chance für die Stiftungen.»

Die stündige Diskussion bezieht sich sehr auf die Sache. Jedoch sind sich die beiden in vielen Punkten überraschend einig, was der Diskussion etwas an Würze nimmt. Man hat auch das Gefühl, dass es weniger um Links gegen Rechts geht, sondern mehr, was ja auch das Thema des Abends ist, um Politik gegen Stiftungen. Und dabei war es schade, dass ein Vertreter der Philanthropie fehlte. Bleisch führte wie erwartet souverän durch die Diskussion, jedoch konnte sie das Fehlen von Stiftungsvertretern auch nicht durch das Vorlesen der im Vorfeld diskutierten Inhalte wett machen.

Gegen Ende der Diskussion wird endlich das Verhältnis zwischen Stiftungen und Politikern zum Thema. Eine nationale Regelung findet keiner der beiden eine gute Idee. Guelpa Wyden: «Gute Ideen setzen sich schon durch.» Auch angesprochen auf eine zunehmende Entsolidarisierung winkt Silberschmidt ab: «Es sind so viele Stiftungsgelder vorhanden wie noch nie.»



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