Konrad Weber, Sie schreiben, die Förderung von Diversität und Inklusion sei entscheidend für den Erfolg von Unternehmen. Woran machen Sie das fest?
Weber: Einerseits ist dies wissenschaftlich in den letzten Jahrzehnten gut untersucht worden. So konnten Studien unter anderem belegen, dass diversere Teams zu mehr Motivation, weniger Fluktuation und besseren wirtschaftlichen Ergebnissen führen. Andererseits entspricht dies auch meiner Erfahrung als Strategieberater in der Zusammenarbeit mit ganz unterschiedlichen Unternehmen und Führungsgremien. Mit Blick in die Zukunft geht es um nichts weniger, als dass ich als Unternehmen auch morgen noch genügend Fachkräfte anlocken und halten kann.
Was meinen Sie genau mit Diversität und Inklusion?
Weber: Inklusion und Diversität bedeutet, dass alle Teile der Gesellschaft nicht nur mitgemeint sind, sondern genau gleich über Sichtbarkeit und Einfluss verfügen. In der Tat gibt es für Allyship – also das bewusste Einstehen für diese Perspektiven – erst vereinzelte Beispiele. Deshalb haben wir ja auch unsere Initiative lanciert. Diese vereinzelten Beispiele werden in letzter Zeit aber immer sichtbarer, wie zum Beispiel die Mitglieder der dänischen Fussballmannschaft, die für ihre Kolleginnen auf mehr Lohn verzichteten, den Wechsel an der Spitze der Mineralquelle Eptingen, die Einführung der Elternzeit bei AstraZeneca oder folgender Karrierewechsel eines 53-jährigen CEO im Finanzbereich in Deutschland. Ganz aktuell könnte man auch die #Dudes4Harris-Bewegung im US-Wahlkampf als konkretes Allyship-Beispiel bezeichnen.
«Allyship ist ein wichtiger Bestandteil des modernen Verständnisses von Leadership»
Pirmin Meyer, der Name Ihres neuen Beratungsangebots heisst allyship.ch. Was ist Allyship?
Meyer: Im Unternehmenskontext bedeutet Allyship, die Anliegen und Perspektiven von unterrepräsentierten Gruppen aktiv zu unterstützen und sich für deren Gleichberechtigung einzusetzen. Allyship ist ein wichtiger Bestandteil des modernen Verständnisses von Leadership. Es bedeutet, sich in einer privilegierten Situation für Respekt, Chancengleichheit und gemeinsames Wachstum starkzumachen. Mit diesem Konzept wollen wir die Unternehmenskultur so konkret wie möglich erlebbar machen und eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe ermöglichen, unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Hierarchiestufe oder Alter.
Konrad Weber, mit welchen Argumenten wollen Sie Männer in Führungsrollen ansprechen?
Weber: Wir versuchen, die Männer sowohl auf der emotionalen als auch auf der rationalen Ebene anzusprechen und ihnen aufzuzeigen, dass Diversität und Vereinbarkeit auch Vorteile für sie aufweisen. Im Kern geht es um die persönliche Weiterentwicklung als Führungskraft, aber auch um das erfolgreiche Aufstellen des Unternehmens für die Zukunft. Wer das Konzept von Allyship verinnerlicht hat, leistet einen wichtigen Beitrag für mehr Innovation, Produktivität und Gesundheit. Es ist also eine Win-Win-Situation für das Individuum, Team und Unternehmen.
«Bei Männern besteht eine gewisse Unsicherheit zu Diversität und Inklusion»
Pirmin Meyer, warum lancieren Sie allyship.ch gerade jetzt?
Meyer: Unser Engagement im Verein WE/MEN, aber auch unsere Arbeit als Strategieberater hat immer wieder gezeigt, dass bei Männern eine gewisse Unsicherheit oder ein Schweigen zu Diversität und Inklusion besteht. Es ist höchste Zeit, dieses Schweigen zu durchbrechen, Unsicherheiten in einem geschützten Rahmen anzusprechen sowie gemeinsam effektiv und konkret an einer inklusiven Unternehmenskultur zu arbeiten.
Konrad Weber, Sie kennen die Medienbranche besonders gut. Welches Potenzial sehen Sie dort für Ihr neues Angebot?
Weber: Medien haben gleich eine doppelt wichtige Aufgabe in dieser Thematik: zum einen als Unternehmen, indem sie verschiedene Perspektiven als Abbild der Gesellschaft in ihrer Organisation ausgeglichen integrieren. Und zum anderen, indem sie mit ihrer Berichterstattung auch Geschichten transportieren, Stimmen Gehör verschaffen und neue Vorbilder kreieren. Studien zur Repräsentation der Geschlechter in Schweizer Medien zeigen allerdings, dass Frauen nach wie vor deutlich weniger präsent sind als Männer.
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25.08.2024 12:12 Uhr

