25.01.2021

Stadtpolizei Zürich

«Ich sah mich selbst immer als Scharnier»

Der bekannteste Polizeisprecher des Landes wird pensioniert. Marco Cortesi spricht über kritische Situationen und tragische Erlebnisse. Er, der beruflich nochmals einen Neustart wagt, kritisiert die fehlende Konstanz in der Zusammenarbeit mit Journalisten.
Stadtpolizei Zürich: «Ich sah mich selbst immer als Scharnier»
Marco Cortesi, Chef der externen Kommunikation der Stadtpolizei Zürich, geht in Pension. (Bilder: Privatarchiv)
von Christian Beck

Herr Cortesi, am Freitag haben Sie Ihren letzten Arbeitstag bei der Stadtpolizei Zürich. Was überwiegt: Wehmut oder Vorfreude?
Von beidem etwas. Ich mag meine Arbeit sehr, sehr gerne. Ich fühle mich auch noch fit, gesund und aktiv. Von daher ist es sicher nicht so einfach, den letzten Arbeitstag anzugehen. Auf der anderen Seite wusste ich seit Jahren, dass dieser Tag kommen wird. Zudem werde ich auch froh sein, wenn ich künftig keine Termine und Verpflichtungen mehr habe.

Seit fast 30 Jahren standen Sie den Medien Red und Antwort. Mittlerweile gelten Sie als der bekannteste Polizeisprecher des Landes. Verraten Sie mir Ihr Erfolgsrezept …
Ich denke, dass ich glaubwürdig bin. Mein Motto lautet: «Richtig vor schnell» – im Gegensatz zu vielen Journalisten. Ich bin ein Mediensprecher, der auch mal Fehler eingestehen kann. Und: Ich übe meinen Job in Zürich aus und nicht irgendwo, wo Medien eine kleinere Rolle spielen. Ein weiterer Grund ist, dass mir die meisten Journalisten sehr wohlgesinnt sind – warum auch immer.

«Ich kann und will mich nicht ändern»

«Stets tritt er mit ernstem Gesichtsausdruck, Bündner Dialekt und seinem unverwechselbaren leichten Lispeln vor die Kameras und Mikrofone der Journalisten», schrieb der Blick über Sie. Fühlen Sie sich gut porträtiert?
Ja, das ist schon so. Ich muss einfach ich selber bleiben, mit allen Vor- und Nachteilen, die ich habe. Ich kann und will mich nicht ändern. Der Bündner Dialekt ist sicher auch ein Punkt, der zu meinem Status beiträgt. Ich will ja gar nicht der Beliebteste sein. Aber: Überall, wo ich hinkomme, haben mich die Leute gern.

Sie sprachen von Vor- und Nachteilen. Was würden Sie als Nachteil bezeichnen?
Ich kann beispielsweise nicht ohne Helm aufs Bike steigen. Die Leute kennen mich, und ich muss eine Vorbildfunktion wahrnehmen – auch wenn Helmtragen nicht obligatorisch ist.

Würden Sie gerne manchmal Gesetze brechen?
(lacht) Ich darf ja nicht mal neben dem Fussgängerstreifen gehen. Letzten Sommer war auf dem Zürcher Sechseläutenplatz eine Kundgebung von Covid-Gegnern, viel Fernsehen und Radio war anwesend. Ich lief zusammen mit zwei Bodyguards knapp neben dem Fussgängerstreifen über die Strasse. Da rief prompt jemand: «Ist der Fussgängerstreifen zu wenig breit für Herr Cortesi?» (lacht)

Sie haben Bodyguards?
Ja, es war nach einem Fussballmatch, sicher 15 oder 20 Jahre her. Ich stieg im Letzigrund gedankenlos in das 2er-Tram Richtung Stauffacher, um kurz danach festzustellen, dass das ganze Tram voller Fans war. Ich wurde erkannt, die Situation wurde bedrohlich. Auf dem Funkgerät, das ich glücklicherweise dabeihatte, konnte ich über einen Knopf einen Hilferuf absetzen. Bereits nach einer halben Minute stoppte das Tram abrupt, die Türen gingen auf und Polizeigrenadiere stürmten das Fahrzeug. In der Folge beschloss der damalige Kommandant, dass ich künftig bei heiklen Einsätzen Personenschutz erhalte.

Ich habe auch schon seit gut 20 Jahren beruflich mit Ihnen zu tun. Am Telefon sind Sie praktisch immer zu Scherzen aufgelegt. Wie humorvoll sind Sie vor Ort?
(überlegt) Es kommt immer auf die Situation an. Wenn man an einem Ereignisort ist, an dem etwas Tragisches passiert ist, dann ist das einfach nicht der richtige Ort für Scherze. Am Telefon sieht das etwas anders aus. Ich bin grundsätzlich nicht jener ernste Mensch, wie es auf dem Bildschirm den Eindruck erwecken mag. Tatsächlich habe ich aber nur sehr selten über Lustiges zu berichten.


«Tagesschau» von 1994: Der erste grosse Fernsehauftritt von Marco Cortesi, auf den er heute nicht sonderlich stolz ist.


Geht Ihnen das Erlebte auch manchmal privat nach – oder können Sie abschalten?
Das kann niemand. Wenn am Schluss Leute tot sind, ist es immer belastend. Nur ein Beispiel: An der Kasernenstrasse wurde ein Mensch von einer Strassenwalze überfahren. Er war sofort tot und so platt (Cortesi hält seine Hand zehn Zentimeter über die Tischplatte). Alle Ärzte, Polizisten und sonstigen Beteiligten benötigten danach psychologische Hilfe. Jedes Mal, wenn ich dort vorbeifahre, sehe ich noch heute das Opfer vor meinem geistigen Auge.

Wenig zu lachen hatten Sie auch bei der sogenannten Infostellen-Affäre. Eine Untersuchung schätzte die Stimmung im Team als «instabil» ein, wie die NZZ vor zehn Jahren berichtete. Wie erlebten Sie diese Zeit?
Das war keine gute Phase, ganz klar nicht. Es war eine verlorene Zeit. Das absorbierte so viel Energie, dass darunter die Produktivität litt. Es herrschte damals grundsätzlich eine schwierige Stimmung. Ich kannte den damaligen Kommandanten schon von früher persönlich. Diese Konstellation war nicht gut. Ich war kurz davor, etwas anderes zu machen.

Sie wollten kündigen?
Ja, ich war der Meinung, dass nun jemand seinen Posten räumen muss. Rückblickend bin ich froh, dass ich es nicht getan habe.

«Journalistinnen und Journalisten sind nicht meine Freunde – aber auch nicht meine Feinde»

Blicken wir nun auf den Journalismus. Wie haben Sie den Wandel miterlebt in den letzten knapp 30 Jahren?
Extrem, was hier passiert ist. Früher rannten die Radiojournalisten nach einer Medienkonferenz in die Telefonkabinen, eine halbe Stunde später war alles auf dem Sender. Ich dachte mir damals: Schneller geht das nicht mehr. Heute weiss ich, dass es sehr, sehr viel schneller geht (lacht). Wenn ich heute ein Stockwerk höher ein Fernsehinterview gebe, ist das bereits ausgestrahlt, bevor ich zurück im Büro bin. Alles, was wichtig ist, wird heutzutage gestreamt. Sogar wenn in Australien ein Känguru überfahren wird, wissen wir das fast zeitgleich.

Ist die Zusammenarbeit mit Medienschaffenden einfacher oder mühsamer geworden?
Die ist immer gut geblieben. Was ich aber heutzutage feststelle, ist, dass vor allem im Onlinebereich ein unglaublich reger Wechsel stattfindet. Da kommen Leute und gehen Leute. Es gibt weniger konstante «Partnerschaften» mit Medienschaffenden, die man kennt. Journalistinnen und Journalisten sind nicht meine Freunde – aber auch nicht meine Feinde. Wir brauchen uns gegenseitig, um auf Augenhöhe arbeiten zu können. Konstanz hilft dabei und schafft gegenseitig Vertrauen.

Marco-Cortesi-Sprecher-der-Stadtpolizei-Zuerich-gibt-Auskunft


Sie waren einst Pöstler und Skilehrer im Engadin und landeten schliesslich bei der Polizei. Würden Sie es nochmals genau gleich machen?
Ja, ich hatte das Glück, dass ich immer an gute Menschen gelangt bin, die es gut mit mir meinen, an mich geglaubt und mich unterstützt haben. Wenn man dann am Schluss sagen kann, dass beim Abschied auch etwas Wehmut mitschwingt, dann war es vermutlich schon gut so.

Und nun werden Sie selbstständig: CortesiKommunikation nennen Sie Ihre Firma. Was werden Sie anbieten?
Ich will Kommunikationstrainings anbieten, insbesondere Krisen- und Ereigniskommunikation. Ich denke, dass ich das gut kann. Ich konnte nun über 20 Jahre lang üben. Ich fühle mich noch so fit, dass ich meine Erfahrungen auch weitergeben möchte. Vielleicht besteht ja Bedarf, vielleicht ist es aber bedingt durch die Coronakrise gar nicht gefragt im Moment.

Medientrainings hatten Sie bislang aber auch schon gemacht …
Ja, aber meistens nur für die Polizei.

Und an wen soll sich jetzt Ihr Angebot richten?
An alle, die sich mit schwierigen Situationen konfrontiert sehen. Es ist mir klar: Meine Funktion wird nicht mehr vor der Kamera sein, sondern beratend dahinter. Ich bin offen für alles, Möglichkeiten gibt es viele. Ich könnte mir auch vorstellen, dass ich einer Firma zur Verfügung stehe, die über keinen eigenen Mediensprecher verfügt.

«Cortesi for rent» …
(lacht) Ja, das kann man so sagen.

«Journalisten kommen heute nur, wenn es Probleme gibt»

Geben Sie einen kleinen Vorgeschmack auf Ihre Medientrainings: Welche Fehler werden häufig vor der Kamera gemacht?
Schnell vor richtig, anstatt richtig vor schnell. Häufig ist man auch nicht bereit, Fehler zuzugeben – oder nur scheibchenweise. Das ist fatal – und gut für Medienschaffende: So können sie morgen berichten, übermorgen nochmals – und nochmals. Dann muss man sich auch sehr gut überlegen, wer vor die Kamera tritt: «One Voice» wäre der Idealfall. So kann vermieden werden, dass heute diese Person Auskunft gibt, morgen eine andere und übermorgen noch eine dritte. Auch das ist zwar gut für Journalisten, aber schlecht für das eigene Image.

Haben Sie auch technische Tipps?
Man spricht ja vor der Kamera nicht über die Ferien. Journalisten kommen heute nur, wenn es Probleme gibt. Dann ist von Beginn weg wichtig, wie der Auftritt ist: Wie bin ich angezogen? Wie stehe ich da? Wirke ich sicher? Die Kernbotschaften der Geschichte muss man gut kennen und muss man so vermitteln, dass sie jeder versteht. Das hat wenig mit Intelligenz zu tun. Wenn aber ein Onkologe und ein Geologe auf ihrer jeweiligen Flughöhe miteinander sprechen, dann verstehen sie sich gegenseitig überhaupt nicht. Ich sah mich selbst immer als Scharnier zwischen der Polizei und der Bevölkerung.

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Müssen Sie weiterarbeiten – oder wollen Sie?
Ich muss nicht, ich will. Wenn mein selbstständiges Business nicht funktioniert, kann ich auch einfach pensioniert sein, das ist auch gut …

… und dabei wandern, klettern, Mountainbiken und Skifahren. Werden Sie nun noch sportlicher?
Nein, nein, gleich wie jetzt. Aber ich kann und will ja nicht den ganzen Tag Velofahren. Auf jeden Fall will ich mich weiter bewegen, will draussen sein. Ich bin ein Naturmensch.

Sie hätten künftig Zeit für Mode. Kleiden Sie sich von nun an selber ein oder überlassen Sie das weiterhin Ihrer Lebenspartnerin Brigitte?
(lacht) Brigitte macht das super und wird es auch weiterhin tun. Zu meinem 65. Geburtstag (12. Januar, Anm. der Red.) kaufte sie mir schöne Freizeitbekleidung, die gut zu mir passt. Ich könnte das nie so gut aussuchen. Ich müsste mich beraten lassen. Und ich habe ja bereits die beste Beraterin.



Marco Cortesi ist seit 1984 im Korps der Stadtpolizei Zürich. 1992 wechselte er zur Medienstelle, wo er ab 2003 für ein Jahr interimistischer Leiter war. Nach einer internen Reorganisation wurde Cortesi 2007 Chef der externen Kommunikation.

Cortesis Nachfolgerin wird Judith Hödl. Die ausgebildete Polizistin ist seit 28 Jahren bei der Stadtpolizei Zürich, seit 2003 beim Mediendienst. Hödl ist ausserdem eidg. dipl. PR-Fachfrau und absolvierte Weiterbildungen in «Rhetorik und Moderation» am MAZ Luzern und in «Leadership» an der ZHAW.



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