Online-Geschäftsberichte sind nicht aufzuhalten. Philip Meier, CEO von schneitermeier, setzt nun vor allem auf die digitale Form. Die Agentur an der Zürcher Rämistrasse gestaltet und erstellt seit vielen Jahren Geschäftsberichte, die immer wieder mit Preisen honoriert wurden.
Herr Meier, schneitermeier setzt seit vielen Jahren höchste Standards in der Entwicklung von Geschäftsberichten. Nachdem Sie lange auf Papier geschworen haben, setzen Sie nun im grossen Stil auf Online. Ist das nicht ein Verrat an Print? Warum dieser radikale Schwenker?
Philip Meier: Weil sich die Welt radikal verändert hat! Die Digitalisierung hat längst jeden Lebensbereich erfasst und durchdringt ebenso jede Ecke eines Unternehmens. Mit unserem Kunden Geberit zusammen haben wir schon früh erkannt, dass es nur eine Frage der Zeit sein wird, bis sich auch der Jahresbericht vollständig ins Netz verlagert.
Eine erste Antwort haben Sie bereits mit dem Geberit-Geschäftsbericht 2011 gegeben. Bereits 2011 hiess es bei Ihnen "online first", und dieses Jahr konnten Sie mit Ihrem Werk bei "Best of Corporate Publishing", des wichtigsten Branchenwettbewerbs im deutschsprachigen Raum, gleich Gold gewinnen. Was zeichnet Ihre Arbeit aus?
Unser flexibler Online-Offline-Ansatz, mit dem wir präzise auf die unterschiedlichsten Leserbedürfnisse eingehen können! In der alten Welt war der Jahresbericht die Königsdisziplin in der Unternehmenspublizistik. Die Realisierung war für uns alle aber auch die grösste Herausforderung, da unterschiedlichste Anspruchsgruppen unter einen Hut gebracht werden mussten. Gross- und Kleinaktionäre, Analysten und Medien, Mitarbeitende und so weiter , deren Ansprüche an Inhalt und Form teilweise weit auseinander liegen. Das Resultat mündete fast zwangsweise in ein "Telefonbuch", das kaum mehr zu lesen und kaum mehr zu verstehen war. Ein Unding!
Ist dies nicht ein bisschen gar pessimistisch?
Nein, überhaupt nicht. Diese Zeiten sind nun vorbei. Online können alle Adressaten mit dem bedient werden, was sie wirklich lesen, sehen und hören wollen. Alles bloss eine Frage der richtigen Navigation! Parallel zur Online-Welt können wir Spezialwünsche offline erfüllen wie beispielsweise mit einer gedruckten Kurzübersicht für die Aktionäre an der Generalversammlung. Mit unserem Ansatz gehören die "Telefonbücher" definitiv der Vergangenheit an.
Ist die neue Welt wirklich flexibler und kostengünstiger?
Über die Zeit gesehen ist das keine Frage. Grosse Kostenblöcke wie Lithographie, Papier, Druck und Versand fallen weg. Bedeutend ist die Einsparung auch im Finanzteil des Geschäftsberichts: Sie können das Rechnungslegungsprogramm des betreffenden Unternehmens direkt an den Finanzteil des Geschäftsberichts koppeln. Damit fallen die aufwendige Übertragung der Zahlen weg sowie die teuren Korrekturrunden. Weiter schliesst die automatische Datenübertragung menschliche Fehlerquellen aus. Dem deutlich geringeren Aufwand stehen zumindest in der Anfangsphase jedoch Investitionen in den Aufbau der Plattform sowie in audiovisuelle und interaktive Beiträge gegenüber. Wenn man aber bedenkt, dass sich reine Printkonzepte jeweils nach drei Jahren überlebt haben, so sind Online-Lösungen klar nachhaltiger, da sie sich flexibel an neue Bedürfnisse anpassen lassen.
Keine Vorteile ohne Nachteile?
Wir sehen keine. Es stimmt insbesondere nicht, was man immer wieder aus dem Management zu hören bekommt, dass die Aktionäre etwas Schriftliches in den Händen halten wollen. Bei Geberit hat man den Test gemacht. Es waren bloss eine Handvoll Aktionäre, welche das Angebot von Printouts nachgefragt hat.
Wie steht es aber mit dem Verlust der viel beschworenen Visitenkarte, welche ein gedruckter Geschäftsbericht immer auch ist?
Ich teile Ihre Bedenken, wenn die Online-Strategie nur unter dem Aspekt von Kosteneinsparungen gesehen wird. Viele der heutigen Online-Geschäftsberichte verdienen diesen Namen nicht wirklich. Sie sind printmässig aufgebaut und werden zum Beispiel als simple PDFs zum Herunterladen ins Netz gestellt. Solche Produkte schöpfen weder Möglichkeiten der Technologie noch des Medium aus. Sie bleiben im Stadium eines Gebastels.
Wie gehen Sie vor, wenn Sie einen Online-Bericht in Angriff nehmen?
schneitermeier denkt in den gleichen Kategorien wie ein journalistisch gemachtes Onlinemedium. Eine Huffington Post ist uns inzwischen deutlich näher als ein klassischer Geschäftsbericht, wie wir ihn noch vor ein paar Jahren propagiert und erstellt haben. Wir suchen zusammen mit unseren Auftragsgebern nach spannenden Inhalten und inszenieren sie nach den technischen und journalistischen Möglichkeiten des Netzes. Sie können damit nicht nur eine Visitenkarte abgeben, sondern so viele Anspruchsgruppen ansprechen, wie Sie spezifisch bedienen wollen. Wir machen die Firmenwelt für jeden einzelnen erlebbar.
Wird sie auch verständlicher?
Davon bin ich überzeugt. Nehmen Sie die Sprache. Online verlangt eine direktere, einfachere Sprache, ohne an Präzision verlieren zu müssen. Oder die Bildwelten. Sie können vielfältiger und darum informativer sein. Videos, seien sie aus der Chefetage oder aus der Belegschaft, wirken in die gleiche Richtung. Filme zu CSR-Themen können geradezu aufklärenden Charakter haben. Grafiken gewinnen, indem man sie interaktiv machen kann. Online schafft nicht nur ein besseres Verständnis, sondern auch mehr Transparenz.
Wie sieht ein Package aus, das die Bezeichnung state-of-the-art verdient?
Das Primat liegt klar auf dem Online-Geschäftsbericht. Er ist sowohl ein Imagetool als auch ein vielfältiges Arbeitsinstrument, das aus verschiedenen Ebenen besteht wie beispielsweise die Ebenen Berichtsteil, Finanzteil und Nachhaltigkeit. Weiter gehört ein Download-Center dazu, das unter anderem Grafiken und audiovisuelle Beiträge enthalten kann. Dazu kommen, wie erwähnt, auf bestimmte Zielgruppen abgestimmte Printprodukte. Wir offerieren eine durch und durch multimediale Welt. Der Nutzer ist frei, auszuwählen, was ihn interessiert. Selbstverständlich wird heute ein Online-Geschäftsbericht im Responsive Design aufgebaut, sodass die Leser eine perfekte Darstellung, sei es auf ihrem Computer, dem Tablet oder dem Mobiltelefon, erhalten.
Obwohl die Vorteile auf der Hand liegen, zögern manche Unternehmen, den Schritt in die Online-Welt konsequent zu vollziehen. Woran liegt das?
Man sieht die Vorteile noch zu wenig klar und hält sich an das vermeintlich Bewährte. Auch ist man sich noch viel zu wenig bewusst, welches die wirklichen Bedürfnisse und Wünsche der verschiedenen Anspruchsgruppen sind. Dabei eröffnen sich gerade im Online-Bereich viele Möglichkeiten, das Verhalten der Nutzer zu messen, mit ihnen in einen Dialog zu treten und auf ihre Wünsche zu reagieren. Doch oftmals getrauen sich die Kommunikationsverantwortlichen ganz einfach noch nicht, ihren Chefs neue Lösungen vorzuschlagen – frei nach dem Motto "Warum unnötige Risiken eingehen, wenn es auch so geht." Doch die Entwicklung ist nicht aufzuhalten.
Print verlangt entsprechend des Drucktermins, dass alles auf diesen Zeitpunkt hin bereit sein muss, bei Online ist man flexibler. Ein weiterer Vorteil?
Für den Inhalt und die Veröffentlichung gibt es klare regulatorische Vorgaben, die einzuhalten sind. Auch wenn man mit dem Online-Geschäftsbericht in der Erstellung deutlich flexibler ist, bleiben die offiziellen Termine absolut heilig. Um das sicherzustellen, braucht es ein exakt arbeitendes und zuverlässiges Team von Spezialisten. Dies garantieren wir unseren Kunden.
Welche weiteren Stärken braucht es auf Agenturseite, um einen Online-Geschäftsbericht zu erstellen?
Wir verstehen uns als Generalunternehmer und denken integriert. Dazu brauchen Sie Fachkräfte, welche die audiovisuelle Welt nicht nur theoretisch kennen, sondern sie auch praktisch leben. Für spezifische technische Fähigkeiten wie Programmierung greifen wir auf unser Netzwerk zurück, das wir bewusst pflegen und laufend ausbauen.
Die Geschäftsberichte von schneitermeier zeichnen sich traditionell durch eine besondere Ästhetik aus wie Klarheit in der Form, Typographie, Einsatz und Auswahl des Bildes, der Farbe und so fort. Können diese Vorzüge auch Online ausgespielt werden?
Absolut! Auch online steht inhaltliche Übersicht zu oberst. Gags ohne Funktion gibt es bei uns auch in der neuen Welt nicht. Die besten technischen Möglichkeiten nützen wenig, wenn die Inhalte nicht gelesen und verstanden werden.
Interview: Matthias Ackeret

