22.06.2004

"SFV-Kommunikationschef Pierre Benoit war völlig überfordert"

Die Affäre um den Schweizer Nati-Spieler Alex Frei, der im Match gegen England seinen Gegner Steven Gerrard anspuckte, zieht immer weitere Kreise: Tangiert sind inzwischen auch der Schweizer Fussballverband SFV und das Schweizer Fernsehen DRS. Mit den Ingredienzen Lügen, Glaubwürdigkeit und Interview-Boykott spielt Kommunikation dabei eine wichtige Rolle. Wie beurteilt ein PR-Profi die Situation? "persoenlich.com" hat mit Berater Sacha Wigdorovits* (Bild) gesprochen, der die Geschichte in Portugal als Fussball-Aficionado aus der Nähe miterlebte. Das Interview:

Der Fussballer Alex Frei spuckte den Briten Steven Gerrard an, leugnete dies aber. Was hätten Sie ihm als Kommunikationsberater empfohlen?

Ich hätte ihm geraten, zu seinem Fehler zu stehen und sich zu entschuldigen.

Und was hätte der Schweizer Fussball-Verband tun müssen?

Das gleiche: sofort dazu stehen. Grundsätzlich ist Abstreiten ja der meist gemachte Fehler von Politikern, Unternehmensführern und Verbands-Oberen. Dabei hängt die Glaubwürdigkeit eines jeden sehr davon ab, dass er Fehler zuzugeben bereit ist -- nur darf man halt nicht zu viele begehen. Pragmatisch gesehen ist Lügen sowieso zwecklos, weil es irgendwann auffliegt.

An Ajax-Spieler Frank Rijkaard und an Ex-Bundesrichter Martin Schubarth haftet das Image des "Spuckers". Was kann Alex Frei vor diesem Etikett bewahren?

Die Fälle sind nicht vergleichbar. Im Vordergrund steht hier, dass Frei gelogen hat. Natürlich will ich sein Spucken nicht rechtfertigen, aber der Bursche ist erst 24 und hat sich voll für die Mannschaft engagiert. Da kann man seine Emotionen zumindest verstehen. Wichtig wäre jetzt aber, dass Alex Frei den Sachverhalt sofort klärt -- insbesondere, wie sehr der Verband von seinem Fehler gewusst hat und inwiefern Frei aufgefordert wurde, den Fehler abzustreiten. Es gibt Indizien, die dafür sprechen. Eine umgehende Klärung ist im Interesse der Spieler, des Sports und der Öffentlichkeit.

Und wenn Frei nichts tut? Wie gross schätzen Sie seinen Image-Schaden als Werbeträger ein?

Wir leben in einer Zeit, in der man schnell vergisst -- vor allem, wenn Frei hoffentlich bald wieder viele Tore schiesst... Zumal jetzt mehr die Frage interessiert, ob sich der Verband richtig verhalten hat. Bisher hinterliessen der SFV und sein Präsident Ralph Zloczower mit ihrer Kommunikation jedenfalls einen schlechten Eindruck und warfen mehr Fragen auf, als sie beantworteten. Kommunikationschef Pierre Benoit war völlig überfordert.

Dem SFV droht ein Glaubwürdigkeitsproblem, sollte er Frei -- wie von SF-DRS-Sportchef Urs Leutert behauptet -- tatsächlich zum Lügen angehalten haben. Wie muss der Verband jetzt vorgehen?

Wenn es sich wirklich so verhält, wird die SFV-Spitze geschlossen zurücktreten müssen. Sonst hat der Fussballverband im eigenen Land, aber auch gegenüber der Uefa, ein gravierendes Glaubwürdigkeitsproblem. Das wäre gerade im Hinblick auf die Fussball-Europameisterschaft 2008, die ja in Österreich und der Schweiz ausgetragen wird, sehr schädlich. Der Verband wäre gut beraten, von sich aus eine unabhängige Kommission einzusetzen, die den Fall und ein mögliches Fehlverhalten der Verbandsfunktionäre untersucht und die Resultate dann auch ungeschminkt veröffentlicht.

Die unmittelbare Antwort des SFV bestand in einem Interview-Boykott gegenüber dem "untreuen" Medienpartner SRG. Wie beurteilen Sie diese Reaktion?

Eine solche Reaktion ist absolut inakzeptabel! Sie nährt den Verdacht, dass der Verband davon wusste und das Ganze unter dem Deckel behalten wollte. Sonst hätte er nicht so reagiert. Das Fernsehen hat einen klaren journalistischen Auftrag. Diesen muss es auch wahrnehmen können, wenn es mit dem SFV zusammenarbeitet -- und es hat dies auch getan.

Das Schweizer Fernsehen DRS wird an Stammtischen bereits als Verräter bezeichnet. Was müsste SF DRS jetzt kommunikativ unternehmen?

Es sind nicht nur die Stammtische, die darüber entscheiden, was richtig ist. Bei kritischer Medienberichterstattung kommt es oft vor, dass man die Feuermelder plötzlich zu Brandstiftern macht. Aber es war nicht das Fernsehen, das gespuckt hat -- und es war nicht das Fernsehen, das versuchte, die Wahrheit unter dem Deckel zu behalten, um den Konsequenzen zu entgegen. Jetzt ist es auch die Aufgabe der Printmedien von Blick über Tages-Anzeiger zur NZZ, Licht ins Dunkel zu bringen.

(Interview: Alain Egli).

* Zur Person:



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