09.09.2015

Beatrice Müller

«Wer sagt einem CEO, dass seine Rede unverständlich war?»

Die frühere Tagesschau-Moderatorin über ihr erstes Buch und gelungene Auftritte.
Beatrice Müller: «Wer sagt einem CEO, dass seine Rede unverständlich war?»
(Bild: Günter Bolzern)

Frau Müller, gerade ist Ihr erstes Buch erschienen. «Gut gebrüllt, Löwe», heisst es. Weshalb der Titel?
Erinnern Sie sich an den Schauspieler, der als Löwe verkleidet in Shakespeares Sommernachtstraum die Bühne betritt? «Well roared, lion!», ruft ihm das Publikum zu und klatscht. Es bejubelt einen schlechten Schauspieler im Löwenkostüm. Diese Szene hat viel mit dem Alltag gemein: Wer sagt schon einem Top-Politiker oder einem CEO, dass seine Rede absolut unverständlich war? Leute, die hierarchisch ganz oben stehen, kritisiert man nicht. So sprechen sie denn weiter – man versteht sie nicht. Und alle klatschen…

Im Buch geben Sie Tipps für ein überzeugendes Erscheinen. Welches ist das wichtigste Kriterium für einen gelungenen Auftritt?
Wenn das Publikum genau die Botschaft mit nach Hause nimmt, die man mitteilen wollte. Dann ist der Auftritt geglückt. Doch im Alltag siehts anders aus: ich erschrecke oft, wie viele Persönlichkeiten, die im öffentlichen Leben stehen, sich keine Gedanken über ihre Auftritte machen. Wie funktionieren die Medien, was ist eine Kernaussage, wie hält man seine Rede, wie verhält man sich vor der Kamera und dem Mikrofon und wie bereitet man sich auf ein Streitgespräch vor? Grosses Staunen. Und wenn dann die Medien kommen, sind viele überfordert.

Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Viele haben nicht begriffen, wie wichtig in der heutigen mediatisierten Welt gekonnte Auftritte sind. Die Medien sind fordernder geworden, die politischen Parteien schlachten Fehler und dilettantisches Auftreten unverschämt aus. Richtiges und schnelles Reagieren auf Ausnahmesituationen ist heute Pflicht. Doch richtig und schnell reagieren kann nur, wer geschult ist. Wenn die Krise da ist, ist jede Schulung zu spät. Mein Rat lautet ganz klar: Schule dich in der Zeit, so profitierst du in der Not.

Sie haben vor rund zweieinhalb Jahren eine eigene Kommunikationsagentur gegründet. Wie ergeht es Ihnen in der Selbstständigkeit?
Ich bin äusserst zufrieden, dass der Schritt in die Selbstständigkeit geglückt ist. Während meiner Zeit als Journalistin und Moderatorin habe ich zuvor hunderte Politiker, Wirtschaftsvertreter und andere Leute des öffentlichen Lebens interviewt, begleitet und betreut. Ich kenne ihre Stärken und Schwächen, ihre Ängste und ihr Lampenfieber. Und genau da hake ich nun ein: Ich gebe all meine reichen Erfahrungen, die ich in diesen Jahren gemacht habe, weiter.

Was waren die grössten Herausforderungen?
Im Gespräch versuche ich immer, als Erstes meinen Ansatz klarzumachen. Denn oft höre ich: Ich brauche kein Training, ich trete ja nie im Fernsehen auf, und Reden halte ich auch keine. Moment mal. Plötzlich stehen Behörden, Schulpflegen, Lehrerinnen und Lehrer und viele «einfache Leute» im Rampenlicht. Jäh bricht ein Shitstorm über Sie herein. Sie müssen auftreten, sich hinstellen, sich erklären, sich rechtfertigen, obschon das nur die Wenigsten von ihnen gelernt haben. Es erstaunt immer wieder, wie viele gut gebildete Leute in hohen Positionen sich schlecht ausdrücken können. Viele überschätzen ihr rhetorisches Talent. Viele sagen sich: Ich kann das schon, ich habe ja 20 Jahre Erfahrung. Man kann auch 20 Jahre lang etwas falsch machen.

Zuvor waren Sie 25 Jahre als Reporterin, Redaktorin und Moderatorin beim SRF tätig. Wie haben Sie den «Seitenwechsel» erlebt?
Ich hatte eine tolle Zeit beim Radio und beim Fernsehen, und ich hatte das Privileg, die Hauptausgabe der Tagesschau moderieren zu dürfen. Ich denke oft mit viel Nostalgie an diese gute Zeit zurück. Doch ich habe den richtigen Zeitpunkt zum Absprung erwischt. Ich sagte mir: Gehe dann, wenn alles am besten ist, gehe dann, wenn du mit erhobenem Haupt gehen kannst. Meine neue Arbeit befriedigt mich genau so. Sie bringt mich in neue Welten und mit neuen, sehr interessanten und weltoffenen Leuten zusammen. Ich lerne in den Trainings, die ja meist diskret ablaufen, Persönlichkeiten von ganz anderen Seiten kennen. In meinem Herzen bin und bleibe ich jedoch Journalistin. Mit meiner neuen Tätigkeit möchte ich in erster Linie einen Beitrag zur besseren Kommunikation leisten. Kommunikationsfähigkeit ist letztlich die Basis für eine gut funktionierende Gesellschaft.

Jetzt betrachten Sie die Medienbranche von Aussen und geben Tipps. Wie haben sich die Anforderungen verändert?
Wer heute nicht kommunizieren und sich nicht in Szene setzen kann, den gibt es nicht. Das beginnt schon in der Uni. Um in der heutigen turbulenten Zeit bestehen zu können, reichen Diplome, Doktortitel und gute Referenzen längst nicht mehr. Mehr denn je muss man sich ‹verkaufen› können. Stille Schaffer haben es schwer. Was nützt es, gute Arbeit zu leisten, wenn es niemand erfährt?


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