TV-Kritik

Schöne Weihnachten mit Amazon

Das Einkaufsverhalten hat sich bekanntlich massiv verändert. Immer mehr Menschen shoppen am Computer. Schnell, und möglichst billig. Allein in der Schweiz versenden Online-Grosshändler wie Amazon und Zalando täglich Zehntausende Pakete: Kleider, Elektronik, Spielzeug, Bücher. Umsatz hierzulande: rund eine Milliarde Franken. Wenn manche Heavy User oder gar Kaufsüchtige heutzutage ihre Kontoauszüge prüfen, glauben sie womöglich, dass sie ständig so ein Hilfswerk im Amazon unterstützen.

In Deutschland kaufen über 50 Millionen Menschen online. Die meisten tun das beim US-Internetriesen Amazon. Das Unternehmen wurde 1994 von Jeff Bezzos (54) gegründet. Mit einem geschätzten Vermögen von 100 Milliarden Dollar ist er der reichste Mann des Planeten. Als grösster Onlinehändler der Welt ist Amazon heute mit fast 500 Milliarden Dollar bewertet. Kein zweites Unternehmen weiss dank seiner expliziten und impliziten Datensammlung so viel über seine Kunden.

Für die Kundenzufriedenheit tun Konzerne wie Amazon und Zalando alles. Und was ist mit der Mitarbeiterzufriedenheit? Mit dem Internethandel boomen auch die Umsätze der Kurier-, Express- und Paketdienstleister. 250’000 Menschen arbeiten in der Schweiz inzwischen in der Transport- und Logistikbranche. Der neue Gewerkschaftsverbund Fairlog kritisiert, dass einzelne weltweite Handelsplattformen zunehmend ganze Logistikketten kontrollieren und damit die Arbeitsbedingungen verschlechtern. SEV-Präsident Giorgio Tuti in der «Tagesschau» vom Mittwoch: «Löhne unter 4000 Franken sind an der Tagesordnung. Im Tessin werden Löhne um 2500 Franken bezahlt.» Arbeitgeber bestreiten das. Und: Ein von den Gewerkschaften geforderter Stundenlohn von 22 Franken liegt für sie keinesfalls drin.

ARD und ZDF haben in den letzten Wochen in verschiedenen vielbeachteten und teils wirkungsvollen Sendungen über unzumutbare Arbeitsbedingungen bei Subunternehmen der Paketzulieferer berichtet. WDR-Rechercheure fanden in der gnadenlosen Branche Menschen mit weniger als sechs Euro Stundenlohn. Inzwischen ermitteln Staatsanwaltschaften.

Ich kaufe ausschliesslich in den Läden. Vielleicht denken Sie auch kurz mal an die ächzenden Zusteller, wenn Sie in den nächsten Tagen online bestellte Päckli öffnen. Viel besser: Geben Sie den Leuten bei der nächsten Lieferung ein schönes Trinkgeld.

Frohe Weihnachten!


René Hildbrand
René Hildbrand ist Journalist, langjähriger Fernsehkritiker und Buchautor. Während 27 Jahren war er für «Blick» tätig, danach Chefredaktor von «TV-Star».

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