TV-Kritik

SRF vergibt Chance am Vorabend

In Bälde kommt das SRF-Vorabendprogramm aufgemöbelt daher. Die frühe «Tagesschau» startet bereits um 17.45 Uhr und bringt neu ein «Interview zum Tag». Danach folgt eine erweiterte Ausgabe von «Meteo» und um 18.05 Uhr die Reihe «Mini Schwiiz, dini Schwiiz». Aus dem abgenutzten People-Magazin «Glanz & Gloria» wird das «ernsthaftere» Format «Gesichter und Geschichten» – ab 18.30 Uhr (persoenlich.com berichtete). Wenn SRF am Vorabend mehr Zuschauer erreichen möchte, hätte es besser bei ARD und ZDF abgeguckt.

In der ARD läuft nach der 17-Uhr-Tagesschau das erfolgreiche Boulevard-Magazin «Brisant», im ZDF dessen Konkurrenzsendung «Hallo Deutschland». Schauen wir uns «Brisant» näher an. Das bunte Magazin ist dieses Jahr 25-jährig geworden und längst eine feste Grösse im ARD-Programm. Es läuft Montag bis Samstag und erreicht an Spitzentagen bis zu drei Millionen Zuschauer. «Brisant» berichtet über Entwicklungen in der Gesellschaft, über Promis, Trends, Kultur, Mode, Blau- und Rotlichtereignisse, Gerichtsurteile, Festivals, Filmpremieren, spannende Ausstellungen, Royals, Skurriles und vieles mehr. Viele Geschichten sind bewegend, auf alle Fälle meist dicht an der Lebenswelt der Zuschauer. Für Storys aus dem Ausland setzt die Redaktion oft ARD-Korrespondenten ein. Diese sind sich nicht zu schade, auch mal Beiträge für ein Boulevard-Magazin zu realisieren.

Wie bei SRF gibt es auch bei der ARD reichlich Bedenkenträger. WDR-Intendant Tom Buhrow (früherer Washington-Korrespondent und «Tagesthemen»-Anchor) sagte zum «Brisant»-Jubiläum: «Ich weiss noch genau, wie Kollegen vom harten Informationsgeschäft so richtig skeptisch waren: ‹Oh, ist das auch seriös und passt das in die ARD-Markenwelt hinein.› Aber ‹Brisant› hat sich behauptet, und das ist gut!»

Was hätte SRF von der ARD abschauen können, um am Vorabend Zuschauer zurückzugewinnen? Beginnen wir im Programm um 17.30 Uhr. Den Kindern wollen wir nichts wegnehmen, aber das wenig beachtete, verstaubte «Guetnachtgschichtli» müsste seit Jahren erneuert werden. Die meisten Knirpse lassen sich von Sendungen auf ausländischen Kanälen unterhalten. Das quotenarme rätoromanische «Telesguard» ab 17.40 Uhr, produziert für 0,48 Prozent der Schweizer Wohnbevölkerung, gehörte schon sehr lange ins zweite Programm.

Nach der kurzen Kindersendung um 17.40 Uhr könnte, leicht verkürzt, eine Reihe wie «Mini Schwiiz, dini Schwiiz» Platz finden. Ab 18.05 bis 18.55 Uhr wäre ein kleines Feuerwerk angebracht. Mit einem Boulevard-Magazin à la «Brisant» – und mit ähnlichen Themen. Dazu gehören unter anderem auch schwere Unfälle, Verbrechen oder Gerichtsurteile, über die heute «Schweiz aktuell» berichtet. Dieser Nachrichtensendung bleibt genügend Stoff aus den Kantonen und Regionen.

Ein letztes Wort zu «Brisant». Das Erfolgsmagazin wird vom Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) produziert. Ja, das ist der Sender, bei dem die heutige SRF-Chefin Nathalie Wappler vor ihrer Rückkehr an den Leutschenbach als Programmdirektorin amtete.


René Hildbrand
René Hildbrand ist Journalist, langjähriger Fernsehkritiker und Buchautor. Während 27 Jahren war er für «Blick» tätig, danach Chefredaktor von «TV-Star».

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Kommentare

  • Istvan Nagy, 08.11.2019 12:32 Uhr
    Ach, waren das noch schöne Zeiten, als im Schweizer Fernsehen im Vorabendprogramm mit "Karussell" (1977 - 1988) eine für die damalige Zeit unterhaltsame und attraktive Sendung produziert wurde.
  • Ursula Frei, 13.11.2019 12:27 Uhr
    Als alter Peter-Schellenberg-Spezi – der hatte als erste Amtshandlung Karussell abgeschafft – vermeidet es René Hildbrand natürlich tunlichst, diese erfolgreiche Vorabendsendung zu erwähnen.
  • Markus Siegenthaler, 26.11.2019 00:10 Uhr
    Ja das stimme ich voll zu! Schade macht SRF nicht mehr daraus.
Zum Seitenanfang20191212