TV-Kritik

War Michael Jackson ein pädophiles Monster?

Zehn Jahre nach dem Tod von Michael Jackson erschüttert ein vierstündiger Dokumentarfilm Millionen von Menschen auf der ganzen Welt. Zwei mutmassliche Opfer behaupten, sie seien als Knaben vom King Of Pop über Jahre schwerstens sexuell missbraucht worden. Sie schildern das ausführlich und schrecklich detailliert. Als «Leaving Neverland» Ende Januar bei einem Filmfestival in Utah erstmals gezeigt wurde, verliessen viele Besucher den Kinosaal. Sie haben den Dokumentarfilm mit den verstörenden Augenzeugenberichten nicht ausgehalten.

James Safechuck (40) und Wade Robson (36) berichten von ihren Jahren mit Michael Jackson. Oralsex habe auf der Neverland-Ranch, aber auch in Hotels und anderen Häusern des Popkönigs zum Alltag gehört. Robson beschreibt im Film unter anderem, wie er nachts auf allen vieren auf eine Peter-Pan-Figur aus Pappe starrte, während Jackson masturbiert habe. Gemeinsames Duschen soll Routine gewesen sein und in Jacksons Zimmer sei es immer wieder zu sexuellen Spielen gekommen. Schwer nachzuvollziehen: Safechuck empfindet noch heute Zuneigung für Jackson und sucht die Schuld bei sich. Robson sagt, dass Jackson ansonsten der liebevollste und gütigste Mensch gewesen sein, den er kannte. Auch die Angehörigen der beiden Männer kommen im Film immer wieder zu Wort. Nicht aber Vertraute des Sängers, was zu heftiger Kritik führte.

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1993 und 2005 musste sich Jackson wegen Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs vor Gericht verantworten– und wurde freigesprochen. Safechuck und Robson gaben damals an, dass sich der Popstar nie an ihnen vergangen habe. Im Dokumentarfilm erklären die beiden jetzt, dass Jackson sie massiv unter Druck gesetzt, manipuliert und zu den Falschaussagen gezwungen habe.

Der Film von Regisseur Dan Reed bietet mehr Fragen als Antworten. Neue Beweise liefert er nicht. Die Familie von Michael Jackson hat den Produzenten, den amerikanischen Bezahlsender HBO, auf 100 Millionen Franken verklagt. Journalistinnen und Journalisten, die Dokumentation gesehen haben, halten die Opfer für glaubwürdig. «Die Zeit» schreibt: «Nach vier Stunden, wenn der Film zu Ende ist, ist es fast unmöglich, sich nicht betroffen zu fühlen, so kraftvoll und belastend sind die Berichte, die der Regisseur vorlegt.» Und im «Spiegel» war darüber zu lesen: «‹Leaving Neverland› ist die Geschichte eines labilen Egomanen, der sich in einer Kinderrolle inszeniert, die in keinem Verhältnis zu seinem Einfluss und Alter steht; der in dieser Rolle jungen Kindern Sex als Liebesbeweis verkauft; der seinen Opfern Geheimhaltung einschärft; der sie, sobald sie die Pubertät erreichen, gegen neue, jüngere austauscht. Und der sich einen Dreck darum schert, dass er Familien bezirzt, auseinanderreisst, benutzt, wegwirft.»

«Variety» beschreibt den Film als überwältigend, kraftvoll und mächtiger als alles, was man bislang zu diesem Thema gesehen und gehört habe. «Keine heisse Dusche der Welt reicht aus, um das Gefühl loszuwerden, nachdem ich das gesehen habe», schrieb ein Reporter von «Rolling Stone». «Erschreckend und unvergesslich» ist die Dokumentation für «The New Yorker». Das Magazin kommt zum Schluss: «Opfern sollte man glauben– und für Beschuldigte gilt die Unschuldsvermutung.»

Am späten Samstagabend bis in die frühen Morgenstunden wird «Leaving Neverland» auf SRF 2 gezeigt. Dazu gibt es eine Webfirst-Ausstrahlung des «Club». Dieser wird auch auf seinem regulären Sendeplatz am Dienstag, 9. April, ausgestrahlt (persoenlich.com berichtete). Auf ProSieben läuft der Dokumentarfilm «Leaving Neverland» am Samstag bereits ab 20.15 Uhr.


René Hildbrand
René Hildbrand ist Journalist, langjähriger Fernsehkritiker und Buchautor. Während 27 Jahren war er für «Blick» tätig, danach Chefredaktor von «TV-Star».

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Kommentare

  • Claude Chatelain, 08.04.2019 11:23 Uhr
    Anfangs der Neunziger Jahre lebte ich in den USA. Am Party-Talk zu Jackson und «seinen» Kindern wunderten wir uns damals nicht so sehr über Jackscon, sondern über die Eltern, die ihre Kinder diesem Mann anvertrauten.
  • Ravena Frommelt, 08.04.2019 15:06 Uhr
    "Schwer nachzuvollziehen: Safechuck empfindet noch heute Zuneigung für Jackson und sucht die Schuld bei sich." — Nein, schwer nachzuvollziehen ist das nicht. Das ist das sogenannte Stockholm-Syndrom, bei dem Opfer Zuneigung für ihre Peiniger entwickeln — Überlebensmechanismus.
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