01.03.2001

"Ich habe mich einfach ein wenig blenden lassen"

Ende 1997 gehörte Reinhold Webers W,H,S, zu den führenden Agenturen in der Schweiz. Weber wollte noch höher hinaus. Mit Neugründungen in Berlin und in Wien plante er die Erschliessung des gesamten deutschsprachigen Raums. Berlin aber wurde im Zusammenhang mit dem New-Economy-Crash beinahe zu seinem Waterloo. Was in Berlin passiert ist und wie es weitergehen soll, sagt Reini Weber (Bild) im grossen Interview im "persönlich", das am Dienstag erscheint. "persoenlich.com" bringt heute bereits einen Auszug.
"Ich habe mich einfach ein wenig blenden lassen"

Sie waren zweimal Werber des Jahres, es regnete Medaillen und Auszeichnungen, Sie hatten Erfolg, eine Riesenagentur, und jetzt haben Sie ziemlich eins über den Schädel gekriegt.

Richtig, dafür sind die Schädel ja da.

Wie gehen Sie damit um?

Ich bin nicht zum einsamen Waldspaziergänger geworden. Ich ging auch nicht in die Bar und stürzte ab. Das kannst du nicht mit einer Familie. Und willst es auch nicht. Ich ging auch nicht zum Psychiater. Ich schaute öfters in die Glotze, "Streit um drei" ist ganz grosse Klasse.

War das nicht sehr schwierig, gegen aussen nach wie vor als Sieger aufzutreten und gleichzeitig im Hinterkopf zu wissen, Shit, ich habe einen Riesenmist am Hals?

Das ist sicher das Schwierigste überhaupt in einer solchen Situation. Du musst Umsatz machen, Gas geben, bist aber nicht mehr der Optimist, der sagt, es wird alles klappen. Denn gleichzeitig musst du schon das Szenario einleiten zum Hinunter- und Zusammenfahren. Also einerseits Euphorie ausstrahlen, die Leute begeistern, anderseits musst du pessimistisch denken und eiskalt handeln – schrecklich!

Wie gehen Sie damit um, wenn der bekannte Branchenklatsch losgetreten wird, wenn es heisst, hä, der Reini Weber, wir haben es doch immer gewusst...

Ich kann nicht behaupten, die Branche sei mir völlig egal. Aber ich war schon in den guten Zeiten nicht immer der Beliebteste in der Branche. Es waren immer wieder die wildesten Storys zu hören bis hin zur Frage, ob ich schwul sei. Ich habe gedacht, ach, schnorrt doch, was ihr wollt.

Bei WHS gehen viele Leute weg, auch Urs Läubli. Wie ersetzen Sie diese Leute?

Gar nicht. Das heisst, jetzt kommt Ralph Hermann. Die Lösung mit zwei Verantwortlichen, also mit Urs Läubli und Yvonne Hodel, machte Sinn, als wir das Smart-Budget noch hatten. Statt zwei werden wir mit Hermann einen Verantwortlichen haben, der mit mir zusammen und dem Finanzchef die Seeagentur leitet.

Stimmt es, dass Sie den Leuten zwar volle Verantwortung geben und sie selbstständig agieren lassen, anderseits aber doch immer wollen, dass alles über Ihren Tisch läuft?

Es läuft nicht alles über meinen Tisch. Aber es wird nicht mehr passieren, dass vier Texter blödsinnig viel verdienen und blödsinnig wenig können. Es kommt nicht mehr vor, dass fünf Krea-Teams da sind und nur zwei Beratungsteams. Es kommt nicht mehr vor, dass der Kunde vornehmlich in zu langen Besprechungsberichten eine Rolle spielt. Und es kommt auch nicht mehr vor, dass einer keine Kommas setzen kann.



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