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25 Tage in Quarantäne – es geht

Manfred Klemann

Mein Name ist Manfred Klemann, ich bin Verleger, wohne in Stein am Rhein und bin unter anderem auch Minderheitsaktionär der persönlich Verlags AG, die ja bekanntlich meinem Freund Matthias Ackeret gehört. Da ich auch 20 Prozent der Aktien der erfolgreichen Schweizer Filmfirma C-Films halte, war ich Ende Februar auf der Berlinale in Berlin. Und klar, bei so einem Festival kommt man (obwohl ich schon damals sehr vorsichtig war) mit Menschen aus der ganzen Welt zusammen. Damals, jetzt genau 30 Tage her, galten eigentlich nur Menschen aus dem asiatischen Raum bei Begegnungen als abstandspflichtig. Und ich weiss es sekundengenau, dass es mich wie ein Blitz traf, als ich am Samstag, den 22. Februar, am Morgen las, dass in Italien die ersten zwei Menschen an dem Virus verstorben sind.

Warum erschreckte, ja «panikte» es mich? Weil ich (63), aber vor allem meine Lebensgefährtin wegen Vorerkrankungen zu den absolut gefährdeten Personen gehören … «Angst essen Seele auf», wie Kollege Rainer Werner Fassbinder einen Film nannte. Als ich dann am Montag, den 24. Februar, vorzeitig zurückfliegen konnte in meine schöne Wohnung in Stein, war für mich klar: Ich darf meine Freundin (die in Konstanz/Deutschland lebt), aber auch meine Familie auf keinen Fall gefährden. Also verordnete ich mir freiwillige Quarantäne. Gleichzeitig dachte ich, das halte ich höchstens eine Woche aus …

Dann ging es aber, wie wir alle wissen, Schlag auf Schlag. Aus der angedachten einen Woche Zurückgezogenheit, sind es inzwischen vier geworden. In den ersten zehn Tagen ging es mir schrecklich: Da die Umwelt (was ich im Nachhinein natürlich verstehe) mich für absolut unsozial und psychotisch hielt und meine Weigerung, zu sozialen Anlässen zu kommen, für völlig hysterisch, wurde ich auch quasi hysterisch. Ich ging am Anfang nur mit meiner Freundin zwei Stunden in möglichst leere Restaurants und mit Social Distancing essen. Keine weiteren Personen. Eine Ausnahme, die ich heute noch schamvoll bereue: Vor 14 Tagen war ich mit der Familie meiner Söhne in meinem Stammrestaurant in Mammern am Bodensee. In dem zum Glück weiträumigen Hinterzimmer sass gut zehn Meter entfernt ein älteres Paar – der Mann hatte schrecklichen Husten. Ich panikte so, dass meine Kinder und die Familie keine Freude mehr am Essen hatte. Ich bekam keinen Bissen runter. Da 14 Tage rum sind, gehe ich davon, dass sich dieser Leichtsinn bei niemanden von uns gerächt hat.

Seit dem folgenden Montag, den 9. März, habe ich mich dann völlig in meine Wohnung verzogen und lebe seitdem in «Isolation». Und wie geht es mir jetzt nach 25 Tagen mit Angst, Schrecken, Social Distancing und fast stündlich neuen furchtbaren Welt-Nachrichten? Und auch Nachrichten aus dem familiären Umfeld, auf die man gerne verzichtet hätte: Der erste nachgewiesene Fall im deutschen Kreis Konstanz (wo ich meinen Verlag habe) ist ein Lehrer und Nachbar meiner Sohnesfamilie. Die vier Familienangehörigen sind, wo es nun 14 Tage her ist, seit dieser Nachricht offensichtlich ohne Ansteckung. Aber auch sie befinden sich in «freiwilliger» familiärer Quarantäne seit zehn Tagen. Und eine schlechte Nachricht kommt selten allein: Meine persönliche Assistentin, 36 Jahre alt, hatte das Pech, an dem letzten Ischgl-Wochenende, 7. auf 8. März, wo sich wohl Hunderte angesteckt haben, auch dort gewesen zu sein. Zum Glück für meinen eigenen Verlag, hatte ich ab dem 9. März absolutes Homeoffice angeordnet. Dadurch wurden keine weiteren Mitarbeiter, und auch ich nicht, bedroht. Michaela aber wurde an diesem Montag final positiv getestet. Da sie eine junge Frau ist und ohne Vorbelastungen, wird sie die Krankheit besiegen. Leider wird sie vom überlasteten Gesundheitsamt des Landkreises Konstanz so gut wie nicht betreut. Keine Anrufe, keine Ratschläge. Die Ämter sind von diesem schwarzen Schwan absolut überlastet, wie ich bei beiden mir bekannten Fällen sehe.

So, jetzt aber kommt die helle Seite meines Berichts: Nach drei Wochen Psychose und einem Gewichtsverlust von sagenhaften acht Kilo, habe ich seit Montag wieder ins aktive Leben gefunden. Alles von zu Hause, alles mit Telefon und Video und Computer. Ich habe noch nie soviel «gemanagt» wie in den letzten Tagen. Alle meine Beteiligungen und Verlag mussten binnen zwei Tagen in Krisenmodus umgestellt werden. Ich habe mit Freunden und auch entfernteren Bekannten noch nie so viel kommuniziert und gesprochen. Es sind auch Freundschaften schon gebrochen worden, wenn ich gemerkt habe, dass der Andere weiter lebt ohne Rücksicht auf seine Umgebung, also einfach die einfachsten Regeln nicht einhalten will. Und mir vielleicht immer noch Witz-Videos schickt, die ich inzwischen unerträglich finde. Mit solchen Leuten unbedingt brechen: Das sind Gefährder.

Aber die Kommunikationslust und Freundschaft der anderen wird zunehmen, Sie werden es erleben. Wenn die Angstphase, die jeden beschleichen wird, einmal vorbei ist, wird die «Splendid Isolation» zu einer Herausforderung, die ganz neue Seiten in einem weckt: Ich muss ja auch im Haushalt alles selber machen, weil meine Lebensgefährtin, die eine eigene Wohnung in Konstanz bewohnt, auch nicht mehr zu mir darf. Die Grenzer sind da unerbittlich, und das ist richtig.

Ich erlebe mich jetzt als Hausmann, der mit allen Kommunikationsmitteln ausgestattet ist, sich aber täglich mindestens vier Stunden von allen News und Nachrichten entfernt, um erholter denken zu können. Waschen, Kochen, Aufräumen macht mir zum ersten Mal in meinem langen Leben richtig Spass. Denn diese praktischen Tätigkeiten lenken von den Nachrichten draussen grossartig ab. Während ich hier am Freitag, 20. März, am Morgen dies schreibe, hat gerade meine Assistentin angerufen und mir gesagt, es gehe ihr in den Symptomen schon etwas besser. Und ihren auch befallenden Freundinnen, die in Ischgl dabei waren und angesteckt sind (sechs Personen), wohl auch. Das Gesundheitsamt Konstanz betreut sie wohl immer noch nicht (eigentlich sind zwei Anrufe am Tag gesetzlich für Selbst-Quarantäne-Betroffene Pflicht, aber der Beamtenapparat scheint dies nicht hin zu bekommen); aber die Freundinnen sind in ständigem mobilen Kontakt. Und das hilft ihnen.

Und mir hilft jeder Auftrag, jeder Anruf, jede E-Mail, jede Videokonferenz und die Anrufe alle zwei Stunden zu meiner Freundin in Konstanz, und das tägliche Briefing mit meiner Familie in Singen und Bohlingen, die freundschaftlichen Anrufe mit Matthias, mit Oliver Prange, mit Thomas Wilde in Schleching/Bayern, mit Doris List in München und so weiter. Leute, mit denen ich sonst teilweise nur einmal im Vierteljahr telefoniere oder auch getroffen habe, sind jetzt tägliche Begleiter. Und dank an meine wunderbaren Nachbarn Annelise und Dölf, die mit dem Steiner Bäcker befreundet sind und mir täglich frisches Brot vor die Türe legen.

Es werden in diesen Tagen und Wochen Dinge geschehen, die Sie alle sich selbst niemals vorgestellt hätten. Und darunter sind wunderbare Sachen. Bleiben Sie gesund und zu Hause. Gefährden Sie keine anderen Leute durch Dinge, auf die man ohne Weiteres auch mal einige Wochen verzichten kann. Das Böse kennt in diesem Fall weder Verwandte noch Freunde noch Kinder; das Böse kann nur durch soziales Verhalten, und das heisst für einmal «Abstand!», «Abstand!», «Abstand!» besiegt werden. Wo kein neuer Wirt, da kein neuer Fall. Das ist einfach und so schwer zu begreifen. Aber das Böse wird besiegt.



Manfred Klemann ist Serial Entrepreneur und einer der Pioniere des europäischen Internets (wetter.com). Er ist mit 20 Prozent an C-Films beteiligt, welches den «Zwingli»-Film produziert hat. Zudem ist er Miteigentümer des «persönlich»-Verlags.

Unsere Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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Kommentare

  • Oliver Prange, 20.03.2020 14:34 Uhr
    Lieber Mani, danke, dass Du mich erwähnt hast. Merci. Ich bin mir mit dem Du ja wirklich alle Stürme gewöhnt und auch diesen werde ich aushalten. Nächste Woche kommt unser Gesundheitsheft, im Juni eines der besten: über den Zürcher Zoo, die beste Kulturinstitution der Schweiz. Ich bin ein Journalist und werde diesen Job ausüben, so lange es sinnvoll ist.

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