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All I want for XXmas

Inken Rohweder von Trotha

Es gibt Dinge, die ändern sich nicht, und das ist gut so. Landauf, landab brennen die Adventskerzen nach- oder durcheinander angezündet ab, der Lebkuchen schmeckt schon seit Ende September, am 25. fährt man zur Grossi oder woanders hin und hie und da ist man besonders geneigt, sich von Geschichten berühren zu lassen, die den allzu oft von Konsum- und Jahresabschlussstress überlagerten Weihnachtsspirit transportieren.

So wie ich vor einigen Tagen, von der Story einer US-amerikanischen Autorin, zu deren erster Signierstunde nur zwei Leute erschienen waren, trotz einiger Voranmeldungen, und die daraufhin auf Twitter ihrer Enttäuschung Luft machte. Kurz darauf war ihr Debutroman vergriffen, denn Schriftstellerinnen und Schriftsteller wie Margaret Atwood und Stephen King hatten den Tweet kommentiert und ihrerseits von misslungenen Lesungen berichtetet. Das Internet hatte gesprochen und vom Guten erzählt: «There is hope!» Ein schöner Gedanke. Leider habe ich Schwierigkeiten, mir die drei Worte zu merken, was auch daran liegt, dass ich eine Frau bin.

Es gibt Dinge, die ändern sich nicht, und das ist nicht gut so. Wie zum Beispiel das «Frauenthema», egal welches: Frauen in Führungspositionen (wo sind sie), Vereinbarkeit (was ist das), Gender Pay Gap (warum immer Englisch) und so weiter. Neulich sagte jemand in einer Projektbesprechung zu mir, ich könne wohl dennoch kaum in Betracht ziehen, heutzutage noch irgendwas mit «Frauennetzwerk» zu machen, denn das machte ja schon Regula Fecker. (Danke, Regi: #frauenarbeit). Ich so: « –– »

Wenn man etwas dringend braucht, so wie ich in dem Moment eine Replik, dann liegt das meist fern. Ich sagte später auch nichts mehr, weil, wenn dann im Meeting noch die Stimme zitterte, würde ich gefressen werden, hatte ich mal gelesen. Jedenfalls solle ich, was immer ich genau vorhätte in punkto «Frauenförderung» (ist das eigentlich schon ein Unwort?), einfach mal machen, man hätte eh keine Lust mehr, wiederholt davon zu hören, bevor was auch immer nicht erledigt sei. Man sei jedoch dafür.

Nachdem ich mich mit ein paar Anderen vielerlei Geschlechts ausgetauscht hatte, um sicherzustellen, dass meine persönliche Befindlichkeit nicht komplett den Purpose vernebelt, muss ich einmal mehr feststellen: Nicht nur, weil alle anderen Problemthemen cooler sind als irgendein ein F-Thema, (Erderwärmung, zum Beispiel, niemand würde anmerken: «Du mobilisierst Müllvermeider? Aber das macht doch schon Konstanze Hungerbühler!») ist die Aktivismus-Arschkarte in der Werbebranche grösser als ein Megaplakat, sondern weil viele von uns Kommunikationsprofis heimlich denken, die Angelegenheit ginge sie nichts an, sei sowieso «over» und wenn doch nicht, dann spätestens mit dem Nachwuchs, denn DIE sähen DAS sowieso ganz anders.

Es ist wie mit Snapchat damals und dem Metaverse heute. Man kuckt sich etwas eine gewisse Zeit an, ist dabei latent genervt, will aber nicht verpassen, was «daily business» werden könnte, und sobald etwas weder neu ist noch easy läuft, versucht man sich am «next big thing». Eine von Briefing bis Präsentation gewohnt überschaubare Tiefgründigkeit reicht aber nicht für die grossen Aufgaben, wie es viele sogenannte «Frauenthemen» und andere Mammutprobleme nun mal sind, und das ist ein Dilemma, denn, «wer, wenn nicht Bier» (alte Astra-Headline, ein bisschen Spass muss sein) wäre eigentlich besser geeignet, grossen Herausforderungen starke Ideen entgegenzusetzen?

Is there hope? Ich denke schon, ungeduldig. Unsere Branche bleibt ein Spiegel der Wirtschaft. Dort mehr Frauen, hier mehr Frauen, dort ESG-Richtlinien, hier nochmal genau nachlesen, was das ist. Das geht alles nicht mehr weg und braucht den langen Atem. Mein Kollege von weiter oben im Text muss sich bewusstwerden, dass es nicht darum geht, mit «Frauenthemen-Ideen» einen Award zu gewinnen, (ginge sogar, und das ist gut und gleichzeitig nicht gut genug) sondern darum, aus einer noch zu entdeckenden Gemengelage aus neuen und alten Ideen, über einen undefinierten Zeitraum, gesellschaftlichen Wandel zu erreichen. Und ja, «social change» klingt besser, und mir wäre ein ordentlicher Präsentationstermin, gerne früh morgens, auch lieb, aber … Wandel ist (ein wenig) wie Weihnachtsspot. Knifflig in der Konzeption, anstrengend in der Umsetzung. Damit es überhaupt funktioniert braucht es ein Team, und bis mal jemandem auffällt, man könne es vielleicht anders lösen als mit Kunstschnee, ist schon wieder Weihnachten. In diesem Sinne: schöne Feiertage!



Inken Rohweder von Trotha arbeitet als freie Kreative in Zürich.
(Bild: Mirjam Kluka)

Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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