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: Alles halb so wild

Natürlich war der Ukas von Doris Leuthard nicht der erhoffte Sieg für Roger de Weck, weil er zuvor den Zugang zur Onlinewerbung zu einer Existenzfrage der SRG stilisiert hatte. Aber nun kommt die gute Nachricht: Alles nur halb so wild, wenn man die Fakten betrachtet. Erstens scheint die Onlinewerbung bereits einen ersten Peak erreicht zu haben. Die grossen Wachstumsraten der letzten Jahre sind offenbar Geschichte. Goldbach meldete im ersten Halbjahr einen Onlineeinbruch von dramatischen 27 Prozent, und auch bei der Tamedia sind die Umsätze weggebrochen, was sich in einem enttäuschenden Ergebnis niederschlug. Immer deutlicher wird erkennbar, dass das neue Medium die anschwellenden Verluste im Print nicht wettmachen wird. Da lohnt sich ein Blick auf die Fakten besonders. Roger de Weck erklärte in meiner TV-Sendung: "Ich glaube, dass das Angebot der SRG noch nie so stark genutzt worden ist wie jetzt" und verwies vor allem auf das Internet. "Wir haben kein Quotenproblem, sondern ein Messproblem." Vor allem die Jungen würden seine Programme auf neue Weise nutzen. Doch die Realität ist eine andere. Die nonlineare Nutzung von SRG-Programmen wird von Fachleuten, die Zugang zu allen verfügbaren Daten haben, auf mickrige zwei Prozent (!) der Gesamtnutzung geschätzt. Es sind deshalb bloss Schätzungen, weil es im Internet tatsächlich Messprobleme gibt. Im Gegensatz zur TV-Nutzung weiss man bei den Podcasts nicht einmal, wer eine Sendung ohne zu öffnen bloss heruntergeladen hat, und noch weniger ist erkennbar, wie viel er von einer Sendung konsumiert hat – ganz im Gegensatz zu den Quoten- und Marktanteilsmessungen der Publicadata. Gleiches gilt für die Nutzung über andere Portale. Zudem sind die Daten bei den Podcasts bisher äusserst bescheiden. So hatte etwa die "Tagesschau" am 13. September einen Marktanteil von tollen 53,6 Prozent, was 697'000 Zuschauern entspricht. Die entsprechenden Abfragen über Podcast: 4623 Personen – also nicht einmal ein Prozent. Die Unterschiede sind in der Realität wohl noch grösser, weil man über Podcasts gezielt einzelne Beiträge der Sendung abrufen kann. Ähnliche bescheidene Werte gelten auch für andere Programme, wobei Giacobbo/Müller an der Spitze steht. Hohe Click-Zahlen erreicht die SRG allein mit dem Infoportal. Das heisst, dass der aktuelle Schwund der Quoten und der Marktanteile nicht mit einem Verweis auf das SRG-Angebot im Internet erklärbar ist. Viel gewichtiger ist wohl das Digital-TV mit seiner grossen Zahl von Sendern, welche immer stärker konsumiert werden. Darunter leiden auch alle etablierten Sender in Deutschland, nicht nur ARD und ZDF, sondern auch die Privaten. Zudem werden aktuelle Informationen laufend mehr im Internet konsumiert, und das Fernsehen hinkt meist hinterher. Darauf haben bisher alle TV-Infosendungen keine Antwort gefunden. Dieser Erosion kann man deshalb nicht begegnen, indem man die Palette der verfügbaren technischen Plattformen laufend erweitert, sondern es ist vor allem eine Herausforderung für die Programmmacher. Und damit komme ich zum guten Teil meiner Botschaft für Roger de Weck: Online ist gar nicht so ungemein wichtig, wie es heute erscheint. Vieles ist Hype, manches ist warme Luft. Vor allem die kommerzielle Nutzung ist dornenvoll, wie die meist ratlosen Verleger erfahren mussten. Und aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben, wie Doris Leuthard erklärte. Nein, die SRG wird deswegen nicht in Nöte geraten, wenn sie sich nun mit voller Kraft ihrer Kernaufgabe in einem sich rasant verändernden Umfeld zuwendet: mit tollen, neuen Programmen für ein grosses Publikum.
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