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Alles Sünder oder was?

René Zeyer

Die sich zu Tode sparenden Medien versuchen zunehmend, auch komplizierte Zusammenhänge auf einfache Begriffe einzudampfen. «Steuersünder» ist einer davon. «Tausenden von Steuersündern auf den Fersen», meldet der «Blick». «Steuersünder legen Vermögen offen», weiss die «Aargauer Zeitung». Die Online-Enzyklopädie Wikipedia erklärt, was eine «Steuersünder-CD» ist, um die «Angst der Steuersünder» weiss die NZZ.

Drohen diesen Sündern also Pech und Schwefel, ein zeitlich befristeter oder gar ewiger Aufenthalt in der Hölle? Sind sie aus der göttlichen Ordnung gefallen und werden spätestens beim Jüngsten Gericht zur Verantwortung gezogen? Oder erlangen sie wenigstens Vergebung, Gnade, Nachsicht, wenn sie gestehen, einhalten, umkehren, bereuen? Nun, «an ihren Taten sollt ihr sie erkennen» (1. Johannes 2, 1 – 6). Und an ihren Worten.

Sünde ist vor allem medial zum dümmlichen Modewort geworden, das schon bei Kleinigkeiten angewendet wird. Beim Parksünder etwa, man kann auch durch Völlerei gegen seine Linie sündigen oder seinen schlechten Geschmack in einer Modesünde zeigen.

Bei solchem Pipifax kann es ja egal sein, ob sich da allenfalls jemand in seinen religiösen Gefühlen verletzt sieht, wenn dieses Bibelwort dermassen verweltlicht wird. Etwas anders sieht es aber beim Steuersünder oder beim Umweltsünder und beim Klimasünder aus. Denn welche Einstellung man Steuern, der Umwelt oder dem Klima gegenüber auch haben mag: Wer als Sünder stigmatisiert wird, hat es schwer, sehr schwer, seine Position zu verteidigen.

Ist der Begriff Steuersünder erst mal gesetzt, ist es klar: Das ist jemand, der willentlich, aus Geiz oder anderen unlauteren Beweggründen nicht den gesetzlich vorgeschriebenen Obolus der Gesellschaft gegenüber entrichtet, von deren Allgemeinleistungen er aber profitiert. Also ein Hinterzieher und Schmarotzer und Asozialer in einer Person. Pfui.

Schauen wir uns die Sache näher an. Die vom «Blick» vermeldete Jagd auf Steuersünder findet im Zusammenhang mit dem AIA statt. Ausländische Behörden bitten die Schweiz um Amtshilfe, aufgrund von Kontodaten, die ihnen im Rahmen des Automatischen Informationsaustauschs übermittelt wurden. Dieser AIA wurde von einem sogenannten «Global Forum» definiert und zu verbindlichen Richtlinien der OECD gemacht, um grenzüberschreitende Steuerhinterziehung zu bekämpfen. Zu den Gründungsmitgliedern dieser Wirtschaftsorganisation gehört auch die Schweiz.

Das Global Forum droht allen Ländern der Welt damit, sie auf graue oder gar schwarze Listen zu nehmen, wenn sie nicht alle Vorschriften des AIA einhalten. Auch die Schweiz war schon auf der grauen Liste und damit bedroht, auf die schwarze zu kommen. Bis hierhin kann man sagen: Richtig so, wo soll da das Problem, und warum sollte der Begriff Steuersünder problematisch sein?

Ganz einfach, weil dem AIA auch so demokratische Lichtgestalten wie Bahrein, China, Katar, Mexiko, Russland und – Saudi-Arabien angeschlossen sind. Und auch die bekommen ab Herbst dieses Jahres von ihren Untertanen Kontonummer, Name, Adresse des wirtschaftlich Berechtigten, Einkommensart, Saldo und weitere Angaben von allen Konten, die von einer juristischen oder natürlichen Person in einem anderen Land als dem Herkunftsstaat gehalten werden. Wo liegt da das Problem? Es ist doch klar vereinbart, dass diese Informationen nur dazu verwendet werden dürfen, um abzuklären, ob der Steuerzahler im Land seines Steuersitzes auch ausländische Guthaben ordentlich angegeben hat. Eben um Steuersünder zu entlarven.

Natürlich kann man glauben, dass sich Russland, China oder Saudi-Arabien daran halten. Natürlich kann man glauben, dass die herrschenden Scheichs zwar einen Dissidenten in einer eigenen Botschaft bestialisch umbringen lassen, aber Informationen über Konten von saudischen Dissidenten in der Schweiz, von Unterstützungskonten, mit denen in Saudi-Arabien mutige Anwälte bezahlt werden, die ihre Mandanten gegen so barbarische Sitten wie öffentliche Enthauptung verteidigen, ausschliesslich zur Abklärung des steuerlichen Zustands verwenden.

Wenn man den Osterhasen, den Weihnachtsmann, Frau Holle, den Yeti und an Ausserirdische, die unerkannt unter uns leben, glaubt, kann man das auch glauben. Wenn nicht, sollte man doch zweimal nachdenken, ob jeder Steuersünder wirklich ein Sünder ist. Ob jeder, der ausländische Konten zuhause nicht angibt, das ausschliesslich aus niedrigen Beweggründen tut. Und wenn man dann schon beim Nachdenken ist, könnte man auch beim Park-, Mode-, Umwelt- und Klimasünder darüber nachdenken, wie sündig die eigentlich sind. Und wer da aufgrund welcher Kriterien festlegt, was Sünden und wer Sündner sind. Darin den Folterknechten der heiligen Inquisition nicht unähnlich.



René Zeyer ist Inhaber von Zeyer Kommunikation in Zürich. Er ist Publizist (BaZ, «SonntagsZeitung», «Weltwoche», NZZ) und Bestsellerautor.

Der Autor vertritt seine eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

 

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