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Auch abweichende Meinungen zulassen

Marcus Knill

Gute Teams bestehen bekanntlich aus unterschiedlichen Typen und aus Teilnehmerinnen und Teilnehmern mit unterschiedlichen Fähigkeiten. Demokratie lebt von der Auseinandersetzung mit verschiedenen Meinungen. Die Tendenz bei Arbeitsgruppen, nur noch Leute einzustellen, die gleich ticken, ist falsch. Auch unter Journalisten besteht die Gefahr, dass darauf geachtet wird, dass alle die gleiche politische Gesinnung haben.

Jüngst wurde folgender Entscheid im Bereich Bildung öffentlich kritisiert: Die Uni Basel wollte im Bewerbungsgespräch für das Doktorat einen Gesinnungstest einführen über die Einstellung zur kulturellen Vielfalt, zur Inklusion. Dieses Ansinnen war kontrovers. Wenn beim Gesinnungstest zur Inklusion und Diversität nur noch eine Sicht toleriert wird, ist dies fragwürdig. Über Inklusion in der Bildung kann man durchaus unterschiedlicher Meinung sein. Die Kritik in den Medien über diese Indoktrination hat nun immerhin zur Folge, dass der Leitfaden von der Universität überarbeitet wird. Der Vorwurf, die Überprüfung der Gesinnung über die Inklusion sei wichtiger als wissenschaftliche Qualifikation, hat wahrscheinlich ein Umdenken bewirkt.

Der Einsatz für die Vielfalt der Meinung ist immer wieder notwendig. Bei der Cliquenbildung werden sehr schnell abweichende Meinungen an den Pranger gestellt.

In Deutschland ist es erstaunlich, dass die missliebige, aber demokratisch gewählte AfD geächtet wird. Keine Moderatorin wird ein AfD-Mitglied zu einer Diskussion einladen. Das ist mit ein Grund für den Erfolg der rechtskonservativen Partei. Sie profitiert von der orchestrierten Isolierung.

Bei Parteiplattformen oder in Diktaturen ist es nachvollziehbar, dass die Zensurschere ständig zum Einsatz kommt. Die Forumspresse und die Internetredaktionen sind jedoch bei Leserbriefen und Kommentaren gut beraten, keine Hürden für missliebige Meinungen einzubauen.

Eine solche Hürde will der Genfer Ständerat Mauro Poggia (MCG/SVP-Fraktion) einführen. Er fordert in einer Motion, dass Medien, die öffentliche Förderung erhalten, keine anonymen Kommentare publizieren dürfen (persoenlich.com berichtete).

Die Kommentare haben eine wichtige Ventilfunktion bei der Bevölkerung. Menschen können den Frust abbauen. Damit keine Hasstexte und persönlichkeitsverletzende Worte publiziert werden können, besitzen wir bereits genügend rechtliche Werkzeuge.

Ich schätze beispielsweise bei der Redaktion von 20 Minuten, dass dort Kommentare immer noch offen und grosszügig zugelassen werden. Auf Hürden zur Eindämmung missliebiger Meinungen wurde bislang verzichtet.

Die Bereitschaft, abweichende Meinungen anzuhören und zu dulden, ist nicht angeboren. Als Ombudsmann habe ich immer wieder erlebt, dass die Bereitschaft, unliebsame Botschaften anzuhören, gelernt werden muss.

Nicht nur beim Journalismus, auch in den verschiedensten Lebensbereichen, wie Partnerschaft, Ehe, Bildung, aber auch am Biertisch können uns unliebsame Meinungen weiterbringen. Gefragt ist im Leben: Vielfalt statt Einheitsbrei.



Marcus Knill ist Experte für Medienrhetorik, Berater und Autor von rhetorik.ch.

Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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