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Auf einem Auge blind

Felix E. Müller

Auf einer ganzen Seite im Tages-Anzeiger gab der Zürcher Anwalt Andràs Gurovits einen Einblick in seine Stimmungslage wegen des Ukraine-Kriegs. Gurovits ist Vizepräsident der Fussballer von GC und verheiratet mit einer Ukrainerin. Deren Verwandte wollte der bekannte Anwalt in Sicherheit bringen, weshalb er vor wenigen Tagen an die polnische Grenze gereist ist, um sie dort in der Masse der Flüchtlinge zu finden und mitzunehmen.

Aufgewühlt von den Ereignissen verurteilt Gurovits Putins Invasion mit schärfsten Worten. Er fordert die Verbannung Russlands aus dem internationalen Sport, die Blockierung russischer Konten und die Ausweisung aller Russen aus der Schweiz. Wer wollte seinen Zorn nicht verstehen?

Allerdings ist Gurovits auf einem Auge blind. Als GC-Vizepräsident ist er Statthalter der chinesischen Besitzer des Rekordmeisters, der Firma Fosun. Bei dieser handelt es sich um ein intransparentes Firmenkonstrukt im Dunstkreis der chinesischen Regierung. Peking hat Putins Krieg bis heute nicht verurteilt, sondern dürfte sich eher als Ort für Umgehungsgeschäfte für die boykottbedrohte russische Wirtschaft anbieten.

Offenbar hat Gurovits bis China nicht realisiert, dass China, wie Russland, eine Diktatur ist und ebenfalls eine antiwestliche Politik betreibt. China bedroht wie Russland Nachbarstaaten, nämlich Taiwan. China hat die Demokratiebewegung in Hongkong niedergeknüppelt, China will die Kultur der Uiguren ausradieren – mit anderen Worten: Die Politik von China unterscheidet sich nicht grundsätzlich von derjenigen Russlands. Nur ist Xi etwas schlauer als Putin.

Andràs Gurovits könnte seinem Zorn Taten folgen lassen, indem er sein anderes Auge öffnet und einsieht, dass er mit seinen Diensten für die Firma Fosun indirekt fördert, was er im Fall von Putin heftig verurteilt. Es ist nicht gut, den Interessen solcher Staaten zu dienen. Jeder soll für die Freiheit kämpfen, wo er es kann. Gurovits ist in der beneidenswerten Lage, ein starkes Zeichen für Menschenrechte und Demokratie zu setzen, indem er GC aus dem Griff der Chinesen löst.



Felix E. Müller war 15 Jahre lang Chefredaktor der NZZ am Sonntag. Seit 2018 ist er Präsident des Zurich Film Festival (ZFF).

Unsere Blogautoren vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

 

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