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Augmented Reality, das nächste grosse Ding

Manfred Klemann

Erinnern Sie sich an die Google-Datenbrille? Kaum mehr, sie war ein veritabler Flop des Suchmaschinen-Riesen. Dabei sollte diese Brille der erste Einstieg werden in das, was man «Augmented Reality» (AR) nennt: die Verbindung der Wirklichkeit um einen herum mit virtuellen Ergänzungen wie etwa bei drohenden Radarfallen, Feuerwehreinsätzen in der Nähe, Fahrradfahrern im toten Winkel, kommenden Toiletten etc. Alles, zum Beispiel, zusammengeführt im unteren Teil der Windschutzscheibe eines Autos.

Die Generation Zwanzig.10 betrachtet das Aufkommen dieser Verknüpfung von Virtualität und Realität als Selbstverständlichkeit. Eine Freundin von mir, Vanessa Hensel aus München (eigentlich zu alt für das Thema, sie ist 40 Jahre alt und darf trotzdem Vorträge zum Thema halten), quatscht mir bei jedem Treffen von dieser fantastischen neuen Augmented Reality die Ohren voll. Ihre 361 Extended Reality GmbH hat 40 weitere Mitarbeiter, deren ältester 25 Jahre alt ist. Mama Vanessa scheint mir eine der wenigen Leute über 30, die voll begreifen, was sich hinter dem Namen Augmented Reality versteckt. Dafür wird sie reich belohnt, denn Start-ups wie 361 Extended Reality in München oder Wayray im Silicon Valley gelten als die kommenden Einhörner, also Firmen, die alsbald mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertet werden.

Auch die berühmte Google-Brille könnte modifiziert zurückkommen. Für Amazon arbeitet der Physiker Babak Parviz an dem Projekt: An der Universität von Washington hat sein Team Kontaktlinsen getestet, die erfolgreich Schaltkreise und Pixel ins Auge bringen. Es ist also nicht mehr eine Brille, die digitale Anreicherungen ins Auge bringt, sondern Kontaktlinsen direkt auf der Iris. Vorteil: Das Gegenüber bekommt gar nicht mit, wenn es gefilmt oder sofort bei der Begegnung gescannt wird. Für Leute wie mich, die ein furchtbar schlechtes Gesichter-(Wiedererkennungs-)Gedächtnis haben, wäre das eine wunderbare Lebenserleichterung. Die angereicherte Realität ist also auch eine Möglichkeit, Defizite auszugleichen. Immer wissen, mit wem man spricht und was der für einen Hintergrund hat.

Noch ein paar Schlagwörter, um die Möglichkeiten der angepassten Realität zu erfassen: Kleider, die wir ausprobieren können, ohne dass wir sie liefern lassen müssen. Wohnungseinrichtungen, die wir so sehen werden, wie wir uns das vorstellen, bevor wir endgültig kaufen und anliefern lassen. Dann natürlich alles rund um Reparaturen: «Ein Monteur bei Airbus wird nicht mehr in einem physischen Handbuch hantieren, wenn er ein Flugzeug repariert», ist sich Christopher Meinecke von Bitkom (Abkürzung für: Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e. V.) sicher.

Schöne neue Welt? Ehrlich gesagt: Ich glaube, es kann gut werden. Wie schon Kanzler Helmut Kohl sagte: Es kommt darauf an, was hinten rauskommt. Dieses Mal könnte uns die Generation Zwanzig.10 erheblich mehr Sicherheit, Freundlichkeit, Erkennbarkeit und erheblich weniger Transport und Ressourcenverbrauch bringen. Alles mit dem neuen grossen Thema Augmented Reality.



Manfred Klemann ist Serial Entrepreneur und einer
der Pioniere des europäischen Internets. Er gründete 1993 die Firma Unterwegs-im-Internet und später die Plattformen wetter.com, reise.com, internateportal.de und das Deutsche Wetter Fernsehen. Heute beteiligt er sich an aussichtsreichen Start-ups in der Schweiz und in Europa.

Unsere Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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